Hitzfeld und die WM: Interview mit Schweizer Trainer - DER SPIEGEL
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WM-Team Schweiz: Viele Bundesliga-Legionäre

Foto: Urs Flueeler/ dpa

Interview mit Ottmar Hitzfeld "Niederlagen gehen an niemandem spurlos vorbei"

Die WM in Brasilien ist der letzte große Auftritt von Ottmar Hitzfeld, danach beendet der berühmte Trainer seine Karriere. Im Interview spricht er über die Chancen der kleinen Schweiz, die Lasten eines Coaches und schweißtreibende Spielorte.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

SPIEGEL ONLINE: Herr Hitzfeld, nach der WM in Brasilien werden Sie Ihre Karriere beenden. Wenn Sie zum Abschied einen Wunsch hätten: Wie würde er lauten?

Hitzfeld: Man soll ja immer dann gehen, wenn es am schönsten ist. Ich wünsche mir deshalb ansehnliche Spiele von meiner Schweizer Mannschaft - solche, nach denen wir gut gelaunt und zufrieden mit uns selbst sind. Der Einzug ins Achtelfinale: Das wäre die Krönung.

SPIEGEL ONLINE: Mit Ecuador, Honduras und Frankreich als Gruppengegner sollte das doch möglich sein, oder? Schließlich haben Sie 2010 in Südafrika sogar den späteren Weltmeister Spanien in der Vorrunde geschlagen.

Hitzfeld: Auf noch so eine Überraschung kann ich mich nicht verlassen. Das liegt vier Jahre zurück, und bei der EM 2012 waren wir nicht einmal dabei. Wir hatten diesmal vielleicht etwas Glück mit der Auslosung, aber unterschätzen dürfen wir keinen unserer Gegner. Frankreich sowieso nicht, die haben Weltklassespieler in ihren Reihen. Aber auch Ecuador und Honduras besitzen uns gegenüber Vorteile.

SPIEGEL ONLINE: Welche?

Hitzfeld: Vor allem ihre Herkunft. Beide Teams sind es gewohnt, in der Hitze zu spielen. Davon bekommen wir in der Schweiz eher nicht so viel ab.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben vor einiger Zeit heftige Kritik am Spielort Manaus geübt, der mitten im Amazonas-Dschungel liegt. Dort treffen Sie am 25. Juni auf Honduras. Sind Sie deshalb immer noch wütend auf die Fifa?

Hitzfeld: Nein, es bringt ja nichts. Man muss es nehmen, wie es kommt, am besten mit Gelassenheit und guter Vorbereitung. Das lehren mich die Schweizer immer wieder. Wir haben unser Bestes getan, um mit den Bedingungen zurechtzukommen. Außerdem haben wir mit Peru und Jamaika zwei Gegner für Vorbereitungsspiele gewählt, die uns schon einmal an unsere Kontrahenten in Brasilien herangeführt haben.

SPIEGEL ONLINE: Sie sagen, in der Schweiz haben Sie Gelassenheit gelernt. Ist das Arbeiten dort anders als in Deutschland?

Hitzfeld: Ja, deshalb bin ich nach meinen Stationen in der Bundesliga bei Borussia Dortmund und Bayern München auch gern zu meinen Trainerwurzeln zurückgekehrt. Die Ruhe, mit der ich hier meinen Job verrichten kann, tut mir gut. In Deutschland ist es kaum möglich, sich als Trainer zurückzuziehen, man steht ständig im Fokus, wird beobachtet, analysiert, muss sich rechtfertigen. Gerade rund um eine WM.

SPIEGEL ONLINE: War das für Sie 2004 ein Grund, das Amt des Bundestrainers abzulehnen?

Hitzfeld: Auch. Ich hatte sowohl in Dortmund als auch bei Bayern immer alles von mir gegeben, mit beiden Teams wurde ich Deutscher Meister und Champions-League-Sieger. Hätte ich damals, als das Angebot kam, weitergemacht: Es wäre wohl nicht gut gegangen.

SPIEGEL ONLINE: Wie meinen Sie das?

Hitzfeld: Ich hätte der Belastung nicht mehr lange standgehalten. Ich habe im Laufe der Jahre gelernt, wie wichtig es ist, auf seinen Körper und die leisesten Signale zu hören. Deshalb habe ich stattdessen eine Auszeit von drei Jahren genommen. Die brauchte ich, danach hatte ich wieder Energie, auch für einen zweiten Job in München.

SPIEGEL ONLINE: Sie verabschiedeten sich dort 2008 erneut als Deutscher Meister, um im Anschluss Nationaltrainer der Schweiz zu werden. Haben Sie es nie bereut, bei den Bayern nicht weitergemacht zu haben?

Hitzfeld: Nein. Ich habe das eine Jahr gerne noch einmal geholfen, aber das hat gereicht. Ich brauche den ständigen Aufruhr nicht mehr. Und es macht mir Spaß, am Schweizer Fußballprojekt mitzuarbeiten. Das Land hat zehnmal weniger Einwohner als Deutschland und entsprechend weniger sportlichen Nachwuchs. Eine gute Ausbildung der Kinder und Jugendlichen in den Fußballschulen und Klubs ist deshalb noch wichtiger. In der Nachwuchsarbeit hat die kleine Schweiz vielen großen Fußballnationen einiges voraus.

SPIEGEL ONLINE: Aber wenn die Spieler fertig ausgebildet sind, gehen die Besten ins Ausland, zum Beispiel in die Bundesliga. Schmerzt das nicht?

Hitzfeld: Das hilft sogar. Mein Nationalteam profitiert von der Erfahrung, die junge Spieler wie Xherdan Shaqiri, Granit Xhaka, Josip Drmic, Admir Mehmedi oder Ricardo Rodríguez in hervorragenden deutschen Mannschaften sammeln. Auch das ist Teil des Entwicklungsprozesses.

SPIEGEL ONLINE: Nun sah es für die Bundesligisten in dieser Saison nicht ganz so glänzend aus wie im Vorjahr, der BVB schied im Viertelfinale, der FC Bayern im Halbfinale der Champions League aus. Beeinflusst das das Auftreten der deutschen Nationalmannschaft in Brasilien?

Hitzfeld: Niederlagen gehen an niemandem spurlos vorbei. Man kann aus ihnen aber auch neue Kraft schöpfen, wie die Bayern nach der Finalniederlage 2012. Für mich zählt Deutschland trotzdem immer zu den Favoriten auf einen WM-Titel, und Joachim Löw hat das Glück, mit hervorragenden jungen Spielern arbeiten zu dürfen. Sie sind in der Lage, aufregenden, modernen Offensivfußball zu spielen. Ich hoffe, dass sie den Druck aushalten und auch einmal zur Ruhe finden können.

SPIEGEL ONLINE: Wer hat sonst das Zeug zum Weltmeister?

Hitzfeld: Einen Geheimtipp habe ich nicht, ich schätze Spanien, Brasilien und Argentinien als sehr stark ein. Sie haben die spielerische Klasse und außerdem die Erfahrung und Zähigkeit, so ein Turnier durchzustehen. Aber vielleicht erleben wir ja auch eine kleine Überraschung, mir wäre das recht.

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