Held Häßler: Der Traum von Köln - DER SPIEGEL
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Held Häßler Der Traum von Köln

An den 15. November 1989 wird sich Thomas Häßler immer erinnern. Er erzielte ein Tor, das die Fußballwelt verändern sollte. Mit jenem Volleyschuss in Köln-Müngersdorf schaffte er gegen Wales den Siegtreffer und sicherte Deutschland das WM-Ticket für Italien 1990. Das Ende ist bekannt.
Von Christoph Becker
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Die Nationalhymne erklingt im Stadio Olimpico zu Rom und die Kamera des italienischen Fernsehens fährt langsam die Reihe der deutschen Spieler entlang. Elf Spieler von Bodo Illgner bis Rudi Völler und mitten drin der Kleinste, Thomas Häßler. Er steht in der Elf, die in den nächsten neunzig Minuten Argentinien besiegen wird. Das ist eine kleine Überraschung, weil es bislang nicht das Turnier des Thomas Häßler war.

In der Vorrunde hatte er noch in der Anfangsformation gestanden, musste dann aber in den kitzligen Partien gegen Holland und die Tschechoslowakei auf die Bank und im Halbfinale gegen England hatte ihn Beckenbauer Mitte der zweiten Hälfte hinaus genommen. "Da kannst eigentlich würfeln", hatte Teamchef Beckenbauer in den Tagen zuvor auf die Frage geantwortet, wen er im Endspiel aufzustellen gedenke. Denn ob Olaf Thon, Uwe Bein oder Thomas Häßler, allesamt haben sie im Turnier nicht ihre Form gefunden.

Am Ende entscheidet sich Beckenbauer für Thomas Häßler. Vielleicht, weil er dem kleinen Wirbelwind zutraut, dass er die entscheidenden Löcher in die argentinische Abwehr schlägt. Vielleicht aber auch, weil er spürt, dass die deutsche Elf dem kleinen "Icke" noch etwas schuldig ist, seit jenem nass-kalten Novembertag, als der Kölner mit seiner Direktabnahme in Müngersdorf das Ticket zur WM nach Italien löste.

Wir schauen zurück. Das Jahr 1989 ist kein gutes für die deutsche Nationalelf. Nach der Niederlage im EM-Halbfinale von Hamburg gegen Holland hatte Franz Beckenbauer einen Schnitt gemacht und die Mannschaft weiter verjüngt. Deutlich attraktiveren Fußball bietet sie nun und droht doch in der Qualifikation zur WM 1990 zu scheitern. In Rotterdam hatte die Mannschaft spät den Ausgleich kassiert, wieder war es van Basten, der alle Siegträume zerstörte. Das mit Wut im Bauch heraus geschossene 6:1 gegen Finnland ändert nichts daran, dass gegen Wales wohl nur ein Sieg hilft.

Die Anspannung im deutschen Lager wächst täglich. Beckenbauer spricht im Trainingslager vom "wichtigsten Spiel seiner Karriere", wichtiger sogar noch als das WM-Finale in Mexiko drei Jahre zuvor. Eine Niederlage und man würde vom gescheiterten Teamchef Beckenbauer sprechen. Schon kursieren Rücktrittsgerüchte in der Presse. Zumal mittags schlechte Kunde aus Bukarest kommt: Rumänien schlägt Dänemark, nun muss gewonnen werden gegen Wales. Das wissen die Spieler, das weiß der Teamchef, das wissen die 60.000 Zuschauer im Müngersdorfer Stadion.

Die Deutschen beginnen furios. Sie attackieren früh, schnüren die Waliser am eigenen Strafraum ein. Fast läuft alles nach Fahrplan, der eine frühe Führung, eine schnelle Entscheidung vorsieht. Bloß kein Zittern in den letzten Minuten, keine wackligen Beine auf dem Weg nach Italien. Früh hat Völler eine Kopfballchance, kurz darauf schießt Buchwald scharf. Doch Neville Southall, Evertons Torwart, bestätigt seinen Ruf als bester britischer Keeper.

Immer wieder bewegt er behände seinen massigen Körper, er entschärft Schuss um Schuss. Dann, es läuft die elfte Minute, verliert Reuter nach hartem Einsteigen von Hughes den Ball und Malcolm Allen steht urplötzlich frei vor Illgner und schießt ein Tor, zur Führung für den krassen Außenseiter. Wales hatte in der Qualifikation noch kein Spiel gewonnen, selbst gegen Finnland verloren und führt nun in Müngersdorf.

Dem stillen Entsetzen folgt die Trotzreaktion des Publikums. Choräle hallen durch das Rund und die Mannschaft spürt den plötzlichen Rückenwind. Rudi Völler erzielt schnell, auf dem Boden liegend, den Ausgleich. Doch ein zweites Tor will vor der Halbzeit nicht gelingen. Ganz im Gegenteil hat Wales noch zwei Großchancen, der Pfosten muss retten. Es geht unentschieden in die Pause.

In der Kabine herrscht Stille. Allein Littbarski, heute Kapitän für den verletzten Matthäus, muntert die Truppe auf: "Jungs, noch 45 Minuten bis Italien!" Als Schiedsrichter Vautrot wieder anpfeift, ist die Nervosität auf dem Spielfeld und auf den Rängen greifbar. Mancher ballt Taschentücher in den Fäusten, Ehrengast Fritz Walter verkriecht sich gar ängstlich in den Katakomben.

Doch Kapitän Littbarski, so scheint es, will seinen Worten Taten folgen lassen. In der 48. Minute schnappt er sich auf links den Ball, lässt zwei Verteidiger stehen und flankt hinein. Dort reckt sich Klinsmann nach dem Ball, doch im letzten Moment wirft ein Abwehrspieler seinen Kopf gegen die Flanke. Der Ball segelt durch den Strafraum. Zwölf Meter vor dem Tor, auf Höhe des rechten Pfostens, steht Häßler, dort, wo er beim 1. FC Köln stets steht, wenn Littbarski hineinflankt.

Doch dieser Ball ist abgefälscht, Häßler kann ihn nicht wie gewohnt mit rechts annehmen. Später gibt er zu Protokoll, nicht gewusst zu haben, was nun zu tun ist. Es wird ein Volleyschuss mit links, der Ball saust flach auf den Kasten von Southall. Mark Bowen, der Abwehrrecke, knickt unwillkürlich sein linkes Bein ein und zieht die Hände ängstlich vor das Gesicht. Völler und Klinsmann, die in der Mitte auf Littbarskis Flanke lauerten, schauen dem Ball gebannt hinterher, als er auf dem nassen Rasen aufsetzt.

Southall, bei der Flanke aus seinem Tor herausgetreten, versucht sich zu drehen, doch es ist viel zu spät. Der 90-Kilo-Mann plumpst geschlagen zu Boden. Der Ball zappelt im Netz. Häßler hat in seinem achten Länderspiel zum ersten Mal getroffen. Und es wird sein wichtigstes Tor für Deutschland bleiben, obwohl er noch 93 Mal auflaufen wird. Er hat die deutsche Mannschaft nach Italien geschossen und begonnen, was Brehme später in Rom vollendet.

Doch das ist in diesem Moment noch weit entfernt. Die zweite Hälfte dehnt sich entsetzlich lang. Littbarski verschießt einen Elfmeter und Wales vergibt dicke Chancen zum Ausgleich. Als Vautrot endlich zum letzten Mal in seine Pfeife pustet, bildet sich sofort eine jubelnde Traube um den glücklichen Torschützen. Und in ein Meer aus Mikrofonen spricht Thomas Häßler von der eigenen Größe. "Ick fühle mir wie 1,95", stammelt er und erzählt die Geschichte von seinem Traum beim Mittagsschlaf vor dem Spiel: "Ick hab geträumt, von links kommt 'ne Flanke und ick mach das entscheidende Tor - und dann isses genau so passiert! Nur von wem die Flanke kam, hab ich im Traum nicht gesehen." Der Traum von Köln.

In der römischen Nacht vom 8. Juli 1990 ist er schon wieder der kleine "Icke". Er spielt besser als bisher, aber die deutsche Mannschaft gewinnt das bescheidene Finale nicht durch sein Mitwirken. Für die Legende ist er dennoch verantwortlich. Brehmes Elfmeter und der gedankenverlorene Beckenbauer. Ohne Häßlers Volley wäre das nur der Traum von Köln.


Thomas Häßlers befreiender Volleyschuss gegen Wales steht zum Download auf www.11freunde.de bereit, und zwar unter dem Link Fankurve/Flimmerkiste