Herbert Neumann: Eine fußballerische Delikatesse - DER SPIEGEL
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Herbert Neumann Eine fußballerische Delikatesse

Das Viertelfinale zwischen Holland und Jugoslawien verspricht ein hochinteressantes Spiel zu werden. Auch, weil sich am Sonntag in Rotterdam zwei Fußballkulturen gegenüberstehen, wie sie unterschiedlicher nicht sein können.
Von Herbert Neumann
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?


So könnten Sie spielen: Jugoslawien im Ballbesitz


Von den Viertelfinalisten ist Holland die einzige Nation, die nicht aus dem Süden unseres Kontinents kommt. Der nordisch-unterkühlte Gefrierschrankfußball geprägt von muskulösen Laufwundern ist gescheitert. Die lateinische Interpretation des Fußballspiels hat obsiegt und damit auch die bei dieser Europameisterschaft verloren gegangen scheinende Sinnlichkeit. Endlich hat der Ball wieder die Rolle des Protagonisten übernommen. Er dankt es denjenigen, die ihn liebevoll behandeln, und bestraft diejenigen, die ihn misshandeln und foltern.

Es ist zu hoffen, dass nach diesem Turnier ein ungeschriebenes Gesetz in Kraft tritt: Der Sieger wird kopiert. Spielt die Mannschaft des künftigen Europameisters wirklich guten Fußball, gewinnt der gesamte Kontinent dadurch einige Jahre. Die Diskussion über Spielsysteme ist unwichtig. Wenn man sich der eigenen Spielweise philosophisch zu nähern weigert, werden alle Gespräche banal.

Das oberflächliche Geschwätz vermeintlicher (deutscher) Experten über die Vierer-Abwehrkette ist unerträglich. Sie hat keinerlei Aussagekraft über eine offensiv oder defensive Spielausrichtung. Nur wenn man die restlichen sechs Feldspieler bei der Diskussion mit einbezieht, sagt es etwas über das Gesamtverhalten des gesamten Kollektivs aus. Die Norweger sind mit ihrer Vierer-Linien-Abwehr und ihrem ultradefensiven Sicherheitsfußball früh ausgeschieden, und niemand ist wirklich traurig darüber.

Jugoslawien gegen Holland ist das Aufeinandertreffen zweier verschiedener Lebens- und Fußballkulturen. Bei den Holländern regiert der Teamgedanke. Das System und die Spielauffassung sind heilig, die Positionen genau definiert: Die Mannschaft ist der Star.

Das Team von Trainer Frank Rijkaard ist dasjenige mit den am deutlichsten zu erkennenden Automatismen, basierend auf Ballbesitz, hoher Ballzirkulation und einer selbstbestimmenden, dominanten Spielweise. Das hohe Tempo, die technischen Fertigkeiten und die aufeinander abgestimmten Bewegungen sind herausragende Qualitäten der Holländer. Das starre Positionsspiel und das Fehlen von Positionswechseln hat allerdings wenig überraschende Momente.

Wenn die Holländer ihr Spiel entfremden und mit hohen Bällen auf Kluivert spielen, wie es in den Spielen gegen Tschechien und Dänemark zu sehen war, verlieren sie ihr Charisma. Bergkamp spielt anonym und ängstlich. Seine Leistung aber wird über Erfolg oder Scheitern der Holländer entscheiden.

Die bisherigen drei Roten Karten der Jugoslawen sind aufgrund des bisher gesehenen, überaggressiven und provozierenden Verhaltens kein Zufall. Sie haben in ihren Reihen überragende Individualisten, die allerdings oftmals Opfer ihrer eigenen Exzentrik werden. Stojkovic, Mijatovic, Mihajlovic sind dafür die besten Beispiele. Die teilweise übertriebenen Aktionen lassen auch auf eine Überforderung schließen.

Neben den oben genannten Spielern verfügt Trainer Vujadin Boskov mit Jokanovic und Jugovic über Routiniers, die bei dem hohen Niveau dieser Europameisterschaft an die Grenzen ihrer Belastbarkeit kommen. Kollektiv gegen Individualisten ist das Thema dieser hochinteressanten Begegnung.

Ich vermute, dass die Jugoslawen von ihrem bisherigen 4-4-2- auf ein 3-5-2-System umstellen werden. Dass heißt, dass sie erstmals in diesem Turnier mit einem klassischen Libero (Mihajlovic) agieren werden.

Die Holländer sind favorisiert, einige jugoslawische Spieler werden sich wieder mal am Rande einer Roten Karte bewegen, und der Fußballästhet kann sich auf den Genuss einer fußballerischen Delikatesse freuen.

Foto: SPIEGEL ONLINE
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