Gruppensieger Argentinien: Auch torlos brillant - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen

Gruppensieger Argentinien Auch torlos brillant

Argentinien hat mit einem torlosen Unentschieden gegen Holland seine Gruppe gewonnen. Die Südamerikaner zeigten, warum sie als heißer WM-Favorit gehandelt werden: konsequent hinten, nach vorn mit genialen Momenten. Nur an der Chancenverwertung müssen die Gauchos noch arbeiten.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Jürgen Klinsmann hatte sich ein argentinisches Trikot angezogen, und wie der Bundestrainer mit verschränkten Armen auf der Tribüne stand, wirkte er ganz zufrieden. Wer auch immer sich den Scherz mit dem Klinsmann-Pappaufsteller ausgedacht hatte, bewies Sinn für Symbolik.

Es ist nämlich gut möglich, dass Klinsmann genau von diesem argentinischen Team geträumt hatte, als er in irgendeinem kalifornischen Kämmerlein die neue, offensive Spielphilosophie der deutschen Mannschaft ausheckte. Die Südamerikaner wirkten jedenfalls beim 0:0 gegen Holland wieder einmal wie der personifizierte Entwurf des direkten, "vertikalen" Spiels, das der Bundestrainer immer wieder predigt.

Wie Süchtige suchten die Argentinier von Beginn an immer wieder die Eins-gegen-Eins-Situationen, ob Spielmacher Juan Roman Riquelme, Mittelfeldkollege Esteban Cambiasso oder die beiden Angreifer Carlos Tevez und Lionel Messi. Den Gegenspieler vor sich, den Blick auf den Ball, eine Täuschung hier, ein Übersteiger da - in der neunten Minute vollendet durch einen Traumpass Messis auf Cambiasso. Dass es nicht die Führung war, lag am wachen Edwin van der Sar im holländischen Tor.

Diese Szene sollte symbolisch bleiben für das gesamte Spiel, in dem beide Mannschaften Stammkräfte mit Blick auf das Achtelfinale geschont hatten, was aber nur bei Holland auffiel. Besonders das Fehlen des flinken Flügelstürmers Arjen Robben, in den ersten beiden Spielen immer eine Inspiration für die "Elftal", machte sich bemerkbar. Der hölzerne Dirk Kuyt, eigentlich ein Mittelstürmer, kam auf der Außenposition überhaupt nicht zurecht, neben ihm verblasste auch Superstar Ruud van Nistelrooy.

Auf Seiten der Argentinier hatte Coach José Pekerman seinen ersten Sturm Hernan Crespo und Javier Saviola (beide mit einer Gelben Karte vorbelastet) durch Messi und Tevez ersetzt - und es zeigte sich, dass die Stärke der Argentinier keine der Personen, sondern eine des Systems ist. Pekerman, mit der U20-Auswahl des Landes dreimal Weltmeister, lässt bis in den Jugendbereich die gleichen Laufwege einstudieren, was DFB-Chefscout Urs Siegenthalter beim vergleichenden Videostudium mit einer gewissen Anerkennung registrierte. "Die Laufwege sind identisch, wenn man sie übereinander legt", erklärte Siegenthaler.

So fügten sich die kleinen Messi, 18, und Tevez, 21, nahtlos in das argentinische Spiel ein. Und natürlich sind auch die beiden keine nur systemkonformen Figuren, sondern auch brillante Einzelspieler, was vor allem der beim brasilianischen Spitzenclub Corinthians Sao Paulo zum Superstar gereifte Tevez immer wieder andeutete. In der 73. Minute parierte van der Sar einen Weitschuss des Stürmers, Sekunden vor dem Ende zielte Tevez etwas zu hoch und verpasste die Entscheidung.

Messi war zwar nicht so wirkungsvoll wie nach seiner Einwechslung gegen Serbien und Montenegro (6:0), als er ein Tor vorbereitete und eins selbst erzielte. Aber die Furchtlosigkeit und gleichzeitige technische Brillanz, mit der sich der schmächtige Barcelona-Profi gegen den kantigen Khalid Boulahrouz stellte, war eine Augenweide. Insgesamt muss man den Argentiniern aber vorwerfen, trotz ihrer Feldvorteile nicht genügend Chancen kreiert zu haben.

Mit dieser Beurteilung wäre Marco van Basten wohl schon zufrieden, der holländische Trainer wirkte nach dem Abpfiff jedenfalls alles andere als glücklich. Sein Team hatte die Beobachter einmal mehr im Unklaren darüber gelassen, ob es neben der neu entdeckten Effizienz denn auch zu schönem Spiel in der Lage sei. Der als linker Mittelfeldmann im traditionellen 4-3-3-System installierte HSV-Profi Rafael van der Vaart bot eine traurige Vorstellung, der Oranje-Offensive fehlte es an der Einbindung der Angreifer, zudem sorgten die vielen Ballverluste dafür, dass Holland nie über längere Zeit druckvoll agieren konnte.

Dass es eines der besseren torlosen Remis wurde, lag vor allem an Argentinien, das als Gruppensieger im Achtelfinale auf Mexiko trifft. Holland bekommt es in der Neuauflage des EM-Halbfinals 2004 (1:2) mit Portugal zu tun. Die Vehemenz, mit der Messi und Co. auf den Sieg drückten, lässt vermuten, dass sie genau das wollten - ein mögliches Duell mit Deutschland im Viertelfinale inbegriffen. Jürgen Klinsmann hätte dann Gelegenheit zu zeigen, ob die Kopie des argentinischen Spielphilosophie schon mit dem Original mithalten kann.

Niederlande - Argentinien 0:0

Niederlande: van der Sar - Jaliens, Boulahrouz, Ooijer, de Cler - van der Vaart, Sneijder (86. Maduro), Cocu - van Persie (67. Landzaat), van Nistelrooy (56. Babel), Kuyt
Argentinien: Abbondanzieri - Burdisso (24. Coloccini), Ayala, Milito, Cufré - Rodriguez, Mascherano, Cambiasso - Riquelme (80. Aimar) - Messi (70. Cruz), Tevez
Schiedsrichter: Medina Cantalejo (Spanien)
Zuschauer: 48.000 (ausverkauft)
Gelbe Karten: Kuyt, Ooijer, de Cler / Cambiasso, Mascherano

Mehr lesen über