Historie: Wembley ist müde - DER SPIEGEL
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Historie Wembley ist müde

Wembley, der Inbegriff des Fußballstadions. Mit dem Spiel England - Deutschland nehmen Kicker und Fans Abschied von einer Kultstätte.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Hamburg - Überliefert ist Folgendes: Vor ein paar Jahren bat ein Gast aus Brasilien ein Kamerateam der BBC, zu einem Termin im Wembley-Stadion einen Ball mitzubringen. Im piekfeinen Anzug schnappte sich der ältere Herr die Lederkugel und schoss sie mit seinen Lackschuhen ins leere Tor. Der Mann heißt eigentlich Edson Arantes do Nascimento, wesentlich bekannter ist er unter seinem Spitznamen Pelé. Er gilt als bester Fußballer aller Zeiten, aber eines war dem Mann mit der Rückennummer 10 verwehrt geblieben: "Niemals habe ich in Wembley gespielt."

Dies ist nur eine von unzähligen Anekdoten und Heldengeschichten, die sich um das berühmteste Stadion der Welt ranken. Natürlich, es gibt Maracana in Rio, San Siro in Mailand, die Spanier haben Nou Camp und Bernabeu - aber in Wembley (offizieller Name: Empire Stadium) aufzulaufen war für jeden Fußballer die Erfüllung eines Traumes. 77 Jahre lang blieb Wembley, das vom später geadelten Arthur Elvin in 300 Tagen von 5000 Arbeitern für 125.000 Pfund aus dem Boden gestampft wurde, das Mekka des Fußballs. "Football is coming home" - am Samstag beim ewigen Klassiker zwischen England und Deutschland wird es die Zuschauer ein letztes Mal in seinen Bann ziehen.

Schon der Anfang von Wembley ist eine Geschichte, aus der sonst Legenden gestrickt werden. Aber diese Begebenheit hat es nicht nötig, ausgeschmückt zu werden, um für immer in Erinnerung zu bleiben: Es ist der 28. April 1923, der Tag der Einweihung von Wembley. Im Endspiel um den FA-Cup stehen sich die Bolton Wanderers und West Ham United gegenüber. Das Stadion im Londoner Stadtteil Brent fasst damals 120.000 Zuschauer, aber irgendwie quetschen sich schließlich weit mehr als 200.000 Fußballbegeisterte hinein. Nur noch die beiden Torlatten ragen aus der Menschenmenge hervor, die sich auf den Rasen geschoben hat. An einen Spielbeginn vor den Augen von König George V. ist nicht zu denken - gäbe es nicht den Polizisten George Albert Scorey, der auf seinem dreizehnjährigen Schimmel Billie zum Anstoßpunkt gelangt und in stoischer Ruhe immer weitere Kreise zieht, bis das Spielfeld geräumt ist. Das "White Horse Final" kann schließlich nach einer Stunde beginnen. Bolton gewinnt mit 2:0, und das zweite Tor durch J. R. Smith ist besonders spektakulär, weil der Ball aus dem Tor wieder herausspringt - so dichten standen die Zuschauer am Spielfeldrand.

Der große Auftritt von Matthews

Das "White Horse Final" ist übrigens bis heute das einzige FA-Cup-Finale, für das es noch am Spieltag Tickets an den Kartenhäuschen gab. Seitdem war es immer ausverkauft. Und besonders diese Pokalendspiele mehren den Ruf Wembleys als Schauplatz unvergesslicher (Fußball-)Dramen. 1953 tritt Dribbelgott Sir Stanley Matthews mit Blackpool gegen die Bolton Wanderers an. Blackpool kann dank seines Stürmerstars in der Schlussphase einen 1:3-Rückstand noch in ein 4:3 umdrehen. Drei Jahre später bleibt der gebürtige Bremer Bernd Trautmann beim Spiel Manchester City - Birmingham City (3:1) im Tor von Manchester, obwohl er sich beim Zusammenstoß mit einem gegnerischen Stürmer einen Genickwirbel gebrochen hat. Und jedes Mal sangen die Fans enthusiastisch "Abide With Me" (Steh mir bei), ein Kirchenlied, das zur Hymne von Wembley geworden ist.

1966 darf natürlich nicht unterschlagen werden. Noch heute glauben deutsche Fußballfans, das DFB-Team wäre Weltmeister geworden, wenn jenes legendäre Tor von Geoff Hurst aberkannt worden wäre. Der Treffer zum 3:2 ist genauso unsterblich wie der Auftritt jener deutschen Zaubermannschaft, die sich sechs Jahre später für dieses vermeintliche Unrecht rächte - das 3:1 von Günter Netzer & Co. gilt als das beste deutsche Fußballspiel aller Zeiten. Müssen noch andere Helden und tragische Figuren genannt werden, um den Mythos Wembley zu manifestieren? Der stolze Ferenc Puskas, dem mit seinen Ungarn 1953 durch ein 6:3 der erste Sieg einer Mannschaft vom Kontinent auf der Insel glückte? Der überglückliche Oliver Bierhoff, dem hier 1996 im EM-Finale das "Golden Goal" gelang, der todtraurige Gareth Southgate, der beim selben Turnier ausgerechnet gegen die verhassten "Krauts" einen Elfmeter auf dem heiligen Rasen verschoss?

Apropos Rasen: Seit Jahrzehnten wird in Wembley nach demselben Muster gemäht. Als Platzwart Robert McCullagh einmal nach einem anderen als dem Schachbrett-Muster mähen ließ, hagelte es gleich Proteste von Traditionalisten. Es blieb bei diesem einem Mal.

Olympia, Clay und Geldof

Aber Wembley war nicht nur Fußball. Ohne die Einnahmen durch die täglich stattfindenden Windhundrennen hätte das Stadion überhaupt nicht bis zum heutigen Tage überlebt. Die Olympischen Sommerspiele 1948 wurden hier eröffnet, Muhammad Ali boxte hier noch 1963 als Cassius Clay gegen den Engländer Henry Cooper auf dem Weg zum Weltmeistertitel. Und Popstar Bob Geldof wäre nicht so berühmt geworden, wenn er nicht am 13. Juli 1985 in Wembley das "Live-Aid"-Spektakel organisiert hätte.

Am Sonnabend werden also 80.000 Fans zum letzten Mal auf die "Twin Towers" zuströmen, jene beiden weißen Türme, die den "Royal Entrance" für die Queen einrahmen. Und dann kommen die Abrissbagger, um für das neue, hypermoderne "Nationalstadion" Platz zu schaffen, das spätestens 2004 fertig sein soll. Architekt ist Norman Foster, der auch schon den Umbau des Berliner Reichstag übernahm. Es wird 90.000 Sitzplätze, 1955 Toiletten, ein Vier-Sterne-Hotel und ein mobiles Dach - eine 135 Meter hohe kleiderbügelähnliche Konstruktion - haben. Gesamtkosten: 1,5 Milliarden Mark.

Das Ende einer britischen Institution wie Big Ben, Wimbledon, Ascot, der Tower oder der Buckingham Palace. Wichtige und weniger wichtige Wembley-Erinnerungsstücke wurden kürzlich per Internet versteigert: 64.000 Mark kostete ein Stück Rasen, das Trikot von Geoff Hurst sogar 300.000 Mark. Selbst die Urinale in den Umkleidekabinen fanden neue Besitzer. Wembley sei "müde", behauptet Bobby Charlton, selber eine englische Fußball-Legende. Möglicherweise stimmt das. Auf den neuen Fußball mit Hotel, Restaurants und dem übrigen Schnickschnack hat Wembley vielleicht einfach keine Lust mehr.

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