Hamburger SV Zu schlecht für Europa
Der HSV bot eine kompakte Mannschaftsleistung allerdings erst nach dem Schlusspfiff. Da gingen alle elf Spieler "Seit an Seit" zusammen zur Fankurve, um sich dort gesenkten Hauptes ein heftiges Pfeifkonzert abzuholen. Zuvor hatte sich das Hamburger Publikum äußerst geduldig eine Leistung angesehen, die man nur als leblos bezeichnen kann.
Abgesehen von einer kurzen Drangphase in den ersten Minuten des Spiels hatte man nie den Eindruck, als könne der HSV die Partie noch drehen, die nach zwei grotesken Abwehrfehlern und einem Kopfball von Kevin Kuranyi bereits in der zweiten Minute entschieden war. "Ich habe mich natürlich gefreut, dass ich so frei war", gab der Nationalstürmer danach gewohnt offenherzig zu Protokoll, während Gegenspieler Bastian Reinhardt trauernden Blickes in die Kabine stapfte.
Nach dem frühen Tor erhielten weder Schalke-Keeper Manuel Neuer noch sein Hamburger Pendant Frank Rost ernsthaftere Bewährungschancen. Die wenigen Schüsse gingen allesamt weit übers Schalker Tor. Dass ein Spiel zwischen dem Tabellendritten und dem Vierten so statisch (auf beiden Seiten) und so fehlerhaft (Privileg der Hamburger) verläuft, sagt allerdings viel über die Klasse der Bundesliga aus. Die Qualität des HSV reicht allerdings derzeit selbst dort nicht fürs obere Drittel.
Zumal Rafael van der Vaart, der herausragende Individualist im Team, zunächst auf dem rechten Flügel oder in der Sturmmitte versauerte, wo er wild mit den Armen rudernd Bälle forderte, die nicht ankamen. Denn in dieser HSV-Mannschaft ist außer ihm selbst in der Mittelfeldzentrale keiner in der Lage, offensiv Impulse zu setzen.
Schlimmer: In das Passspiel schlichen sich so viele unnötige Fehler ein, dass sich die beteiligten Spieler ab der zweiten Hälfte nur noch selbst zerfleischten: Spätestens als die x-te Atouba-Flanke ins Aus gegangen war, Paolo Guerrero sich einmal mehr verdribbelt hatte und der eingewechselte Mohamed Zidan den dritten Ball direkt ins Aus abgelegt hatte, dürfte auch dem letzten der 57.000 Zuschauer klar geworden sein, dass eine derart hilflose Mannschaft in der Champions League nicht das geringste verloren hat. Zumal die Körpersprache der meisten Protagonisten nichts anderes ausdrückte als die dringende Sehnsucht, dass Schiedsrichter Herbert Fandel doch möglichst bald abpfeifen möge.
Obwohl auch Werder Bremen in Karlsruhe Federn ließ und der Sechs-Punkte- Abstand auf die Champions-League-Ränge rechnerisch noch aufzuholen ist beim HSV scheinen derzeit alle froh, wenn sie sich am Ende dieser in kompletter Hilflosigkeit auströpfelnden Saison noch wenigstens in die Uefa-Cup-Ränge retten können. In den vergangenen sechs Spielen gelang dem HSV kein Sieg, in den vergangen vier Partien blieben die Hamburger sogar ohne Torerfolg. Die rhetorischen Verarbeitungsstrategien mögen dabei unterschiedlich sein am originellsten war das Votum von Präsident Bernd Hoffmann, der HSV habe "ein ganz ordentliches Spiel" gezeigt. Im Übrigen, so Hoffmann, habe er nach der letzten Heimniederlage gegen Duisburg "viel zu viel gesagt, das mache ich heute nicht".
Beim HSV erweckt derzeit niemand den Eindruck, als glaube er daran, in den letzten vier Saisonspielen noch auf Platz drei zu kommen. Im Gegenteil. "Es ist schade, dass wir nicht auf Platz zwei oder drei stehen", gab Joris Mathijsen zu Protokoll, "wir müssen jetzt aber zusehen, dass wir nächstes Jahr überhaupt europäisch spielen." Auch Trainer Huub Stevens, ansonsten eher dafür bekannt, dass er sich auch nach Niederlagen kampfestoll vor die Mannschaft stellt, wirkte nach dem Spiel geradezu defätistisch. Nur kurz versuchte er den Gegner stärker zu reden als er tatsächlich war ("guter Gegner", "haben die Chancen nicht genutzt"), ehe Stevens, dessen Frau schwer erkrankt ist, auf die Frage, ob er sich um seine Mannschaft sorge, Einblicke in sein Gefühlsleben gab: "Ich mache mir jeden Tag Sorgen, jeden Tag, aber nicht nur um Fußball, es gibt auch wichtigere Sachen als Fußball."