Hooligans Bombe im Gästeblock
Die Uhr im Auer Erzgebirgsstadion zeigte die 87. Spielminute, als Petrik Sander an der Seitenlinie zusammensackte. Eine Rakete, Handelsname "Horror-Knall", war am Kopf des Trainers vom Zweitligisten Energie Cottbus detoniert und hatte die angepriesene Wirkung entfaltet: Minutenlang blieb Sander regungslos in der Horizontalen, Notärzte im Auer Klinikum mussten den Coach schließlich mit Infusionen behandeln.
Der Donnerschlag von Aue war der traurige Höhepunkt eines schwarzen Freitags in der 2. Fußball-Bundesliga. In Essen prügelten an diesem 1. April zeitgleich mehrere hundert Fans von Dynamo Dresden auf Gegner und Polizei ein, und in Aachen randalierten aus Erfurt angereiste Chaoten so heftig auf den Rängen, dass die überraschte Polizei tags darauf über die "hohe Aggressivität" der Thüringer klagte.
Der Amoklauf ostdeutscher Fußballanhänger gut ein Jahr vor Beginn der Weltmeisterschaft erschreckt Politik und Sportfunktionäre und wirft ein Schlaglicht auf eine Subkultur, die lange Zeit verharmlost wurde und sich jetzt zu einem ernsten Problem auswächst. Seit Jahren ziehen marodierende Hooligans aus dem Osten durch die Republik und verbreiten Angst und Schrecken. Doch weil das Aushängeschild 1. Bundesliga kaum betroffen war, ließ man den Dingen ihren Lauf.
Aussperren keine Problemlösung
Erst jetzt, kurz vor der WM im eigenen Land, wird die allwöchentliche Randale zum Thema, zumal es in den Innenministerien der Länder erste Hinweise gibt, dass sich ausländische Hooligans mit Einheimischen verbünden könnten: "Ohne Repressionen geht es offenbar nicht mehr", polterte ein aufgeschreckter Werner Hackmann, Chef der Deutschen Fußball Liga. Bundesinnenminister Otto Schily (SPD) beruhigte: Um Krawalle zu verhindern, würden doch schon lange vor der WM "Hooligans aus dem Stadion fern gehalten".
Allein die Praxis ist komplizierter. Der 19-jährige Cottbusser, mutmaßlicher Absender des Horror-Knallers, hatte längst ein bundesweites Stadionverbot bis 2009. Das wurde auch durchgesetzt: Die Rakete war außerhalb des Ovals auf einem benachbarten Waldhang in Position gebracht worden. Sie segelte über das Tribünendach und schlug bei Trainer Sander ein. Das Aussperren allein scheint das Problem nicht zu lösen. 3000 gewaltsuchende Hooligans im Land, ihre Durchschlagskraft haben 250 von ihnen am Ostersamstag beim WM-Testspiel im slowenischen Celje eindrucksvoll demonstriert, als sie randalierend durch die Innenstadt zogen.
Mehr als die Hälfte der aggressiven Fußballfans in Deutschland kommt aus den neuen Bundesländern. Die Ossis, fand der Sportsoziologe Gunter A. Pilz in einer Studie heraus, sind gewaltbereiter als ihre Kampfgefährten im Westen. An sechs von sieben schweren Ausschreitungen in der 2. Liga waren Anhänger von Ost-Clubs beteiligt. Die Szene im Osten gab bei Pilz zu 97 Prozent an, ein schlechtes Verhältnis zur Polizei zu haben (West: 71 Prozent), 28 Prozent haben "manchmal Bock auf Zoff" (West: 11 Prozent) und 7,6 Prozent räumten ein, regelmäßig an Schlägereien beteiligt zu sein (West: 2,5 Prozent).
Schnapsflaschen, Bierdosen, Feuerzeuge
Wie enorm das Gewaltpotential im Osten derzeit ist, kann fast jedes Wochenende besichtigt werden. Im Oktober 2004 fand die Polizei eine acht Kilogramm schwere Rauchbombe im Cottbusser Stadion. Das Paket war 20 Zentimeter tief im Gästeblock vergraben - Fans aus Aue hätten dort gestanden, wenn das Schwarzpulvergemisch explodiert wäre.
Im Februar flog beim Zweitligaspiel Karlsruher SC gegen Dynamo Dresden Leuchtmunition auf den Rasen, die Spieler wurden zur Sicherheit in die Kabine geschickt. Nach der Partie Dynamo gegen Eintracht Frankfurt vermerkte der Referee eine Schnapsflasche, ein Feuerzeug, einen vollen Bierbecher und zahlreiche Schneebälle als Wurfgeschosse im Spielbericht.
Die Bombenstimmung in den ostdeutschen Stadien hatte schon in der DDR Tradition. Der Sporthistoriker Giselher Spitzer fand in alten Akten reichlich Belege für Randale. Allein 1988 gab es 540 "Störungen" und 516 Verhaftungen. Jede zweite Haftstrafe ging schon damals auf die legendären Heimspiele von BFC Berlin und Dynamo Dresden zurück. Die Stasi protokollierte gar 102 Verhaftungen - an einem Oberliga-Spieltag.
Erzieherische Maßnahmen der Altherrenrunde
Aggressive Hools gab es zuhauf: In Halle an der Saale tummelte sich der militante Fanclub "Olle-Molle", dessen Anhänger schon damals gern den Hitlergruß zeigten und sich mit Wehrmachtorden schmückten. Ihre Schlachtrufe waren Programm: "Randali, Randala, der HFC ist wieder da" oder "Gib Gas, wenn der BFC durch die Gaskammer rast".
Mitte 1989 konnte selbst das Politbüro nicht mehr weghören. Wortreich beklagte man Rowdytum, Sachbeschädigungen, Belästigungen in Zügen und "politisch negative Sprechchöre". Die Altherrenrunde drängte auf eine bessere "erzieherische Einflussnahme auf Spieler, Trainer, Schiedsrichter und Funktionäre". Und wollte Fifa-Standards einführen: Die Stadien sollten komplett mit Sitzplätzen ausgestattet werden, weil der gemeine Hooligan nun mal ungern im Sitzen randaliert.
Die Wende kam dazwischen, und so sind die Stadien im Osten noch heute weitgehend unbestuhlt. Dresden hat 13.500 Stehplätze, Cottbus 15 500 und Erfurt 14.000.
Auch die gewünschte erzieherische Einflussnahme kam zu spät. Im November 1990 prallten in Leipzig vor der Oberligabegegnung Sachsen Leipzig gegen FC Berlin Hunderte Hooligans auf eine überforderte Polizeitruppe. Schüsse fielen, am Ende lag der 18-jährige Berliner Mike Polley tot in seinem Blut. Wenige Monate später versank das Europacup-Match zwischen Dynamo Dresden und Roter Stern Belgrad im Chaos: Mit Steinen und anderen Geschossen hatten Dresdner Chaoten - live in der ARD - den Rasen unter Beschuss genommen. Die Stasi habe die Randalierer geschickt, wurde seinerzeit verbreitet.
"Generalprobe für die Polizei"
Heute taugt die Mielke-Truppe als Ausrede schlecht. Bei Heimspielen von Dynamo ist jetzt gleich prophylaktisch ein Staatsanwalt vor Ort, der sich über mangelnde Arbeit nicht beklagen kann: 370 gewalttätige Fans sind im Freistaat registriert.
Sachsens Justizminister Geert Mackenroth (CDU) hält die Gesetzeslage dennoch für ausreichend: "Wir haben eher ein Vollzugsdefizit." Der so ins Spiel gebrachte Innenminister Thomas de Maizière (CDU) schiebt den Ball locker weiter. Der verstärkte Ruf nach der Ordnungsmacht könne "keine adäquate Antwort auf das Problem sein, das sich über Jahre hinweg angestaut hat". Gegen Versäumnisse unprofessioneller Fanbetreuung mancher Vereine sei die Polizei eben machtlos.
So werden die Spiele des Confederations Cups im Juni in Leipzig für de Maizière "eine Art Generalprobe für die Polizei".
In allergrößter Not kann der Mann vielleicht doch von der Stasi lernen. Bei Europacup-Spielen hatte die Mielke-Truppe die Zuschauer einfach durch hauptamtliche Stasi-Leute ersetzt.