Louis van Gaal: Autoritär zu Titeln
Hoeneß vs. van Gaal Generalabrechnung mit Kalkül
Es scheint, als seien beim FC Bayern München die Gesetze der Logik außer Kraft gesetzt. Wenn es schlecht läuft, dann schweigen die Vereinsoberen. Wenn man sich aus einer Krise dagegen wieder befreit hat, dann wird gekeilt.
Der Verein hat im Pokal zuletzt den alten Rivalen Werder Bremen bezwungen, er hat nach drei ungeschlagenen Spielen in der Liga den Anschluss ans Vorderfeld wieder hergestellt, in der Champions League steht man so gut wie im Achtelfinale, der Vertrag mit Trainer Louis van Gaal wurde erst vor drei Wochen verlängert.
Für Präsident Uli Hoeneß offenbar der ideale Zeitpunkt für seine Generalabrechnung mit dem Coach.
Van Gaal sei beratungsresistent, nicht in der Lage, Kritik anzunehmen, er habe Spieler über Monate falsch eingeschätzt, der Niederländer neige zur "One-Man-Show". Das klingt wie ein vorweggenommener Nachruf, wie die Vorbereitung einer Trennung. Bei anderen Vereinen wäre das so. Nicht bei den Bayern. Der Holländer muss sich um seinen Job nicht sorgen.
Was ist also los beim FCB?
Attacke war genau überlegt
Hoeneß hat in seinen 30 Jahren als Manager unzählige Attacken geritten, er hat Spieler kleingemacht, Trainer brüskiert, Vorstände von Gegnermannschaften bis an die Grenze des Erträglichen beleidigt. Aber ein solch massiver Angriff auf den eigenen Trainer, wie er ihn im TV-Sender "Sky" vorbrachte, ist auch für Hoeneß etwas neues - wobei er betonte, dass er sich diese Worte über Wochen genau überlegt habe. Die Theorie, hier seien mit dem leicht entflammbaren Hoeneß die Gäule durchgegangen, kann man also getrost vergessen.
Vielmehr war Hoeneß' Attacke kalkuliert, womöglich gar inszeniert. Der FC Bayern ist vor Jahren als FC Hollywood bezeichnet worden, und immer noch wird vieles, was die Vorstandsetage in der Öffentlichkeit veranstaltet, wie auf einer Theaterbühne aufgeführt. Ein Trainer, den man gerade erst mit einem neuen Vertrag ausgestattet hat, desavouiert man nicht kurze Zeit später. Ein solcher Anfängerfehler würde Hoeneß niemals unterlaufen. Intern ist van Gaal noch unumstritten - trotz der deutlichen Worte.
Hoeneß und van Gaal - das sind zwei von ähnlichem Schlag. Von sich überzeugt und von dem, was sie tun. Rechthaberisch sind sie beide, Selbstzweifel sind ihnen fremd. Van Gaal wird nicht umsonst in Anlehnung an den großen sturen Mann des niederländischen Fußballs, Rinus Michels, "General" genannt. Den gegenseitigen Umgang erleichtert das nicht. Aber all dies wusste die Bayern-Vorstandsetage vom ersten Tag an, an dem sie mit van Gaal über ein Engagement in München verhandelte. Dass Hoeneß nach Monaten der Beobachtung, wie er sagt, jetzt zu der Erkenntnis gelangt sein soll, bei dem Holländer handele es sich um einen schwierigen Charakter, ist geradezu erheiternd.
Einer wie Hoeneß kann nicht schweigen
Natürlich schmerzt es Hoeneß, dass in Fragen der sportlichen Zukunft mittlerweile Vorstandsboss Karl-Heinz Rummenigge und Sportdirektor Christian Nerlinger die ersten Ansprechpartner sind und dass ein Präsident Hoeneß nicht mehr so in vorderster Linie steht wie dereinst der Manager Hoeneß. Dass er sich als Vereinspräsident auch um den ehrgeizigen Club-Ableger Basketball kümmern muss, dass er repräsentative Termine wahrzunehmen hat - all das ist nicht Hoeneß' originäre Welt. Ihn drängt es nach vorne, an den Spielfeldrand, ihn drängt es auch an die Mikrofone. Einer wie Hoeneß kann auf Dauer nicht schweigen.
Das spielt in dem vermeintlichen Konflikt der Alpha-Personen van Gaal und Hoeneß nur eine Nebenrolle. Im Kern geht es um eine sportliche Fehlentscheidung, die die Verantwortlichen im Sommer gemeinsam getroffen haben. Der FC Bayern fühlte sich nach der berauschend verlaufenen Vorsaison stark genug, auch diese Spielzeit mit Bordmitteln erfolgreich zu absolvieren. Das hat nicht funktioniert: Von Leverkusen-Rückkehrer Toni Kroos hat man sich mehr versprochen, als er bislang halten konnte. Der entscheidende Spieler der vergangenen Saison, Arjen Robben, stand noch keine Minute für den FC Bayern auf dem Platz. Der Verzicht auf personelle Verstärkungen war falsch, das wissen mittlerweile alle Beteiligten. Aber diesen Fehler zuzugeben, den van Gaal in enger Abstimmung mit Hoeneß, Rummenigge und Nerlinger begangen hat, dazu fehlt auch dem Präsidenten die Größe.
Bald werden sie die Gelegenheit bekommen, miteinander zu reden. Rummenigge hat am Montag mit beiden Einzelgespräche geführt. Dabei wurde ein baldiges Treffen der zwei Alphatiere samt Vorstand und Sportdirektor Nerlinger vereinbart.
Aktueller Kader muss starkgeredet werden
Jetzt gilt es erst einmal bis zur Winterpause, wenn der Transfermarkt wieder geöffnet ist, den derzeitigen Kader in Gänze starkzureden. Dazu gehören eben auch Akteure wie Mario Gómez, Anatoli Timoschtschuk und Martin Demichelis. Dass Hoeneß jetzt auf deren Qualitäten hinweist, hat durchaus auch mit Rechthaberei zu tun. Gómez, Timoschtschuk und Demichelis sind allesamt Spieler, für die Hoeneß als Manager viel Geld ausgegeben hat und die van Gaal über Monate kleingehalten hat, weil er sie in der Rückrunde der Vorsaison einfach nicht brauchte.
In dem imponierenden Frühjahr des FC Bayern, als selbst das große Manchester United in der Champions League nicht stark genug war, die Bayern zu schlagen, war der Kader komplett eingespielt. Alle waren gesund, alle spielten auf höchstem Niveau. Es war das Natürlichste auf der Welt, diesen Kader durchspielen zu lassen. Auch Hoeneß wäre damals nicht auf die Idee gekommen, mehr Einsatzzeiten für Gómez und Timoschtschuk zu fordern.
Dennoch: Van Gaal hat beim FC Bayern durch seine Erfolge noch so viel Kredit, dass zurzeit niemand eine Trainerdebatte lostritt. Auch Hoeneß nicht. Wer sollte auch einen van Gaal mit dessen internationalen Ruf ersetzen? Der Holländer hat im Vorjahr, als es sportlich noch weit schlechter lief als derzeit und van Gaal in manchen Medien schon abgeschrieben wurde, in eine Journalistenrunde gefragt: "Wenn ein anderer Trainer kommt, wer könnte das sein? Ferguson? Capello?" Und Jürgen Klopp ist besetzt.
Vorstandsboss Rummenigge hat zum Anlass der van Gaalschen Vertragsverlängerung gesagt: "Wir lieben es, Dinge zu tun, die nicht erwartet werden." Zum Beispiel Trainerschelte, die gar keine ist.