Ghanas Nationalmannschaft: Schlechte Stimmung bei den "Black Stars"
Ghanas Trainer Appiah Stiller Killer
An sich ist Kwesi Appiah kein lauter Mensch. Fast schüchtern wirkt der Trainer der ghanaischen Nationalmannschaft, wenn er mit Journalisten spricht. Doch vor der WM sagte der 54-Jährige gleich in mehrere Interviews diesen Satz: "Ich glaube, dass Ghana die Weltmeisterschaft gewinnen wird." Selbst der mit allem Selbstvertrauen des Fußballplaneten ausgestatte holländische Trainer Louis van Gaal würde sich nicht zu solch einer Aussage hinreißen lassen.
Nach nur einer Partie erscheint Appiahs ambitioniertes Vorhaben wie der reinste Größenwahn - nicht nur wegen der Auftakt-Niederlage gegen die USA, sondern auch weil die Stimmung im Lager der "Black Stars" in den vergangenen Tagen katastrophal gewesen ist. Und für die trägt ein Trainer nunmal die Hauptverantwortung. Doch Appiah ist mit einigen Spielern in einen Machtkampf geraten, den er eigentlich nur verlieren kann.
Im vergangenen Sommer gab es schon einmal eine solche Situation, als Sulley Muntari sich nach einer Auswechslung mit einer abfälligen Handbewegung Richtung Appiah auf die Bank sinken ließ. Damals suspendierte der Trainer den Star vom AC Mailand für einige Zeit aus der Nationalmannschaft. "Silent Killer" nennen die Spieler Appiah seither.
Besonders Appiahs Umgang mit den Stars wird zum Problem
Nun hat er Kevin-Prince Boateng vor dem Spiel gegen die USA (1:2) in einem ähnlichen Akt zum Ersatzspieler degradiert - allerdings gibt es einen entscheidenden Unterschied zum Fall Muntari. In Phasen der Qualifikationsspiele sind die "Big Ones", wie die Gruppe der großen Spieler um Asamoah Gyan, Michael Essien, Muntari, André Ayew und Boateng genannt wird, manchmal gar nicht unglücklich, wenn sie sich die unbequemen Reisen nach Afrika sparen können.
Doch jetzt ist WM, da lässt sich keiner gern killen.
Appiah aber setzte Boateng im ersten Spiel auf die Bank, ohne dem Spieler die Entscheidung zu begründen. Hinter diesen Vorgängen stellt sich in Afrika immer wieder die Frage: Wie schaffen die Trainer es, als Autorität wahrgenommen zu werden, obwohl die Spieler die viel größeren Stars sind und auch noch deutlich mehr Geld verdienen?
Appiah ist auf dieser Ebene besonders angreifbar, weil er nie in Europa war, weder als Spieler, noch als Trainer. In einem Gespräch mit "11Freunde" erwiderte Appiah auf die Frage, ob das ein Nachteil sei: "Manchmal schon, aber ich glaube zu wissen, was zu tun ist und wie ich mit den großen Spielern umgehen muss."
Das darf man nach den Ereignissen der vergangenen Tage getrost bezweifeln. Appiah war zwar der erste einheimische Trainer, dem es gelungen ist, Ghana zu einer WM zu führen, wofür er von der Day Spring Christian University of Mississippi in den USA einen "Ehrendoktortitel in Sportpsychologie" verliehen bekam. Ein wirklich guter Psychologe ist der Mann aber nicht.
In Ghana tobt nun die Trainerdebatte
Sonst hätte er gewusst, dass er Boateng nicht ohne eine gute und an die Mannschaft übermittelte Begründung auf die Bank setzen kann. Möglicherweise hätte er die Eskalation in den darauffolgenden Tagen verhindern können. Aber Appiah schwieg, das Spiel ging verloren - und nun tobt eine Trainerdebatte in Ghana.
Eigentlich hätte der Verband ohnehin lieber einen Ausländer verpflichtet, doch der favorisierte Marcel Desailly hatte kein Interesse. Und nachdem der Markt sondiert war und kein anderer Kandidat gefunden wurde, nahm man eben Appiah. Einen Mann, der in seiner aktiven Zeit bei den Presta Mine Stars und Asante Kotko in Ghana spielte, bevor er über verschiedene Stationen als Klubtrainer Assistent von Milovan Rajevac bei der Nationalmannschaft wurde.
2010 erlebte er in dieser Position den Einzug der "Black Stars" ins WM-Viertelfinale. "Sein dauerhaft großes Engagement für Ghanas Fußball hat sich von der Kindheit in der Fußball-Jugend zu einer tiefen Hingabe für die 'Black Stars' entwickelt", lobte Verbandschef Kwesi Nyantakyi einst etwas hölzern.
Zunächst war Appiah auch als Cheftrainer erfolgreich. Der Halbfinaleinzug beim Afrika-Cup 2013, als er mit einer sehr jungen Mannschaft antreten musste, weil Topstars wie die Ayew-Brüder, Essien, Muntari und Boateng nicht teilnahmen, war ein beachtlicher Erfolg.
Und die reibungslose Qualifikation für die WM in Brasilien besänftigte dann auch hartnäckige Zweifler wie Abedi Pele. Der beste ghanaische Spieler der Geschichte, der zwischen 1991 und 1993 dreimal in Folge zu Afrikas Fußballer des Jahres und hinter Roger Milla und George Weah zum drittbesten afrikanischen Fußballer des Jahrhunderts gewählt wurde, pflegte über Jahre einen Konflikt mit Appiah. Vor der WM sagte Pele: "Appiah ist ein großartiger Stratege, und unser Fußball ist im Moment phänomenal."
Gerade erst haben sie Appiahs Vertrag bis 2016 verlängert, aber wenn diese WM in den kommenden Tagen endgültig zu einem ghanaischen Desaster wird, wäre der größte Verlierer vermutlich Kwesi Appiah.