Gala bei Inter Milans Taktik, Schalkes Triumph
Eines der zahlreichen Wunder, die am Dienstagabend im Giuseppe-Meazza-Stadion zu bestaunen waren, trug einen schwimmbadblauen Trainingsanzug: Zur Abwechslung mal ohne tief ins Gesicht gezogene Kappe plapperte Jefferson Farfan ohne Unterbrechung. Ein Novum beim FC Schalke. Von dem Offensivspieler bekommt man sonst nur sehr selten etwas zu hören.
Zwar äußerte sich Farfan ausschließlich auf Spanisch. Doch bei den Werken, die Ralf Rangnick in den zwei Wochen seit seinem Neustart in Gelsenkirchen bereits vollbracht hat, scheint es nicht einmal ausgeschlossen, dass der schwer zugängliche Peruaner mit seinen Teamkollegen bald in fließendem Deutsch parliert. Schließlich hat er mittlerweile sogar einen Sprachlehrer akzeptiert.
Beim Rückspiel zur fabelhaften 5:2-Vorlage der Rangnick-Elf bei Inter Mailand wird sich Farfan am kommenden Mittwoch (20.45 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE) aber erst einmal kleinlaut geben. Am Ende einer von beiden Teams berauschend offensiv geführten ersten Halbzeit, in der Schalke gleich zweimal eine Führung der Gastgeber ausglich, sah der kräftige, schnelle Angreifer seine fünfte Gelbe Karte in der laufenden Königsklassen-Runde.
Inter vs. Schalke: Erst der Schock, dann der Jubel
Deshalb muss er im entscheidenden Duell mit Inter aussetzen - der gelassene Kommentar seines Trainers zur bevorstehenden Pause sprach allerdings Bände. "Ich hätte ihn lieber dabei, das ist klar", sagte Rangnick. Und erinnerte dann an Christoph Metzelder, Peer Kluge und Mario Gavranovic, zuletzt allesamt wichtige Stützen im Team von S04, in Mailand aber allesamt verletzt. Dann verkündete er mit Stolz: "Wir konnten schon diese drei ersetzen. Insofern bin ich zuversichtlich, dass wir das auch bei Farfan hinkriegen."
Inspiration von Inter-Rivale Milan
Wie sie das beim Viertelfinal-Hinspiel gegen den Titelverteidiger Inter hinbekommen hatten, ließ aber selbst die Protagonisten rätseln. "Es ist für mich schwer zu erklären, was da passiert ist", sagte Nationaltorhüter Manuel Neuer, als er sich eine Stunde nach Spielschluss durch den beängstigend engen Interviewgang in Richtung Mannschaftsbus bewegte. Hatten Schalkes Malocher die Mailänder - im Achtelfinale immerhin Last-Minute-Bezwinger von Bayern München - nach der Pause doch förmlich überrannt und in ihre Einzelteile zerlegt.
"Das Spiel hätte auch 5:10 oder 4:8 ausgehen können", fand Rangnick und sprach von einem "grandiosen Abend". Es habe sich, so der 52-Jährige, "ausgezahlt, von Anfang an mit einer etwas offensiveren Aufstellung zu spielen". Ein Resultat von Rangnicks Live-Besuch bei Inters 0:3 gegen den Stadtrivalen AC Mailand drei Tage zuvor, wie Manuel Neuer ("Wir waren offensiv wie selten zuvor") verriet. "Wir haben uns das Spiel gegen den AC Mailand angeschaut, überlegt, ob wir das auch so umsetzen können und es dann ähnlich wie die gemacht", sagte der S04-Kapitän.
Umso erstaunlicher, dass das mit Spielern wie Hans Sarpei und Alexander Baumjohann gelang. Beide hatte Rangnick-Vorgänger Felix Magath jeweils noch ins Schalker Reserveteam verbannt. Bemerkenswert war auch der Auftritt des 19-jährigen Joel Matip, Schütze des 1:1, in der Innenverteidigung. Oder die Aktionen des ebenfalls erst 19-jährigen Kyriakos Papadopoulos im defensiven Mittelfeld, neben dem auf dieser Position weitgehend unerprobten Jose Manuel Jurado.
Zahlreiche Unwägbarkeiten also, die die Schalker aber entschlossen kompensierten. So gelang an der Stätte ihres Uefa-Cup-Triumphs von 1997 einer der wohl sensationellsten Siege in der blau-weißen Vereinsgeschichte. Im Halbfinale der Champions League, an dessen Erreichen kein Schalker mehr ernsthaft zweifeln dürfte, wartet dann ein Traumgegner: entweder der FC Chelsea oder Manchester United.
Hohn und Spott gen München
"Seht ihr, Bayern, so wird das gemacht", sangen die seligen Schalke-Fans unter dem Dach des Giuseppe-Meazza-Stadions am Ende - und der gebürtige Gelsenkirchener Manuel Neuer schwärmte: "Bei uns standen so viele junge Spieler auf dem Platz, für uns alle ist ein Traum in Erfüllung gegangen." Da konnte es der 25-jährige Ballfänger auch verkraften, dass Inters Dejan Stankovic seine waghalsige Kopfballabwehr von der Mittellinie aus volley ins Gästetor befördert hatte. 25 Sekunden nach dem Anpfiff.
"Es ist ein bisschen ärgerlich, dass ich keine 40 Meter weit köpfen kann. 30 Meter waren doch ein bisschen kurz", sagte Neuer, und Linksverteidiger Sarpei feixte dazu: "Als es nach ein paar Sekunden schon 0:1 stand, dachte ich mir: Oh, das wird wahrscheinlich schwer."
Ohnehin war der 34-jährige Ghanaer, von Magath im vergangenen Jahr aus Leverkusen geholt und zuletzt zu den Amateuren verbannt, Schalkes redseliger Hans im Glück. "Im Nachhinein bin ich doch etwas enttäuscht. Wir hatten schließlich ein paar Chancen, auch noch das sechste Tor zu machen. Aber mit den fünf kann ich leben - gerade eben", scherzte Sarpei, ehe er sich in etwas seriöserer Form den jüngsten Fortschritten unter dem neuen Trainer zuwandte.
"Die Defensivspieler haben jetzt ihre Aufgaben, und die Offensive geht ab wie die Post", fasste der Linksverteidiger die Situation knapp zusammen und blickte entsprechend angriffslustig dem Spiel am Samstag gegen Wolfburg (15.30 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE) mit Chefcoach Magath entgegen: "Wir wollen noch Punkte sammeln - und müssen Wolfsburg schön weghauen."