Hertha-Krise: Falkos schwerster Fall - DER SPIEGEL
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Hertha-Krise Falkos schwerster Fall

Das Team spielt mies, die Profis zanken. Der Trainer durfte freilich weiter machen. Denn die hochverschuldete Hertha kann sich Falko Götz' Rauswurf nicht leisten. Eigentlich. Am Samstag gastiert Schlusslicht Köln. Wieder kein Sieg - und der Coach wäre wohl doch weg.
Von Pavo Prskalo
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Wie ein kleiner Junge springt Marcelinho über den Platz und freut sich. Er küsst das Wappen seines Clubs auf dem Trikot. Die Mitspieler umarmen ihn. Der Brasilianer hat soeben ein Tor erzielt, sein siebtes in der laufenden Saison, zuvor hat er schon einen Treffer vorbereitet. Nichts besonderes eigentlich für diesen begnadeten Spielmacher von Hertha BSC Berlin. Allerdings liegt dieser Jubel bereits drei Monate zurück. Damals, am 4. Dezember, hatte Berlin in Leverkusen 2:1 gewonnen. Der Verein lag auf Rang fünf, Spieler wie Yildiray Bastürk sprachen in Interviews von der Champions League. Freude herrschte auch über das Erreichen der Zwischenrunde im Uefa-Cup. Die Club-Verantwortlichen strahlten, Götz verlängerte seinen Vertrag bis 2008.

Heute lacht beim Hauptstadtclub niemand mehr, schon gar nicht Götz: Im Uefa-Cup scheiterte Hertha an Rapid Bukarest, beim Regionalligisten FC St. Pauli hatte es das DFB-Pokal-Aus gegeben. Zudem warten die Berliner seit acht Bundesligaspielen auf einen Sieg. In fast jedem anderen Verein hieße das: Trainer raus. Nicht bei Hertha. Der Club hat 35 Millionen Euro Schulden. Doch sollte Götz auch morgen gegen den Tabellenletzten Köln, immerhin seit 18 Partien ohne dreifachen Punktgewinn, nicht siegen, wird sich Dieter Hoeneß dem Druck der Medien und der unzufriedenen Fans wohl beugen müssen.

"Da müssen wir gewinnen", fordert Geschäftsführer Hoeneß. Und Götz weiß, "dass der Verein nicht ewig Zeit hat. Am Ende zählen nur die Resultate". Freiwillig will der 43-Jährige den Posten nicht räumen. Das betont der umstrittene Coach immer wieder. Verständlich, winkt Götz, der seit dem 1. Juli 2004 im Amt ist, beim Rauswurf rund eine Million Abfindung.
"Ich sehe unsere Zukunft positiv", predigt Götz und verweist auf wichtige Spieler, die derzeit wegen Verletzungen fehlen, aber bald ins Team zurückehren werden. Zudem schwächt sich die Hertha selbst. So war der der Platzverweis von Abwehrspieler Alexander Madlung vergangene Woche in Duisburg bereits der siebte binnen sieben Wochen. Als "Rote Armee" wird der Club in der Hauptstadt verhöhnt.

Letztes Stürmertor am 12. Spieltag

Zu den Disziplinlosigkeiten gesellt sich eine frappierende Abschlussschwäche. Wieso treffen die Stürmer nicht?, fragt sich nicht nur Götz, der zunehmend ratlos wirkt. Vieles hat er ausprobiert. Mit einer Spitze ließ er spielen, manchmal auch mit zwei. Ob Marko Pantelic, Nando Rafael (inzwischen in Mönchengladbach), Vaclav Sverkos oder Solomon Okoronkwo - überzeugt hat keiner. Das letzte Stürmertor datiert vom 12. Spieltag, Rafael traf beim 3:0-Sieg gegen Kaiserslautern. Statt den Angreifern jetzt Selbstvertrauen zu geben, übt Götz beim Sondertraining Kritik. "Solomon, warum schießt du nicht einfach mit links" oder "Hör auf zu dribbeln, Marko", hört man ihn schreien.

Bei Marcelinho hat der Trainer "schon fast die Geduld verloren". Auch die Kollegen sind genervt. Nur ein Tor und eine Vorlage hat Marcelinho seit dem Spiel in Leverkusen beigesteuert. Trifft er, freuen sich alle mit ihm. Spielt er schlecht, wie jetzt, regen sich alle über die Eskapaden des genialen, aber launischen Technikers auf. Sein Spiel sei zu egoistisch, heißt es dann. "Ich fordere, dass wir ordentlich zusammenarbeiten, und nicht, dass man beleidigt ist, wenn man den Ball nicht kriegt", kritisierte Routinier Niko Kovac jüngst den 30-Jährigen. Marcelinho schoss - wenigstens dieses Mal - scharf: "Ich habe die Schnauze voll. Wenn Hertha ohne mich besser spielt, sollen sie es doch machen."

Ein ökonomisch gesehen guter Vorschlag. Marcelinho am Ende der laufenden Saison zu verkaufen, hat seinen Reiz. 2007 ist er ablösefrei, Hertha sähe keinen Cent. Diesen Sommer könnte es hingegen mehrere Millionen Euro geben. Für die klammen Berliner eine verlockende Vorstellung. Die sportliche Krise ist inzwischen auch für Hoeneß ein persönliches Problem geworden. Viele Hertha-Anhänger werfen dem Alleinherrscher in Berlin Halsstarrigkeit und schlechte Personalpolitik vor.

Preetz könnte Teamchef werden

Einer dieser Fehlgriffe sei Götz, und selbst wenn er gegen Köln gewinnen sollte - nächstes Wochenende wartet Bayern-Jäger Werder Bremen. So bleibt Götz nichts anderes übrig, als die Öffentlichkeit mit Phrasen zu füttern. "Ich bin ein Kämpfertyp und werde weiter alles für Hertha geben", sagt er. "Alle wissen, um was es geht: drei Punkte gegen Köln." Sollte dies morgen nicht der Fall sein, stehen die Nachfolger schon bereit. Ralf Rangnick, jüngst bei Schalke gefeuert, ist einer von vielen Namen, die gehandelt werden.

Auch Hertha-Legende Michael Preetz könnte einspringen. Derzeit ist der frühere Stürmer noch Assistent der Hertha-Geschäftsführung und ohne Trainerlizenz. Die "Bild"-Zeitung sieht in Preetz aber schon den "idealen Teamchef". Ähnlich wie Franz Beckenbauer bei der WM 1990 oder Rudi Völler in Leverkusen, beide ebenfalls ohne Trainerschein, soll der Berliner Rekordtorjäger (84 Treffer) den sportlichen Erfolg zurückbringen. Karsten Heine, Amateurcoach der Berliner und Lizenz-Inhaber, könnte ihm assistieren.

So weit will es Götz allerdings gar nicht erst kommen lassen. Er weiß, dass seine berufliche Reputation auf dem Spiel steht. "Wenn es um die Existenz geht, kann man mehr geben", beteuert er. Er jedenfalls habe seine Spieler bereits mit "vollstem Einsatz" auf die Partie gegen Köln vorbereitet. Am Samstag ab 15.30 Uhr wird sich zeigen, ob des Trainers Appell bei den Herren in den kurzen Hosen angekommen ist.

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