Fußballbuch "Damned United" Die Tage des Brian
Leeds-Trainer Brian Clough: 44 Tage beim falschen Verein
Foto: Roger Jackson/ Getty ImagesAm Anfang steht ein Ende: Zu Beginn des Romans "Damned United" von David Peace, der nun von Thomas Lötz aus dem Englischen übersetzt wurde, beendet ein Foul die Spielerkarriere des Brian Clough.
Im winterlichen Matsch des Jahres 1962, Blut am Kopf, zertrümmerte Knochen im Knie und Schweißgeruch in der Nase, nimmt das Fußballerleben des zweimaligen englischen Nationalspielers eine Wendung. Der Rekordtorschütze wird zum Invaliden, Clough beginnt eine Karriere als Coach.
Autor Peace erzählt "ein englisches Märchen", wie es im Untertitel heißt, es basiert auf der wahren Geschichte der Trainer-Diva Clough. "Dieser Roman ist eine weitere Fiktion, basierend auf einem weiteren Fakt", schreibt Peace im Anhang. Dank der Fiktion erwachen die Fakten zu Leben. Mit viel Tempo eilt die Story, die in England zum kollektiven Fußball-Gedächtnis gehört, in Deutschland aber bei weitem nicht so bekannt ist, von Tag zu Tag.
Als Trainer übernahm Clough, Jahrgang 1935, nach seiner ersten Station beim Viertligisten Hartlepool United den damaligen Zweitligisten Derby County. Es folgen der Aufstieg in die erste englische Liga, die heutige Premier League, die damals noch den Namen Football League First Division trug. Dort schaffte Clough gemeinsam mit seinem Co-Trainer Peter Taylor einen vierten Platz. In der folgenden Saison 1971/1972 folgte sensationell der Gewinn der Meisterschaft.
"Hinter den Kulissen sind immer Zweifel, Angst und Ärger"
Doch der größenwahnsinnige Clough überwirft sich mit der Vereinsführung, obwohl er nach seinem Triumph ohnehin schon so ziemlich tun und lassen kann, was er will. Er verlässt die Stadt, die ihm, dem Großmaul und Trinker, zu Füßen liegt. Auch bei der Zwischenstation beim Drittligisten Brighton & Hove Albion, fühlt er sich geschmeichelt von den Privilegien, die er genießt, aber zugleich unterfordert und unmotiviert. Somit endet das Kapitel für Clough rasch wieder.
Er heuert bei Leeds United an, es ist der Anfang eines einzigen Missverständnisses, das nur 44 Tage dauern soll. 44 Tage Qual, für Clough, für die Leeds-Spieler und den Verein. Und auch den Leser.
Denn Autor Peace macht kein Geheimnis daraus, dass Clough scheitern wird bei Leeds. Wenn man den Hintergrund der Geschichte noch nicht kennt, erfährt man bereits im Untertitel: Damned United, ein englisches Märchen - Mittwoch, 31. Juli bis Donnerstag, 12. September 1974, heißt es da.
Und so wird die Geschichte weniger von der Spannung getragen, wie es nun ausgeht, sondern von der Faszination, wie Clough an sich selbst scheitert, an seinen Ansprüchen, seiner Ehrlichkeit und seinem Mangel an Kompromissbereitschaft. Entweder, man lässt ihn machen, was er will, oder er provoziert einen Eklat. Und selbst wenn ihm freie Hand gelassen wird, fliegen die Fetzen. Kaum ein Satz kommt ohne Fluch oder Beschimpfung aus, Meistertrainer Clough ist schon zu Zeiten bei Derby zerfressen von Skepsis: "Dies sollten die schönsten Tage, Wochen und Monate in deinem Leben sein, aber hinter den Kulissen, oben und unten, sind immer Zweifel, immer Angst und immer Ärger."
Viel schlimmer wird es aber bei Leeds, dem Leeds, das hinter Derby in der Meistersaison auf dem zweiten Platz gelandet war. Und vor allem das Leeds, an dem Clough kein gutes Haar gelassen hatte. Vor Fernsehkameras und in seiner Zeitungskolumne hatte er die Profis von Leeds United immer wieder der Schauspielerei bezichtigt. Sie sollten am besten alle Medaillen und Pokale in den Müll werfen, sie seien nicht fair gewonnen worden. Die Profis, die meisten Nationalspieler, akzeptieren den neuen Trainer nicht.
Das Training lässt Clough von einem Assistenten leiten, er selbst kümmert sich eher um "das große Ganze". Bezeichnend eine Situation, als die verwirrten Spieler das Gespräch suchen. "Ihr verfickten Profifußballer", fährt Clough sie an, "klärt das doch unter euch".
Ende bei Leeds nach nur sechs Spieltagen
Das Engagement in Leeds wird zu einem einzigen Kampf gegen die eigenen Dämonen und Ängste. Noch immer allgegenwärtig ist sein von Verein, Spielern und Fans geliebter aber von ihm verhasster Vorgänger Donald George "Don" Revie, der inzwischen das Amt des englischen Nationaltrainers übernommen hatte. Clough bekommt einen Gedanken nicht aus seinem Kopf: "Sie sind nicht mein Team. Nicht meins. Nicht dieses Team, und sie werden es auch niemals sein. Sie sind sein Team. Sein Leeds, und das werden sie immer sein. Sein dreckiges, verficktes Leeds, und das werden sie immer sein." Zum Amtsantritt versucht Clough, zumindest oberflächlich reinen Tisch zu machen: Mit einer Axt zerlegt er das Büromobiliar seines Vorgängers und verbrennt die Trümmer auf dem Vereinsgelände.
Doch an seinem Dilemma ändert das nichts, Clough pöbelt und säuft sich seinem Verderben entgegen. Verstärkt wird dies durch Peaces geniale Idee, zwei Zeitstränge abwechselnd laufen zu lassen. Zum einen die letzten Tage von Clough bei Derby und die Demontage seines eigenen Denkmals. Zum anderen der Beginn bei Leeds. So ist man Clough stets voraus, weiß, dass sich seine Hoffnungen, das alles einfacher, alles besser und alles seiner Großartigkeit angemessener wird, wenn er erst bei einem großen Club ist, unerfüllt bleiben wird.
Clough kann sich selbst nicht entkommen. Nach 44 Tagen, sechs Ligaspielen, nur vier von zwölf Punkten und auf dem viertletzten Tabellenplatz fliegt Clough bei Leeds raus und ist noch heute der erfolgloseste Trainer, den United je hatte.
Mit dem Ende bei Leeds endet auch der Roman. Dass er tatsächlich ein Trainer mit Fachverstand ist, beweist Clough später eindrucksvoll bei Nottingham Forest: Wie bei Derby führt er den Club in die erste Liga und dann zum Meistertitel. Es folgen Pokalsiege, eine weitere Meisterschaft und sogar der Triumph im Europapokal der Landesmeister 1979 (gegen Malmö) und 1980 (gegen den Hamburger SV). 2004 starb Brian Clough im Alter von 68 Jahren. In Derby. Derzeit steht County in der zweiten englischen Liga auf dem dritten Tabellenplatz. Auf der Bank sitzt Nigel Clough. Brians Sohn.