Hitzfeld-Wechsel perfekt : Schweizerischer Vorruhestand - DER SPIEGEL
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Hitzfeld-Wechsel perfekt  Schweizerischer Vorruhestand

Mit der Unterschrift Ottmar Hitzfelds scheint die Schweiz den perfekten Kandidaten gefunden zu haben: Er spricht Schweizerdeutsch, ist ein Mann von Weltruf und bringt große Erfolge mit. Doch auch der vermeintlich beschauliche Posten bei der "Nati" besitzt Tücken.
Von Christoph Höhtker
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Von einem "Glücksfall" sprach der Zürcher "Tagesanzeiger", als "Heilsbringer im Alpenglühn" besang ihn die "Weltwoche" – nach der Bekanntgabe seines Engagements als Schweizer Nationaltrainer wurde Ottmar Hitzfeld im eidgenössischen Blätterwald mit ausgesuchten Freundlichkeiten bedacht. Zeitweilig war das Erstaunen über den Coup der sonst eher behäbigen Verbandsführung so groß, dass sich Argwohn in die allgemeine Hochstimmung mischte. "Wieso nur tut er sich das an?", wunderte sich das Boulevardblatt "Blick" und hartnäckige Pessimisten befürchteten sogleich, die "Nati" könne sich eines "Prestigetrainers" ("Weltwoche") wie Hitzfeld als unwürdig erweisen.

Das Renommee Hitzfelds als Erfolgsgarant hat in der Schweiz weit weniger gelitten als in seinem Heimatland. In Artikeln über den Bayern-Coach ist immer wieder von dessen Titelsammlung, vor allem von dessen Champions League-Triumphen die Rede. Genauere Analysen der Hitzfeldschen Arbeitsweise finden sich dagegen seltener und so gut wie nie wird die häufig unansehnliche Spielweise gerade seiner erfolgreichsten Mannschaften erwähnt. Diese waren – für deutsche Verhältnisse – hochkarätig besetzte, hierarchisch organisierte Ergebnismaschinen, deren Befehligung sich der stets moderat auftretende Hitzfeld mit so genannten Führungsspielern zu teilen schien. Ihre größten Erfolge erreichten Hitzfeld-Teams immer dann, wenn 'Leitwölfe' wie Sammer und Effenberg ihre Charakterdefizite auf dem Platz ungehindert ausleben konnten. Hitzfeld kam in diesen komplexen sozialen Kraftfeldern primär die Rolle des Moderatoren und Repräsentanten zu. Er stabilisierte interne Hierarchien, auch indem er um die eigentlichen Machtzentren rotieren ließ.

Die Inthronisierung des in München offen demontierten Hitzfelds ist in der Schweiz kaum auf offenen Widerspruch gestoßen. Zweifel ließen sich allenfalls hier und da in Zwischentönen erahnen. So bezeichnete Jakob "Köbi" Kuhn, gegenwärtiger Coach und zwischenzeitlicher Nationalheiliger der Schweiz, seinen designierten Nachfolger artig als "eine gute Wahl". In diesen nüchternen Worten, die in scharfem Kontrast zur allgemeinen Euphorie stehen, schwingt Distanz, beinahe schon Skepsis mit. Es darf angenommen werden, dass Kuhn seinen langjährigen Assistenten Michel Pont als Nachfolger favorisiert hat.

Kuhn weiß zudem, dass das Traineramt in der – vor allem in deutschen Klischeevorstellungen - so beschaulichen Schweiz durchaus Tücken aufweist. Landsmannschaftliche Animositäten gilt es ebenso zu bewältigen wie jenes Fans, Presse und Spieler einigende Grundgefühl, dass die Schweiz niemals zum Kreis der halbwegs erfolgreichen Fußballnationen aufschließen wird. Symptomatisch für diese Mentalität war der Fall des kroatischstämmigen Schalker Mittelfeldtalentes Ivan Rakitic. Dieser entschied sich, nachdem er zuvor Schweizer Jugendauswahlmannschaften erfolgreich durchlaufen hatte, folgerichtig für die vermeintlich perspektivenreichere Elf seines Herkunftslandes. Nicht zuletzt, um solche Demütigungen zukünftig zu verhindern, suchte man im Schweizer Fußballverband nach einem Mann mit Strahlkraft, nach einem Übungsleiter von Weltformat.

Fündig wurde man nur wenige Kilometer hinter der Grenze, im badischen Lörrach. Dort, am Stammsitz der Familie Hitzfeld, einigte man sich zügig, die frühzeitige Regelung der Kuhnschen Erbfolge geriet zum ersehnten Paukenschlag. Hitzfeld wirkte dagegen vor allem erleichtert. Irritierend aufrichtig gab er zu Protokoll, der Job eines "Nati"-Coachs sei ein "guter Übergang in den Trainerruhestand". In der Tat scheint sich mit dem Job im Alpenstaat der Lebenskreis des verdienten Fußballfachmannes zu schließen. In der Schweiz startete Hitzfeld einst seine Karriere als Profi, in der Schweiz übernahm er erstmalig Verantwortung als Trainer.

Manche Blätter verbuchen den grenznah aufgewachsenen "Borderline-Fall" ("Weltwoche") bereits als Beinahe-Schweizer, dem man zudem sein annähernd perfektes Schweizerdeutsch hoch anrechnet. Gerade der Umstand, dass Hitzfeld das helvetische Idiom bis in seine bizarrsten lautmalerischen Verirrungen beherrscht, wird in den Überlegungen der Schweizer Verbandsführung eine Rolle gespielt haben. Denn wie keiner der anderen Kandidaten von Weltruf vermittelt Hitzfeld den Schweizern das Gefühl, einer von ihnen zu sein.

Sollte die "Nati" also fortan das Gewinnen lernen, werden deren Erfolge ganz selbstverständlich als voll und ganz hausgemacht gelten. Sollte das Team jedoch weiter dahindümpeln, dürfte man sich wiederum sehr schnell daran erinnern, welchen Pass der Verantwortliche tatsächlich in der Tasche hat. Altbekannte helvetische Selbstzerfleischungen erscheinen so von vorne herein ausgeschlossen und nicht wenige Beobachter haben genau darin die kalt kalkulierte Brillanz des Schweizer Vertragsangebots erkannt: Hitzfeld soll nicht als Therapeut fungieren, sondern als Therapie. Und egal was passiert, es nutzt dem inneren Gleichgewicht der Eidgenossen. Der schweizerische Vorruhestand des Grandseigneurs entpuppt sich somit als psychohygienische Win-Win-Konstellation – allerdings zum alleinigen Nutzen des EM-Gastgebers.

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