Geheimfavorit Camacho macht Spaniern Beine
Das Ambiente der Luxusherberge Montecastillo in Jerez de la Frontera verheißt Entspannung. Oben auf der Terrasse nippen Gäste an ihren Sherry-Gläsern und genießen den Blick über die hügelige Landschaft Andalusiens. Unten im Park schnurren Elektrokarren über den Rasen und kutschieren Hobbygolfer von einem Loch zum nächsten. Man spricht nicht miteinander. Man flüstert.
Nicht überall auf dem Fünf-Sterne-Areal geht es indes derart distinguiert zu. Im äußersten Winkel der Anlage auf einem Fußballplatz, wo Polizisten patrouillieren und das Refugium der Reichen überwachen, steht ein untersetzter Mann im Mittelkreis, der einen Trainingsanzug trägt und wie ein Feldherr die Hände auf dem Rücken verschränkt. Gelegentlich schmettert er Kommandos übers Feld. Es ist José Antonio Camacho, 46, der Trainer der spanischen Fußball-Nationalmannschaft.
"Nur wer hart arbeitet, wird am Ende belohnt"
Camacho stellt gerade mal wieder klar, wer der Boss ist: Fast zwei Stunden lang hält er seine Spieler mit Sprints und einstudierten Angriffszügen auf Trab. Die meisten Kicker keuchen. Einige fluchen. Denn drei Tage vor dem Abflug zur Weltmeisterschaft nach Südkorea haben sie mit einem lockeren Programm gerechnet. Camacho indes hatte andere Pläne. "Nur wer hart arbeitet", knurrt der Coach, "wird am Ende belohnt."
Den Trainer treibt besonderer Ehrgeiz. Endlich soll die Selección ihren Makel ablegen, bei WM-Turnieren als Geheimfavorit zu starten, und dann in Schönheit früh unterzugehen. Camacho will mehr als nur das Achtelfinale erreichen, in dem er auf die deutsche Elf treffen könnte; etwa wenn Spanien Gruppenerster und Deutschland in seiner Gruppe Zweiter wird. Er will sein Team in der feinen Gesellschaft des Fußballs etablieren in Augenhöhe mit Frankreich, Argentinien, Brasilien und Italien.
Unrealistisch scheint das nicht. Der französische Weltklassespieler Zinedine Zidane, seit einem Jahr bei Real Madrid unter Vertrag, sieht für Spanien "so große Möglichkeiten wie niemals zuvor". Und auch der holländische Trainer Louis van Gaal, seit kurzem mal wieder vom FC Barcelona engagiert, behauptet: "Für die Spanier ist diesmal sogar der Titel drin."
Vieles deutet darauf hin, dass der klassische Grund für das ständige Scheitern die Rivalität zwischen den Spielern von Real Madrid und vom FC Barcelona, die niemals ein Gemeinschaftsgefühl entstehen ließ überwunden ist und sich auch in einem Land, in dem die Vereine traditionell einen höheren Stellenwert genießen, in der Nationalmannschaft Teamgeist ausbreitet.
Denn mittlerweile ist die Dominanz der beiden Großclubs im spanischen Profifußball dahin. Von den 23 Nationalspielern, die Camacho nominiert hat, kommen nur noch 8 von Real Madrid oder dem FC Barcelona. 7 weitere stehen beim FC Valencia oder Deportivo La Coruña unter Vertrag den beiden Clubs, die in den letzten drei Jahren große Erfolge in der Champions League feierten und den Ruf der Primera División als derzeit stärkste Liga der Welt untermauerten.
"Wir wissen, dass wir Siegertypen haben"
Zwar gilt Wunderstürmer Raúl, 24, weiterhin als "der Spieler, der die Karre ziehen muss", wie Camacho betont. Doch hinter dem Weltklassemann von Real pochen neuerdings ambitionierte Spieler auf ihren Führungsanspruch, die bisher eher Mitläufer waren: der Abwehrspieler Carles Puyol, 24, vom FC Barcelona; die Mittelfeldstrategen Juan Carlos Valerón, 26, von Deportivo La Coruña und Ruben Baraja, 26, vom FC Valencia; sowie im Angriff Diego Tristán, 26, auch er aus La Coruña.
Erfolge in den Vereinen haben die spanischen Nationalkicker selbstbewusst gemacht: Zwölf von ihnen gewannen in dieser Saison insgesamt 17 Titel. Nur Frankreich fährt mit einer Auswahl zur WM, deren Spieler noch mehr Trophäen mit ihren Clubs sammelten. "Wir wissen, dass wir Siegertypen in unserer Mannschaft haben", sagt Real-Stürmer Morientes, "jetzt ist es an der Zeit, dass wir endlich etwas Großes gewinnen."
Mit unbeugsamer Art die nötige Autorität verschafft
Dass ausgerechnet José Antonio Camacho der Mannschaft den fehlenden Teamspirit eingehaucht hat, ist nicht frei von Ironie. Denn als Spieler galt der knorrige Verteidiger, von 1971 bis 1989 für Real aktiv, als Prototyp des "madridista": Clubinteressen waren ihm im Zweifelsfall wichtiger als das Nationalteam, auch wenn er 81-mal für Spanien antrat und jahrelang Kapitän der Auswahl war.
Doch nun scheint Camacho, der als Erstliga-Coach bei Rayo Vallecano, Espanyol Barcelona, dem FC Sevilla und Real Madrid nur wenig Fortüne entwickelte, beim Spanischen Fußballverband der richtige Mann zur richtigen Zeit. Denn der "mister", wie ihn seine Spieler respektvoll nennen, hat sich mit seiner unbeugsamen Art die nötige Autorität verschafft: Wer Camacho einmal krass enttäuscht hat wie der ansonsten ausgezeichnete Torhüter José Molina aus La Coruña, kommt nicht mehr in den Kader. Wer ihm unverzichtbar erscheint wie der seit fast einem Jahr indisponierte Mittelfeldrenner Gaizka Mendieta von Lazio Rom, darf dennoch mit zur WM.
Camachos schnarrender Kommisston, der keinen Widerspruch duldet, ist beinahe legendär. In der populären TV-Satire "Las noticias del guiñol", in der spanische Prominente als Puppen auftauchen, flucht sich der Fußballtrainer als Witzfigur durchs Programm, dem seine Spieler nicht testosteronhaltig und vaterlandstreu genug sein können. "Zum Teufel noch mal, ihr verdammten Weicheier", bellt er in jedem dritten Satz, "hier geht es um Españñña!"
Die Ulkshow des Senders Canal plus ist jedoch das einzige Medium, in dem Camacho hart angepackt wird. Denn anders als sein Vorgänger Javier Clemente, dem die Kontrolle über das Team nach dem frühzeitigen Aus bei der Weltmeisterschaft 1998 in Frankreich vollkommen entglitt, hat der Nationalcoach die fordernden spanischen Sportberichterstatter fest im Griff.
Camacho diktiert die Regeln
Mehr noch: Don José bestimmt die Regeln. Kein Journalist murrt, wenn Camacho wie in Jerez tagelang nicht zu den Pressekonferenzen im Mannschaftshotel erscheint. Der Sturkopf geht selbst mit seinen Geldgebern höchst eigenwillig um.
Als etwa ein Boss des Brauseproduzenten Pepsi vorvergangene Woche in Andalusien einen Millionenvertrag mit dem Fußballverband präsentierte und den neben ihm sitzenden Trainer um ein paar werbewirksame Worte bat, brummelte Camacho: "Zu der Kampagne gibt es nichts weiter zu sagen."
"Spanien fliegt raus wie immer"
Auch den Chef des TV-Senders Antena 3, der die WM-Spiele des spanischen Teams überträgt, ließ Camacho auflaufen. Mit Pathos in der Kehle wünschte sich Ernesto Sáenz de Buruaga, "Spanien bis ins Endspiel zu sehen" worauf der Trainer auf dem Podium das Gesicht verzog, als sei ihm sein Rücktritt nahe gelegt worden.
Camacho hat offenbar ein gutes Gespür für Stimmungen. Denn auch die Fans im Lande, sagt der Fußballjournalist Mario G. Estrela vom Fachblatt "Marca", glaubten wenige Tage vor der WM noch nicht so recht an eine Zeitenwende. Die gängige Meinung sei eher: "Spanien spielt so gut wie nie und fliegt raus wie immer."