Fußball-WM: Brasiliens Derwall - DER SPIEGEL
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Fußball-WM Brasiliens Derwall

Luiz Felipe Scolari hat Brasiliens Stürmerstar Romario nicht für den WM-Test gegen Portugal am 17. April nominiert. Weil der Goalgetter damit ziemlich sicher auch von den Welt-Titelkämpfen in Südkorea und Japan ausgeschlossen bleibt, hat Brasiliens Nationalcoach in der Heimat den Zorn der Massen auf sich gezogen.
Von Matthias Matussek
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Rio de Janeiro - Auf diese Entscheidung wartete die ganze Nation. Alle hörten hin an diesem Vormittag, auch die Bauarbeiter und die Taxifahrer und die Kellner in Sergios Kneipe in Rio de Janeiros Tijuca-Bezirk: Luiz Felipe Scolari, Trainer der brasilianischen Nationalmannschaft, gab die Namen des Aufgebots gegen Portugal bekannt. Und als der entscheidende Name fehlte - Romario - wurde gebuht und Protest gehupt.

Nun weiß es jeder: Die Chancen für den bekanntesten und immer noch besten Strafraumspieler der Welt sind auf null gesunken, für die Fahrt nach Südkorea doch noch in den Nationalkader berufen zu werden und die eigene Karriere mit einem WM-Triumph zu beschließen.

Scolari hat gesprochen. An ihm scheint alles abzuperlen. Er hat ein Gesicht von wulstiger Brutalität, das an den frühen Gene Hackman erinnert, als der noch New Yorker Bullen spielte. Mittlerweile ist Scolari der Lieblings-Holzschädel der Karikaturisten. Reglos und stur, imponierend stur.

Selbst ein letzter Gnaden-Appell des polnischen Präsidenten Aleksander Kwasniewski, der gerade das Maracana-Stadion besucht hatte, half nichts. Zuvor hatte sich schon Brasiliens Staatspräsident Fernando Henrique Cardoso für Romario eingesetzt, selbst Jacques Chirac soll Zustimmung gemurmelt haben. In England waren bereits 200.000 Unterschriften für die Kampagne "Romario must go" gesammelt. Alles ergebnislos. So, wie es aussieht, wird selbst eine einstimmige Resolution des Uno-Sicherheitsrats Scolari nicht umstimmen können.

Der Mann, der über die Gefühlslage der brasilianischen Nation bestimmt, ist ein Gaucho. Gauchos sind ein harter Menschenschlag, wettergegerbte Einzelgänger, aufgewachsen unter den endlosen kalten Himmeln des Südens, mit Churrasco und Kuhmist. Man sagt ihnen nach, dass sie sich ein Schnurrbart-Haar ausreißen, um Verträge zu unterschreiben, Scolari mag Romario nicht, weil er sich von ihm verladen fühlt.

Die ganze Nation steht hinter Romario


Der hatte einst seine Teilnahme an der Copa America abgesagt, um sich, wie er behauptete, am Auge operieren zu lassen. Scolari zeigte Verständnis - und traute kurz darauf seinen eigenen Augen nicht, denn Romario kickte munter weiter, und bestritt Freundschaftsspiele für seinen Verein Vasco da Gama. Man beschwindelt einen Gaucho nur einmal.

Seither ist Brasilien damit beschäftigt, Scolari umzustimmen. "Die ganze Nation steht hinter Romario", schreibt der Kommentator der Tageszeitung "Jornal do Brasil" heute. "Der Wunsch nach einer Berufung Romarios ist in die Gesichter und die Herzen aller gestempelt."

Pele, der König, setzte sich für ihn ein, und Dunga, Brasiliens Kapitän bei den Titelkämpfen 1994 und 1998, der mit Romario sogar das Zimmer geteilt hatte, sprach von seinem Fleiß und gab Ehrenerklärungen ab. Und überhaupt: "Würde Felipão etwa auch einen Garrincha draußen lassen, nur weil er Disziplin-Probleme hatte?" Würde er! Das Kapitel Romario, so Scolari, sei für ihn erledigt.

Auch die öffentliche Selbstentleibung des Stürmers hatte nicht mehr geholfen. Vor einigen Tagen hatte Romario im Clubhaus seines Vereins Vasco da Gama auf einer Pressekonferenz unter Tränen bekannt, wie sehr es ihm leid tue, dass er ein so "unperfekter Mensch und Vater und Ehemann" sei. Aber dass er gerne zur WM fahren würde. Scolari zu Romarios Tränen? Unbeeindruckt: "Ich wusste schon vorher, dass er heulen würde."

Die Fans staunten und fühlten mit Romario. Er war ihnen bis dahin nur als geniales Arschloch bekannt, als Superstar, der sein Handy auch im Trainingslager nie abgab und im Flugzeug eine eigene Sitzreihe beanspruchte. Doch sie liebten ihn, weil er - ob für Flamengo, Barcelona oder Vasco - in nahezu jedem Spiel seine Tore machte. Und er macht sie noch immer. Mit seinen 36 Jahren ist er nicht mehr ganz so explosiv wie früher, doch seine Instinkte sind nach wie vor wach, er steht immer goldrichtig.

Und Tore braucht dieses Nationalteam, das sich nur mit großem Gekrampfe, vielen Unentschieden, mühsamen Siegen und einigen Niederlagen nur gerade so qualifizieren konnte. In fast allen Spielen ohne Romario. Als er gegen Bolivien zum Einsatz kam, schoss er gleich drei Tore.

Scolari und Romario, das ist wie Derwall und Schuster und die achtziger Jahre. Das Mittelfeldgenie Schuster blieb außen vor, weil er nicht an Mannschafts-Heimatabenden teilnahm, auf denen Derwall in die Klampfe griff. Damals, man erinnert sich, war der deutsche Fußball auf 0:0-Spiele ganz versessen. Die brasilianische Auswahl mag der deutschen Treter-Elf von damals technisch überlegen sein, doch auch sie braucht Tore, um befreit aufspielen zu können. Und für die hat Romario stets gesorgt.

Sicher ist Scolari ein anderes Kaliber als Derwall - er hat als Vereinstrainer mit Mannschaften wie Palmeiras, Cruzeiro und Gremio bewiesen, dass er Titel holen kann. Doch nun kämpft er allein gegen alle. Die Fans sind komplett irritiert. Bisher mochten sie Scolari. Und nun nimmt er ihnen Romario!

Schon kursiert ein Gerücht, das immerhin einen Ausweg aus diesem Dilemma bietet. Scolari, so heißt es, könne gar nicht anders. "Es sind die multinationalen Konzerne, die die Geschicke bestimmen", sagt der Taxifahrer Eugenio da Silva in Sergios Kneipe in Tijuca. "Das Team wird von Antarctica und Guarana gesponsert - und Romario ist bei Coca-Cola unter Vertrag". Da nicken die anderen, und bewundern Eugenios Sachverstand.

Die Multis haben den Brasilianern schon bei der letzten WM den Titel geklaut, das weiß hier jeder. Als Nike Druck ausübte, auf dass der erkrankte Ronaldo kurzerhand im Finale gegen die von Adidas eingekleideten Franzosen doch eingesetzt wurde. Und die ganze Selecão unter Schock stand. Oder was war wirklich geschehen? Tatsächlich beschäftigte sich hinterher ein parlamentarischer Untersuchungsausschuss mit dem Thema.

Apropos Ronaldo: Die zwölf Legionäre des Teams sind bereits nominiert, Im Gegensatz zu Romario hat er sein WM-Ticket. Obwohl er verletzungsgeplagt ist. Und obwohl jeder sehen konnte, dass er im Freundschaftsspiel gegen Jugoslawien das Bein nachzog. Er ist offenbar so unbrauchbar, dass Inter Mailand für die letzten wichtigen Ligaspiele ganz auf seinen Dienste verzichtet. Aber dann wiederum: Der Trainer Inter Mailands ist ein Argentinier. "Und der", so Eugenio, "hat kein Interesse daran, Ronaldo für die WM in Form zu bringen."

Wer weiß, vielleicht hat auch Scolari eine argentinische Großmutter? Das würde dann alles erklären. "Fußball", sagt Eugenio, "ist eben immer mehr als nur Fußball."

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