Fußballtheorie: Der Fluch der drei Punkte - DER SPIEGEL
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Fußballtheorie Der Fluch der drei Punkte

Im Kampf gegen die drohende Torflaute kamen Fußballvordenker Mitte der neunziger Jahre auf einen neuen Passus: Die Drei-Punkte-Regel sollte zu mehr Treffern anspornen. Warum die Idee im Rückblick aber das genaue Gegenteil bewirkte, analysiert Christoph Biermann.
Immer selteneres Bild: Ausgelassener Torjubel
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Foto: Z5326 Thomas Eisenhuth/ dpa
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Fußball ist nicht nur der Ballsport, in dem wohl die wenigsten Treffer erzielt werden, es werden auch immer weniger. Die Entwicklung schreitet nicht linear voran, aber der Trend ist seit Jahrzehnten ungebrochen, wie der Wirtschaftswissenschaftler Ignacio Palacios-Huerta von der Brown University 2004 belegt hat.

Er untersuchte alle Spielergebnisse im englischen Fußball von 1888 bis 1996, das waren nicht weniger als 39.550 Spiele der ersten Liga, 39.796 der zweiten, 20.424 der dritten und 20.017 der vierten Liga. Dabei bestätigte sich, dass die Torquote kontinuierlich fiel.

Im Zeitraum von 1888 bis 1915 waren in der höchsten Spielklasse im Schnitt noch 3,3 Tore pro Spiel erzielt worden, von 1920 bis 1939 fielen durchschnittlich 3,28 Treffer, von 1947 bis 1982 waren es genau drei und von 1982 bis 1996 nur noch 2,65. Die Zahlen der unteren Klassen lagen etwas niedriger und machten die gleiche Abwärtskurve mit.

Spöttische Kritik für geringe Zahl von Treffern

Darüber hinaus hatten Palacios-Huerta und Luis Garicano, der heute an der London School of Economics lehrt, mit einer gemeinsamen Arbeit im Jahre 2006 jedoch mehr im Sinn, als nur Tore zu zählen. Sie wollten vor allem herausfinden, wie sich eine der wichtigsten Regeländerungen auf den Fußball auswirkt, von der jüngere Fußballfans vermutlich gar nicht mehr genau wissen, dass es sie nicht immer schon gegeben hat: die Drei-Punkte-Regel.

Bei der ersten Fassung von Fußballregeln im 19. Jahrhundert war festgelegt worden, dass es für den Sieger eines Spiels zwei Punkte geben sollte, für den Verlierer keinen und im Fall eines Unentschiedens die beiden Punkte geteilt werden. Eine erste Ausnahme von dieser Regel gab es beim Versuch der Etablierung von Profifußball in den USA zu Beginn der siebziger Jahre.

Anfang der neunziger Jahre, anlässlich der Weltmeisterschaft 1994 in den USA, begann erneut eine Debatte darüber, wie man im Fußball für mehr Angriffsschwung und eine größere Zahl von Toren sorgen könne. So beschloss die Fifa, bei der WM eine neue Regel auszuprobieren: Für einen Sieg sollte es einen Zusatzpunkt geben. Vor allem die amerikanischen Organisatoren hatten darauf gedrängt, weil die im Vergleich zu den amerikanischen Mannschaftssportarten geringe Zahl von Treffern in den USA ständig Anlass zu spöttischer Kritik gab.

Weltweite Einführung der Drei-Punkte-Regel

Der Versuch bei der WM wurde als gelungen interpretiert, ab der Saison 1995/1996 wurde dann weltweit die Drei-Punkte-Regel eingeführt. Doch der gewünschte Effekt, dass offensiver gespielt und mehr Tore erzielt werden, blieb aus. In Deutschland waren von Einführung der Bundesliga 1963 an bis zur Saison 1987/1988 mit der Ausnahme von zwei Spielzeiten durchschnittlich immer über drei Tore pro Spiel erzielt worden. Danach war sie unter diese Grenze gerutscht, nur in der Saison 1994/1995 fielen noch einmal 3,02 Treffer pro Spiel, anschließend wurde die Grenze von drei Toren pro Spiel nie wieder übertroffen.

Auch in den anderen großen europäischen Ligen zeigten sich die Mannschaften relativ unbeeindruckt davon, dass ein Sieg mit drei Punkten belohnt wurde. Die englische Premier League erreichte 2006/2007 sogar nur noch 2,45 Tore pro Spiel. Das unterboten nicht einmal die Defensivspezialisten aus Italien. Dagegen brach in Frankreich die totale Tordürre aus, 2005/2006 kam die Ligue 1 auf nur noch 2,13 Tore pro Spiel. In den fünf europäischen Spitzenligen in England, Italien, Spanien, Frankreich und Deutschland erreichte nach dem Jahr 2001 nur noch die Bundesliga einen Wert von 2,7 Toren, überall sonst waren es weniger.

Statt offensiven Fußball zu fördern, gegenteiliger Effekt

Auf die Weltmeisterschaften hatte die Drei-Punkte-Regel ebenfalls keinen stimulierenden Einfluss. Seit der Endrunde 1994 in den USA wurden jedes Mal weniger Tore erzielt als beim Turnier zuvor. Die nur noch 2,30 Tore pro Spiel bei der Endrunde 2006 in Deutschland waren der zweitschlechteste Wert aller Zeiten.

Erklärt wurde diese Entwicklung gemeinhin damit, dass die Spieler immer besser austrainiert seien, die taktischen Maßnahmen raffinierter und rigider wurden. Dass die Drei-Punkte-Regel selbst etwas mit dieser Entwicklung zu tun haben könnte, dachte niemand. Erst Palacios-Huertas und Garicano zeigten auf, welchen Schaden die Regeländerung angerichtet hatte. Statt offensiven Fußball zu fördern, hatte sie genau den gegenteiligen Effekt.

Weniger Tore - mehr Fouls

Die beiden Wissenschaftler sind ausgewiesene Fachleute für Spieltheorie, ein Teilgebiet der Mathematik zur Analyse von Systemen mit mehreren Akteuren, und sie hatten sich zuvor schon mit den Effekten von Anreizen beschäftigt. Denn nicht immer sorgen diese für die erwünschten Folgen. Als der amerikanische Geheimdienst CIA seinen Agenten Prämien dafür zahlte, Spione zu rekrutieren, stieg deren Zahl sofort.

Weil aber nur deren Zahl und nicht ihre Qualität honoriert wurde, machten sich die CIA-Mitarbeiter keine Mühe mehr, die Spione in Spitzenpositionen zu schleusen. Berühmt geworden für die Auswirkungen von Anreizen ist auch das Beispiel betrügender Lehrer, das Steven David Levitt in seinem Buch "Freakonomics" beschreibt. Weil die Schulen für Lernerfolge der Schüler belohnt wurden, manipulierten Lehrer die Ergebnisse der Tests zugunsten der Schüler.

Wenn man für bestimmte Erfolge stärker belohnt wird, heißt es nicht zwangsläufig, die eigenen Anstrengungen zu erhöhen. Oft werden nur die Bemühungen anderer sabotiert, und genau das passierte nach Einführung der Drei-Punkte-Regel. Die beiden Wissenschaftler wiesen das im Vergleich der Saison 1994/1995 in der spanischen ersten Liga, der letzten nach altem Format, mit der Spielzeit 1998/1999 nach.

Das Spiel änderte sich, aber nicht auf die gewünschte Weise

Dabei stellten sie fest, dass die Zahl der Unentschieden von 29,7 Prozent geringfügig auf 25,5 Prozent sank, während die Zahl der Siege mit einem Tor Unterschied von 31 Prozent auf 40 Prozent stieg. Außerdem wurden mehr Stürmer eingesetzt. Es wurden mehr Torschüsse abgegeben und Eckbälle herausgespielt, was durchaus ein gesteigertes Offensivbemühen belegte. Doch vor allem wurde das gegnerische Spiel massiver als zuvor unterbunden.

Bei der Auswertung von Spielstatistiken aus spanischen Sportzeitungen zeigte sich, dass häufiger gefoult wurde und es mehr Verwarnungen gab. Waren schon vor der Regeländerung tendenziell zusätzliche Defensivspieler eingewechselt worden, um eine Führung zu verteidigen, verstärkte sich dieser Effekt nach der Regeländerung noch.

Das Spiel änderte sich wirklich, aber nicht auf die gewünschte Weise. Der Sieg war deutlich wertvoller geworden, es wurde deshalb aber nicht mutiger und mit offenem Visier gekämpft, sondern mit zäher und defensiverer Haltung.