Hitzfeld-Interview "Nur das Weiterkommen zählt"
Innerhalb eines Jahres hat der FC Bayern vier von fünf Spielen gegen Real Madrid gewonnen. Was bedeutet das für Sie?
Ottmar Hitzfeld:
Das interessiert mich nicht. Nur das Weiterkommen zählt. Es zählt Effektivität. Nicht ins Finale zu kommen, wäre eine absolute Enttäuschung. Unsere Chancen sind nach wie vor 50:50. Das sind zwei Klassemannschaften. Im Rückspiel am kommenden Mittwoch die Tagesform entscheidend sein. Bei allem Respekt vor Madrid: Diese Chance dürfen wir uns nicht mehr entgehen lassen.
Wie schwer wiegt die Gelb-Sperre von Stefan Effenberg für das Rückspiel?
Hitzfeld: Das ist ein erheblicher Verlust und eine schwere Hypothek. Stefan ist unser Leader. Natürlich ist das eine Hypothek für unsere Mannschaft. Aber sie hat schon in der Zwischenrunde gegen Arsenal London bewiesen, dass sie auch ohne Stefan international bestehen kann. Ich hoffe, dass die Mannschaft mit dem Publikum im Rücken noch einmal über sich hinaus wächst. Die Gelbe Karte war einer der wenigen Fehler des Schiedsrichters. Stefan hat Luis Figo nicht getroffen. Der hat sich theatralisch fallen lassen.
Einige Experten hatten dem FC Bayern gegen Real keine Chance gegeben. Hat Sie das sehr gestört?
Hitzfeld: Ich hätte das nicht besser provozieren können. Es ist gut, wenn sich Spieler an der Ehre gepackt fühlen.
Auch die Spielweise des FC Bayern wurde kritisiert.
Hitzfeld: Im K.o.-System kann man sich keinen Ausrutscher leisten. Man muss sehr ergebnisorientiert spielen. Wir haben acht Spiele zu Null gespielt in der Champions League. Das ist sensationell! Das ist unser Wettbewerb! Die Mannschaft hat gelernt, konzentriert zu verteidigen. Vielleicht haben wir nicht die Substanz, um wie noch vor zwei Jahren gegen eine Spitzenmannschaft das Spiel offen zu gestalten. Aber der Glaube an die Abwehr gibt uns die Sicherheit, dass wir auch gegen so eine Weltklassemannschaft gewinnen können.
Hat Patrik Andersson als Abwehrchef jetzt Ihr absolutes Vertrauen gewonnen?
Hitzfeld: Patrik Andersson ist ein hervorragender Abwehrchef. Er kann eine Abwehr dirigieren. Aber er braucht seine Nebenleute. Er hat zudem einen hervorragenden Charakter. Es ist selten heutzutage, dass sich ein Spieler so in den Dienst der Mannschaft stellt.
Auch Oliver Kahn war einmal mehr ein Garant des Sieges. Luis Figo hat über 100 Millionen Mark gekostet, für einen Torwart würde dagegen niemand so viel ausgeben.
Hitzfeld: Oliver Kahn ist ein Spieler, der sich 1000-prozentig mit dem FC Bayern und dem Erfolg identifiziert. Er hat gelernt, eine Mannschaft zu führen und füllt seine Vorbildfunktion par excellence aus. Er besitzt überragende sportliche Fähigkeiten und hat gezeigt, dass er der beste Torhüter der Welt ist. Das war phänomenal. Torjäger werden immer höher eingestuft als Torhüter, aber 100 Millionen Mark würden für Olli derzeit nicht reichen.
Manchester und Real haben die Champions League in den letzten Jahren gewonnen, Bayern nicht. Wirkt sich das aus?
Hitzfeld: Man konzentriert sich noch stärker auf die Champions League, weil der Stachel des verlorenen Endspiels von 1999 noch tief sitzt. Darum wollen wir es besser machen und den Pott in diesem Jahr nach München holen.
Gibt dieser Sieg auch einen Schub für die Bundesliga?
Hitzfeld: Ich gehe davon aus, dass dies auch eine riesige Motivation ist, in der Bundesliga noch einmal alles zu geben. Es wird uns einen Schub geben, noch mehr an die deutsche Meisterschaft zu glauben und wird Kräfte mobilisieren. Dieser Sieg wird uns die Ausstrahlung und Sicherheit geben, dass wir auch in Leverkusen gewinnen können. Wir werden am Samstag sicherlich mit ein paar frischen Spielern spielen, damit einige regenerieren können. Denn es wird auch eine Schlacht in Leverkusen, das gewinnen muss, um deutscher Meister zu werden.