Herbert Neumann England als Chance begreifen
So könnten Sie spielen: England im Ballbesitz
Das glückliche Remis gegen Rumänien und die Niederlage Englands bieten für uns eine vorteilhafte Konstellation: England muss das Spiel am Samstag in Charleroi gewinnen. Diese Ausgangsposition kann der eigenen Ideenlosigkeit durchaus hilfreich sein. Von allen taktischen Möglichkeiten bevorzugt die deutsche Mannschaft offensichtlich jene, die darauf basiert, zu verhindern, dass der Gegner gewinnt. Sie bietet die Option, mit möglichst wenig Risiko zu gewinnen.
Um gegen England zu gewinnen, bedarf es sicherlich größerer Klarheit als zuletzt erkennbar war. Einige spielentscheidende Positionen, diejenigen mit großer strategischer Bedeutung, müssen genau umschrieben werden. Das schlechte Abwehrverhalten in den letzten Spielen war dafür das beste Beispiel. Aufgaben müssen genau definiert werden. Die Überprüfbarkeit ist neben der Deutlichkeit ein weiteres wichtiges Kriterium im Profifußball. Auf dem Niveau einer EM kann man mangelnde Fitness nicht mit Routine "überspielen".
Die Engländer sind in der Lage, ein hohes Tempo zu spielen. Dass die Genauigkeit im Pass-Spiel manchmal darunter leidet, scheint ihnen nicht viel auszumachen. Der verletzungsbedingte Ausfall von Abwehrchef Tony Adams ist keine Schwächung, genauso wenig wie der von Oliver Bierhoff auf der anderen Seite. Beide Spieler sind offensichtlich nicht in Form. Martin Keown und Carsten Jancker sind momentan besser. Bei Mittelfeldspieler Steve McManaman verhält es sich anders. Sein verletzungsbedingtes Fehlen ist für England weitaus schwieriger zu kompensieren.
Englands Spiel ist berechenbar
Die Grundformation des Teams von Kevin Keegan ist die einer klassischen englischen Mannschaft: ein klares 4-4-2-System mit Zonendeckung, zwei körperlich starke, robuste Innenverteidiger und ein schnörkelloses, gradliniges Spiel nach vorne. Alan Shearer fungiert als "target man", als Adressat der meistens hohen Bälle. Allerdings ist der Stürmer von Newcastle United nur noch ein Schatten vergangener Tage. Um ihn herum spielt der schnelle, bewegliche Michael Owen, der sich seinen Raum oft auf den Halbpositionen sucht und seine Sprintqualitäten am besten im Konterspiel nutzt.
Paul Ince ist der kontrollierende, zentrale Mittelfeldspieler vor der Abwehr. Seine Interventionen auf den Ballführenden sind hart und kompromisslos. Leider aber auch oft zu spät, so dass er sich häufig am Rande einer gelben Karte oder sogar roten Karte bewegt. Vor ihm spielt der intelligente Paul Scholes. Er ist sehr torgefährlich, ballgewandt und vielleicht der kompletteste Spieler des Teams.
Die rechte offensive Flanke wird durch David Beckham besetzt. Mit seinem scheinbar computergesteuerten Flanken verfügt er über die vielleicht effektivste "Waffe" des englischen Angriffsspiels. Im linken Mittelfeld ist Dennis Wise von Chelsea eine mögliche Alternative. Er ist ein völlig anderer Spielertyp als McManaman: aggressiv, jähzornig und zweikampfstark. Er tendiert als rechtsfüßiger Spieler mehr zur Mitte und entwickelt wenig Druck über die Außenposition. Die restlichen beiden Positionen der Außenbacks werden durch die Neville-Brüder ausgefüllt. Beide sind zuverlässige, unspektakuläre Teamspieler.
Eine nicht zu unterschätzende Gefahr könnten die von Beckham getretenen seitlichen Freistöße und Eckbälle heraufbeschwören. Mit einer genauen Zuordnung und diszipliniertem Abwehrverhalten sollten unsere Kopfballspieler Nowotny, Babbel, Jancker und Hamann jedoch in der Lage sein, die gefährlichen Engländer zu kontrollieren.
England verfügt über eine homogene, gut organisierte Mannschaft. Die gefährlichsten Spieler sind die bereits beschriebenen Beckham, Scholes und Owen. Ihr Spiel ist berechenbar und relativ durchsichtig. Nur Scholes und sporadisch Owen verfügen über eine gewisse Finesse und Unberechenbarkeit. Torhüter Seaman machte in den letzten Spielen einen überraschend unsicheren Eindruck.
Ballbesitz England
Foto: SPIEGEL ONLINE