Sicherheitsgipfel zur Fangewalt Wichtig ist auf'm Stehplatz
Relegationsspiel in Düsseldorf: Platzsturm vor Abpfiff
Foto: Thomas Starke/ Bongarts/Getty ImagesEs ist nur ein kleines Wort, doch vor dem sogenannten Sicherheitsgipfel zur Fangewalt im Fußball am Dienstag sorgt es für große Aufregung: derzeit. Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich hatte am Wochenende eigentlich deeskalierend wirken wollen, als er im Hinblick auf mögliche Beschlüsse des Gipfeltreffens von Politik, Deutschem Fußball-Bund (DFB) und Deutscher Fußball-Liga (DFL) gesagt hatte: "Die Stehplätze stehen derzeit nicht zur Disposition. Dass dies so bleibt, haben die Fans selbst in der Hand." Erreicht hat der Politiker mit dieser Äußerung allerdings das Gegenteil von dem, was er wollte. Die Stimmung vor dem Gipfel ist angespannt.
Denn die Fanprojekte befürchten, dass Friedrich und der DFB nur auf eine Gelegenheit warten, um dann doch ein Stehplatzverbot durchzusetzen. Eine Bengalo-Fackel zu viel im Fanblock - und schon wäre die Forderung wieder aktuell. Wenngleich er seine Aussagen nun relativierte, hatte der CSU-Minister die Überlegung zu derartigen Maßnahmen zuvor selbst ins Gespräch gebracht.
Die Fans und ihre Interessenvertreter, die am Dienstag nicht ins Innenministerium eingeladen sind, konnte Friedrich damit jedenfalls nicht beruhigen. "Ich sehe das als Drohkulisse und Erpressung", sagt etwa René Lau von der Arbeitsgemeinschaft Fananwälte. Und für Robert Pohl, Vertreter der Fanorganisation "Unsere Kurve", bewahrheitete sich die Befürchtung, "dass populistische Aussagen gemacht werden: Die Fans müssen sich benehmen, sonst schaffen wir die Stehplätze ab".
Fanorganisationen machen sich keine Illusionen
Nach den Vorkommnissen vor allem im Nachgang der abgelaufenen Spielzeit - die Einnebelung des Kölner Stadions durch FC-Fans am letzten Spieltag, der Platzsturm von Düsseldorf in der Relegationspartie gegen Hertha BSC - machen sich die Fan-Vertreter keine großen Illusionen darüber, was am Dienstag beredet und beschlossen werden könnte. Sie erwarten unter anderem drohende Maßnahmen, die "die pauschale Kriminalisierung der Fans und die Verstärkung von Kollektivstrafen fördern", heißt es in einer Pressemitteilung mehrerer Fan-Organisationen.
Die Fan-Vertreter wissen, dass sie nicht unbedingt in der Gunst der Öffentlichkeit stehen. Die Fernsehbilder vom Chaos in Düsseldorf sind noch frisch, sie wurden von vielen Seiten in die Nähe bürgerkriegsähnlicher Zustände gerückt: Der Anwalt von Hertha BSC sprach nach den Ereignissen sogar von "Todesangst", die die Berliner Spieler angesichts der den Platz flutenden Masse ergriffen habe. All das wird nicht ohne Einfluss auf den Gipfel am Dienstag bleiben. "Die öffentliche Gleichsetzung von Pyrotechnik und Platzstürmungen mit Gewalttaten setzt den DFB zunehmend unter Druck und Handlungszwang", müssen denn auch Gruppen wie "Unsere Kurve" oder "Pro Fans" zugeben.
Der Titel der Veranstaltung im Innenministerium lautet "Für Fußball - gegen Gewalt". Friedrich hat den Tenor selbst am Wochenende noch einmal vorgegeben: "Wir alle können unsere Augen nicht vor der zunehmenden Gewalt in und um die Stadien herum verschließen. Die Gewalt ist es, die Fußballkultur in Deutschland aktuell in Gefahr bringt", sagte er. "Deswegen müssen wir jetzt handeln." Der Minister wird am Dienstag schnelle Beschlüsse einfordern, allein um nach solch klaren Worten das eigene Gesicht zu wahren.
Und DFB und DFL werden sich dem nicht verschließen können, wenn sie nicht als Blockierer dastehen wollen. Zudem hat der Minister gegenüber den Clubs immer noch das Drohmittel, die Kosten von Polizeieinsätzen rund um die Stadien auf die Vereine selbst abzuwälzen. Um dies zu verhindern und den Erhalt der Stehplätze zu retten, müssen DFB und Vereine der Politik Gegenleistungen anbieten. Von der Ausweitung der Stadionverbote bis auf die Einführung noch drastischerer Strafen für die Vereine, deren Fans sich danebenbenehmen, ist alles denkbar.
Es ist nicht die Stunde des Dialogs zwischen dem Fußball und seinen Fans. Derzeit nicht.