Herbert Neumann Italien ist uns noch eine Antwort schuldig
So könnten sie spielen: Italien im Ballbesitz
Sollte die These stimmen, nach der der Sieger eines großen Turniers kopiert wird und den Stil des Fußballs der kommenden Jahre nachhaltig beeinflusst, müsste man sich als Fußballromantiker wünschen, dass die Holländer das EM-Halbfinale gegen die Italiener gewinnen. Denn ihre Art, zum Erfolg zu kommen, ist offensiver, kreativer und beinhaltet ein größeres Maß an Ballbesitz und konsequenterweise eine höhere Risikobereitschaft.
Was die Italiener bisher gezeigt haben, war eine Demonstration an Effizienz und berechnendem Resultatfußball. Das Leistungsvermögen ihrer Spieler allerdings ist von ausgesprochen hohem Niveau. Ihr Spiel ist männlich und professionell. Ihre körperliche Fitness, Geschmeidigkeit im Zweikampf und filigrane Ballfertigkeit lassen es nicht zu, die Spielweise des Teams von Dino Zoff als destruktiv abzutun. Die Art des italienischen Verteidigens hat eine gewisse Ästhetik und ist deshalb nicht unattraktiv. Das gleichfalls vorhandene offensive Potenzial ist dabei leider nur sporadisch zu sehen. Es entsteht der Eindruck, als ob es nur dann abgerufen wird, wenn es unbedingt gebraucht wird.
Disziplinierte Verhinderungsstrategien
Inzaghi, Totti und/oder Del Piero sind "lebensgefährliche" Angreifer. Unterstützt werden sie abwechselnd von Maldini über links, Zambrotta über rechts oder Fiore und Di Biagio (für den verletzten Conte) zentral. Albertini ist der Pass- und Formgeber der "Squadra Azurra". Das Potenzial für eine spektakuläre Spielausrichtung wäre also durchaus vorhanden. Aber die scheinbar untereinander getroffenen Absprachen werden mit fast deutscher Disziplin eingehalten.
Eine essenzielle Maxime im Spiel der Italiener ist, zu verhindern, bei etwaigem Ballverlust in numerischer Unterzahl überrascht zu werden. Man hält stets möglichst viele Spieler "hinter" dem Ball; bei Ballbesitz durch die eigenen Angreifer sieht man nur selten das kollektive Aufrücken der Mannschaft.
Die statistische Auswertung der bisherigen Spiele überrascht deshalb nicht. Die Italiener hatten einen (sehr) geringen Ballbesitzanteil. Ein strategischer Gedanke, der uns als Grundstein ihrer Fußballkultur alles andere als unbekannt ist. Die Fabel vom Hasen und Igel scheint einen italienischen Ursprung zu haben: Man schaut dem Gegner gelassen dabei zu, wie er sich freut, so oft und viel am Ball zu sein und lässt in sich austoben - allerdings ausschließlich in den irrelevanten Teilen des Spielfeldes, über die man die Vorherrschaft gar nicht haben will.
Die systematische Bewachung und "Sauberkeit" des eigenen Strafraums inklusive der unmittelbar davor liegenden Zonen ist, was die Italiener wirklich interessiert. Der Glaube an die Klasse ihrer Angreifer, die unter Mithilfe des ein oder anderen Mittelfeldspielers, früher oder später unwiderruflich in den des Gegners eindringen werden, bestätigt sie in ihrer primären Beschäftigung.
Die fast gelassen anmutende Ausstrahlung der italienischen Mannschaft bei dieser Europameisterschaft basiert auf der perfekten Ausführung dieser beiden strategischen Ziele. Auf diese Art können sie meiner Meinung nach jedes Spiel gewinnen.
Da muss noch mehr sein
Vermutlich werden sich die selbstsicheren Holländer die Zähne am italienischen Abwehrriegel ausbeißen. Sie werden mehr Ballbesitz haben und die Suche nach der genialen Idee, wie sie einen ihrer Spieler frei vor das italienische Tor bringen können, wird viel Energie kosten. Das Wissen um die Tatsache, dass ihr Gegner sehr wenig Zeit und Chancen benötigen, um zum Torerfolg zu kommen, macht die Aufgabe des Teams von Frank Rijkaard keineswegs leichter.
Ein Fußballspektakel aller erster Güteklasse ist in der Amsterdam Arena leider nicht zu erwarten. Dafür sind die Voraussetzungen nicht gegeben: Die Dramaturgie des Spiels wird von seinem Verlauf und den sich unterscheidenden Spielauffassungen beider Mannschaften getragen werden.
Eine interessante Konstellation könnte dann entstehen, wenn die Holländer in Führung gingen und die Italiener genötigt wären, ihr ganzes Potenzial abzurufen. Bisher haben die "Azurri" in keinem Spiel dieser Endrunde einem Rückstand hinterher laufen müssen. Das, was wir bis dato von ihnen gesehen haben, war interessant, lässt allerdings die Vermutung offen, dass da noch mehr sein muss.
Die hohe Kunst des Verteidigens und die große Effizienz des Konterspiels sind die Lektionen, die sie uns erteilt und die ausgereicht haben, das Halbfinale zu erreichen. Doch über welche weiteren taktischen Mittel verfügt diese italienische Mannschaft? Die Antwort darauf ist sie uns noch schuldig.