Zoff um van Gaal: Trainer auf der Kippe
Geduldeter van Gaal Trainer von Rummenigges Gnaden
Beim FC Bayern München sind sie im Lauf der Jahrzehnte an vieles gewöhnt. Aber die Halbwertzeit, mit der sich zurzeit die Dinge an der Säbener Straße entwickeln, ist selbst für diesen Verein nichts normales. Am Sonntag war Trainer Louis van Gaal bereits Geschichte in München. Am Montag ist er wieder der Cheftrainer für die nächsten Aufgaben. Die Ereignisse überschlagen sich in diesen Tagen. Dennoch findet der FC Bayern nach den Aufregungen der Vorwoche langsam wieder zu sich selbst.
Die Bayern-Bosse haben etwas getan, was kaum jemand noch erwartet hätte. Sie haben mit dieser Entscheidung einen Trainer gestützt, der in der Öffentlichkeit schon erledigt schien. Letztlich ging es am Sonntag nur noch um den Namen des Nachfolgers. Es galt, lediglich die Details zu klären, ob der getreue Co-Trainer Hermann Gerland einen geordneten Saisonabschluss mit der Mannschaft gewährleistet und das Team dann dem Nachfolger übergibt oder ein Neuer mit möglichst großer Strahlkraft mit sofortiger Wirkung übernimmt.
Rafael Bénitez, der frühere Coach des FC Liverpool und von Inter Mailand, war ebenso im Gespräch wie Ex-HSV-Trainer Martin Jol, Ex-Profi Mehmet Scholl oder der holländische Saisonarbeiter Guus Hiddink. Über allen jedoch schwebte der Name Matthias Sammer. Der Sportdirektor des DFB, der mit seiner Familie in München lebt, gilt bereits seit geraumer Zeit als Favorit von Bayern-Präsident Uli Hoeneß.
Rummenigge ist der starke Mann
Hoeneß wäre unter den Münchner Granden auch derjenige gewesen, der eine Trennung von van Gaal am ehesten betrieben hätte. Das Verhältnis zwischen Trainer und Präsident ist deutlich angespannt, spätestens seit dem Herbst, als Hoeneß van Gaal in einem Fernsehauftritt ebenso unvermittelt wie massiv attackierte. Schon damals war eine Trennung denkbar - dann wäre sie allerdings vom Coach ausgegangen.
Aber Hoeneß ist nicht mehr der starke Mann im Verein. Karl-Heinz Rummenigge ist derjenige, der in München mittlerweile wirklich das Sagen hat. Der Vorstandsboss ist in den schwierigen vergangenen Monaten van Gaals Gewährsmann in der Bayern-Spitze gewesen. Einer, der die unbestrittenen sportlichen Leistungen des Coaches höher wertet als die schwierige Persönlichkeit des Trainers. Unterstützung bekam er zudem von Ehrenpräsident Franz Beckenbauer: Mit van Gaal weiterzumachen sei besser als eine "Notlösung", wird er in der "Bild"-Zeitung zitiert. Es dürfte vor allem Rummenigges Votum gewesen sein, van Gaal eine neue Chance zu geben.
Eine Chance, die allerdings zeitlich begrenzt sein wird. Dass der Niederländer auch in der kommenden Saison die Bayern betreuen wird, ist kaum vorstellbar. Ab sofort ist der 59-Jährige ein Trainer auf Abruf. Das wissen alle Beteiligten. In der Politik würde man einen solchen Mann als "lame duck", als lahme Ente, bezeichnen.
In München wird nie ein Trainer in Ruhe arbeiten können
Das Kalkül der Bosse: Trainer und Mannschaft fühlen sich nach all der Häme, die seit der Pleite in Hannover über sie ausgegossen worden ist, an der Ehre gepackt und starten jetzt als Trotzreaktion eine Siegesserie. Dann kann van Gaal am Ende der Spielzeit relativ erhobenen Hauptes seinen Abschied nehmen, die Bayern wären doch noch irgendwie für die Champions League qualifiziert, und der neue Coach könnte relativ unbelastet die neue Saison in Angriff nehmen.
Der Trainer-Arbeitsplatz in München bleibt, das zeigt die Erfahrung van Gaal, einer der kompliziertesten im internationalen Fußball. Rummenigge, Hoeneß, Beckenbauer, dazu der Sportdirektor Christian Nerlinger, der seine Rolle immer noch sucht - alle reden mit und oft genug auch rein. Eine solche Kakophonie wäre bei den Spitzenclubs in England, bei Chelsea, Manchester United oder dem FC Arsenal, undenkbar. Sie macht es jedem Trainer schwer bis unmöglich, in Ruhe zu arbeiten, ein Team nach seinen Vorstellungen zu erschaffen.
In München wird nie ein Coach drei Jahre Zeit haben, ein Spitzenteam zu formen, wie es Jürgen Klopp in Dortmund gelungen ist. Zur Erinnerung: Der Champions-League-Triumph bei Inter Mailand, nach dem das Team hymnisch gefeiert wurde, liegt nicht einmal zwei Wochen zurück. Van Gaal und der FC Bayern konnten vor Selbstvertrauen kaum laufen. Letztlich wurde vor dem damals anstehenden Liga-Gipfel gegen Borussia Dortmund sogar nur noch die Höhe des Sieges diskutiert.
Diese Arroganz ist in der Vorwoche bestraft worden. Auch van Gaal personifiziert diese Bayern-Haltung der Selbstsicherheit, auch deshalb galt er lange als adäquater Partner der Münchner Bosse. Der niederländische Coach wird in den kommenden Wochen, sofern sie ihm noch zugebilligt werden, erheblich demütiger auftreten müssen. Es ist die Frage, ob er so etwas überhaupt kann.
Das Signal der Bayern-Bosse geht aber auch an die Mannschaft: Es sind vor allem die von van Gaal geförderten Spieler gewesen, die in der vergangenen Woche maßlos enttäuschten. Holger Badstuber, den van Gaal einst dem Brasilianer Lucio vorzog, ist seit Wochen von der Rolle. Thomas Müller, der Jung-Siegfried des deutschen Fußballs, tauchte in den Spielen gegen Dortmund, Schalke und Hannover fast nur auf dem Spielberichtsbogen auf. Bastian Schweinsteiger, dem der Trainer die zentrale Rolle im im Mittelfeld anvertraute, steckte zuletzt in der Krise. Kapitän Philipp Lahm spielt seit Wochen unter seinen Möglichkeiten. In Hannover patzte dann auch noch Thomas Kraft, den van Gaal zur Nummer eins im Tor gemacht hat. Flügelstürmer Arjen Robben, zuletzt beinahe wirkungslos, ist gefordert, für sein Pendant auf der Gegenseite Franck Ribéry gilt dasselbe. Es sind diese Akteure, um die van Gaal seine Mannschaft gebaut hat. Sie sind in der Pflicht.
Als nächster Gegner wartet jetzt der Hamburger SV, dann Inter Mailand. Über die Bayern-Eruption vom Wochenende werden sich diese Teams wahrscheinlich nicht besonders freuen. Denn jetzt gilt es für jeden einzelnen Spieler des Rekordmeisters Format zu beweisen. Und Louis van Gaal hat ohnehin nichts mehr zu verlieren.