Fußballfans in England: Ab nach Hause - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen

Fußballfans in England Ab nach Hause

Große Siege, große Gefühle: In Deutschland feiern die Fans ihre Helden nach gewonnenen Spielen - in England sind die Stadien mit Abpfiff leer. Warum eigentlich? Eine Kolumne von Hendrik Buchheister.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Das Schöne an einem Umzug in ein fremdes Land ist ja, dass man sich selbst neu kennenlernt. Egal, für wie weltgewandt und offen man sich hält, man hat Klischees im Kopf, die man zwangsläufig nach und nach über die Erlebnisse legt. Dass Vorurteil und Realität selten deckungsgleich sind, habe ich in England natürlich am deutlichsten beim Fußball gemerkt.

Ich dachte zum Beispiel, dass der Unterschied zwischen englischen und deutschen Fans so groß nicht sein kann. England gehört zwar bald nicht mehr zur EU, aber liegt ja nun auch nicht in Südamerika. Das Gemüt der Briten ist uns ja ähnlich, dachte ich. Beim Fußball stimmt das nicht.

Vermutlich ist es nicht korrekt, von sportlichen Ausnahmesituationen auf den Alltag zu schließen, doch ich habe das Gefühl, dass dieser Schluss einen grundsätzlichen Unterschied zeigt. Und zwar den Unterschied, wie sich Fußballer und Fans in Deutschland und in England direkt nach dem Spiel verhalten, in den Sekunden und Minuten nach Abpfiff.

Autoren-Info
Foto: Verena Knemeyer

Hendrik Buchheister, Jahrgang 1986, sah seine ersten Fußballspiele im alten Wolfsburger VfL-Stadion. Später - als Journalist - war er für den Fußballnorden zuständig. Nachdem es nicht gelang, den HSV in die zweite Liga zu schreiben, folgte der Wechsel nach England: Er berichtet seit August 2017 aus Manchester über britischen Fußball und hofft weiterhin auf eine Karriere als Torwart.

Kolumne Life Goals

Die letzten Spiele, die ich in Deutschland besuchen durfte, bevor ich nach England zog, waren das Bundesliga-Finale zwischen dem HSV und dem VfL Wolfsburg und die Relegation zwischen Wolfsburg und Braunschweig. Hängengeblieben sind Bilder des emotionalen Kontrollverlusts.

Im Volksparkstadion stürmten die Zuschauer den Platz, als der HSV wieder einmal den Abstieg verhindert hatte, wieder einmal durch ein Tor in letzter Sekunde. Die Spieler ließen sich umarmen, fotografieren, einige von ihnen standen auf dem Dach der Trainerbank und dirigierten die Gesänge des Publikums.

Fotostrecke

Bundesliga: HSV-Rettung, Teil drei

Foto: Christian Charisius/ dpa

Im Braunschweiger Eintracht-Stadion rannte Wolfsburgs Mittelfeldmann Vieirinha nach seinem entscheidenden Treffer zu den eigenen Fans, die Kollegen hinterher, und als das Spiel (und ein in feindlicher Absicht geführter Braunschweiger Platzsturm) überstanden war, feierten die Fußballer des VfL hinter der Gästekurve mit ihren Anhängern den Verbleib in der Bundesliga, einige Fans schafften es sogar in den Mannschaftsbus. Wie in Hamburg verschwanden die Grenzen zwischen dem Profigeschäft und der Kundschaft. Fans und Spieler verschmolzen zu einem Klumpen des Glücks.

Es wird viel darüber geklagt, dass der Fußball in Deutschland die Nähe zur Basis verliert, manchmal vielleicht sogar zu Recht. Doch nach gewonnen Spielen, vor allem nach gewonnenen sehr wichtigen Spielen, ist sie immer noch da.

Das ist in England anders, wo Zurückhaltung und Distanz elementare Tugenden sind. Nicht nur beim Fußball, sondern überhaupt - und in einem ganz anderen Ausmaß, als ich es vermutet hätte.

Im Wembley-Stadion war mit Abpfiff die Fankurve leer

Ich habe zum Beispiel gelernt, dass, wenn mich jemand nach meinem Befinden fragt, er nicht hören möchte, dass ich gerade eine Erkältung ausgestanden habe (der Herbst eben!), wie es mit der Arbeit läuft und wie meine Wochenendgestaltung aussieht. Das mag in Deutschland akzeptabler Smalltalk sein. Hier genügt es, wenn ich sage: "Gut, danke. Und selbst?" Dann kommt ein "Ja, nicht ganz schlecht". Not too bad.

Auf den Fußball übertragen macht sich diese Zurückhaltung bemerkbar in der Routine nach dem Schlusspfiff. Das erste Spiel, das ich gesehen habe, nachdem ich meine Koffer in Manchester ausgepackt hatte, war Liverpool gegen Hoffenheim in der Qualifikation zur Champions League. Es war ein rauschender Abend an der doch ziemlich lauten Anfield Road, Liverpool gewann 4:2 und qualifizierte sich endlich mal wieder für die Gruppenphase. Doch nach dem Spiel winkten die Spieler den Fans nur kurz zu und klatschten pflichtschuldig in die Hände. Dann gingen alle nach Hause.

Als Englands Nationalmannschaft neulich durch einen Arbeitssieg gegen Slowenien die WM-Qualifikation schaffte, war das Wembley-Stadion beim Schlusspfiff schon erstaunlich leer. Wenn die Profis zum Feiern in die Kurve geschritten wären, wären sie ziemlich einsam gewesen.

Es scheint weder bei Spielern noch bei Fans ein Verlangen danach zu geben, nach dem Spiel besonders innig miteinander umzugehen, nicht einmal im Erfolgsfall.

Ich spiele neuerdings in einer Fünfer-Mannschaft, zweimal die Woche, kleines Feld, Kunstrasen. Aus Deutschland kenne ich es so, dass man nach dem Schlusspfiff miteinander abklatscht, sich vielleicht sogar umarmt und ein bisschen herumbrüllt, auf jeden Fall aber sehr aufgekratzt ist. In England gibt man sich die Hand wie jemandem, den man zum ersten Mal trifft. Dann gehen alle nach Hause.

Mehr lesen über

Verwandte Artikel