Hans Meyer "Berti hat aus Scheiße Butter gemacht"
SPIEGEL ONLINE:
Herr Meyer, bei Ihrem Amtsantritt in Mönchengladbach haben Sie gesagt: "Ich bin Kommunist!" und...
Hans Meyer:... Sie erzählen dieselbe Scheiße, wie viele Ihrer Kollegen.
SPIEGEL ONLINE: Dann formuliere ich mal vorsichtiger: Sie sollen sich damals als Kommunist bezeichnet haben.
Hans Meyer: Sie sind der Zwölfte, dem ich das nun noch einmal erkläre. Ich habe damals gesagt, dass Borussia Mönchengladbach überall in Europa einen fantastischen Namen hat, auch wenn man momentan in der Scheiße hängt. Die Tatsache, dass der Klub damals ganz unten stand, machte den Job noch interessanter, denn falsch machen konnte ich nichts. Als Begründung, warum ich das Angebot der Borussia annehme, habe ich aus Spaß gesagt: "Kommunisten waren immer arm." Und später stand dieser Blödsinn in allen Zeitungen.
SPIEGEL ONLINE: Ihre Art der Ironie wird oft missverstanden.
Meyer: Ich bin eigentlich sehr ernsthaft. Wer mich kennt, weiss, dass mir nichts ferner liegt als Hochmut und dass es nur ein Scherz sein kann, wenn ich mich mit Udo Lattek vergleiche. Ich würde es tatsächlich nie wagen, mich mit ihm zu gleichzusetzen. Aber Hunderttausende glauben so eine Scheiße. Als ich zur Borussia kam, hieß es: "Herr Meyer, wir kennen Sie hier noch nicht." Da habe ich geantwortet: "Kein Wunder, der DDR-Fußball war doch für Euch nicht 500 sondern 20.000 Kilometer entfernt, wir waren doch für Euch Sibirien. Wenn man dann noch Meyer heißt eher ein Sammelbegriff, als ein Name hat man schlechte Karten. Im Osten aber bin ich ähnlich populär, wie hier Udo Lattek." Am nächsten Tag stand dann in der Zeitung: Meyer vergleicht sich mit Lattek! So erschwert man meine Arbeit.
SPIEGEL ONLINE: Am Montag treffen Sie im Spitzenspiel der 2. Liga auf den 1.FC Köln, einen Traditionsklub wie Borussia. Die Kölner haben eine Spielzeit benötigt, um sich im Unterhaus zurechtzufinden. Bei Borussia sieht es so aus, als könnte das schneller klappen. Käme der Aufstieg in dieser Saison zu früh?
Meyer: Der kann nie zu früh kommen. So eine Gelegenheit muss man beim Schöpfe packen. Das Argument der Planungssicherheit können Sie auch vergessen, denn egal ob wir im Sommer aufsteigen oder nicht, brauchen wir drei, vier Basisverstärkungen. Spieler, die kommen und gleich spielen. Spieler, die wir nicht erst entwickeln müssen.
SPIEGEL ONLINE: Wie sehen Sie die Chancen, wie schätzen Sie die Liga überhaupt ein?
Meyer: Wenn der liebe Gott weiter ein Borusse ist wie in Hannover, und wenn wir weiter so drehen wie zuletzt, dann könnte es sensationeller Weise noch in diesem Jahr klappen. Ich habe einige Spiele gesehen, wie Bochum gegen Köln oder Köln gegen Tennis Borussia. Damals war ich voll des Lobes und habe gedacht, so schlecht kann der deutsche Fußball doch nicht sein. Darin haben mich übrigens zuletzt auch Bayern München und Werder Bremen bestärkt, die den deutschen Fußball in fantastischer Weise repräsentiert haben.
SPIEGEL ONLINE: Für die Europameisterschaft sehen Sie aber dennoch nicht rosarot.
Meyer: Ich sehe den deutschen Club-Fußball total anders als die Nationalmannschaft. Die hat genau genommen schon bei der WM in den USA einen Offenbarungseid geleistet. Ich werfe den Jungs, die spielen nichts vor, aber ich weigere mich auch zu sagen: "Vogts oder Ribbeck sind schuld!"
SPIEGEL ONLINE: Nach der Weltmeisterschaft 1994 folgte 1996 immerhin noch der Europameistertitel.
Meyer: Das war das Schlimmste, was passieren konnte, weil der die Probleme nur überdeckt hat. Damals hat Berti aus Scheiße Butter gemacht. Die Mannschaft hatte einen fantastischen Charakter, und Vogts hat alle deutschen Tugenden gebündelt, so dass man bessere Mannschaften auf die Plätze verweisen konnte. Gleichzeitig aber wurde wieder übertüncht, dass nichts nachwächst. Ich sehe Mehmet Scholl gerne Fußball spielen, aber er ist kein Weltklassemann. Die Tatsache, dass man Scholl nun zum Hoffnungsträger macht, zeigt den wahren Zustand des deutschen Fußballs. Das spricht dann eher gegen den Fußball hierzulande als für Mehmet.