HSV-Desaster: Der Betriebsunfall Europa - DER SPIEGEL
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HSV-Desaster Der Betriebsunfall Europa

Thomas Doll übernahm den HSV, als der Club auf dem letzten Tabellenplatz lag. Nun schicken sich die Hamburger an, nach einem völlig verunglückten Ausflug in die große, weite Welt erneut in den Bundesligakeller hinabzusteigen. Der Trainer ist aber noch voll bei der Sache. Noch.
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Hamburg - Als Thomas Doll unmittelbar nach dem Spiel ins Studio des TV-Senders "Premiere" trat, wirkte er wie ein angeschlagener Boxer. Einer, der sich nicht mehr wehrt, der die Deckung hängen lässt, der zwar noch im Ring steht, aber eigentlich schon aufgegeben hat. Da konnte ihn der Reporter noch so sehr mit Reizworten wie "charakterlos", "peinlich", oder, in Bezug auf die Spieler, "sich rausreden wollen" traktieren - der Trainer des HSV begehrte nicht auf, sondern verwies müde auf interne Gespräche, die zu führen seien.

Erst als das als Interview getarnte Verhör zur unvermeidlichen Frage gelangte, ob Doll seinen mühsamen Job nicht leid sei, wurde der 40-Jährige munter: "Ich bin mit Herz dabei! Wir werden auch wieder aufstehen, und ich werde vorne weg marschieren. Wenn ich das Gefühl hätte, es liegt an mir, und ich kann den Jungs nichts mehr geben, dann würde ich nicht mehr in die Arena, sondern nach Quickborn fahren. Aber dieses Gefühl ist noch nicht da."

Doch nach dem streckenweise hilflosen Auftritt seiner Mannschaft gegen Porto, nach dem Ausscheiden im DFB-Pokal beim Regionalligisten Stuttgarter Kickers (3:4 n.V.) und nach dem Absturz auf Platz 15 in der Bundesliga scheint es nur noch eine Frage der Zeit, wann sich das Gefühl, nichts mehr ausrichten zu können, bei Doll einnistet. Fachlich stellt ihn weder im Verein noch im Umfeld jemand in Frage, bei den Fans ist er immer noch so beliebt wie schon zu seiner Zeit als Spieler - doch das miserable Auftreten der Mannschaft ist längst nicht mehr mit einer kurzfristigen Krise erklärbar.

Dabei ist der HSV in diese Saison mit dem höchsten Etat seiner Vereinsgeschichte gegangen. 35 Millionen Euro fließen auf die Gehaltskonten der Spieler. Noch nie hatte der Club - scheinbar - mehr Qualität im Kader versammelt. Gegen die Portugiesen standen neun Nationalspieler auf dem Platz, zwei saßen auf der Bank und weitere fünf fehlten verletzt. Doch eine erkennbare Ordnung fehlte in allen Mannschaftsteilen. Kapitän Rafael van der Vaart mühte sich zwar bei seinem internationalen Comeback, sowohl kämpferisch als auch spielerisch ein Vorbild zu sein, doch mitreißen konnte er seine teils lethargischen, teils überforderten Nebenleute kaum.

Erst die engewechselten und vor Energie sprühenden Offensivkräfte Besart Berisha und Paolo Guerrero sorgten für Schwung und hätten mit ihren Aktionen beinahe dafür gesorgt, dass die schon verloren geglaubte Partie doch noch gekippt wäre. Es spricht wenig dagegen, beide am kommenden Samstag beim Auswärtsspiel in Wolfsburg (15.30 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE) von Beginn an auflaufen zu lassen - zumal mancher Stammspieler seine unterirdische Leistung noch zu verklären suchte. Mehdi Mahdavikia fand: "Wir haben von Anfang an Gas gegeben, es war eine gute Leistung in der ersten Halbzeit." Angesichts des gellenden Pfeifkonzerts der 51.000 Zuschauer zum Halbzeitpfiff stand er ziemlich allein mit dieser Meinung da. Abgesehen von Piotr Trochowski, der nach dem Schlusspfiff sagte: "Wir haben in der ersten Halbzeit ganz gute Chancen gehabt, machten aber kein Tor daraus." Tatsächlich war gerade die klägliche Art und Weise, in der etwa Danijel Ljuboja seine Möglichkeiten vergab, bezeichnend für die völlige Sturmflaute beim HSV.

Thomas Doll fasste den aus seiner Sicht grausigen Abend schließlich bündig zusammen: "Wir haben unseren Verein und den deutschen Fußball schlecht verkauft." Dass die Champions League, wie HSV-Clubchef Bernd Hoffmann feststellte, "nicht unsere Kragenweite ist", scheint angesichts der schlechtesten Bilanz, die je eine deutsche Mannschaft in der Königsklasse erzielt hat, nur mehr eine Binsenweisheit. Nicht das Ausscheiden aus, sondern das Erreichen der Champions League war offenbar nur ein Betriebsunfall.

Fraglich bleibt, wieviel Substanz in der Mannschaft steckt, die Trainer Doll vom 18. Platz bis nach Europa und beinahe wieder zurück geführt hat. Seine wichtigsten Kräfte sind dem Coach dank einer zwar finanziell sehr soliden, aber sportlich eher fragwürdigen Transferpolitik auf dem Weg abhanden gekommen. Vielleicht beschleicht auch den Trainer irgendwann das Gefühl, dass mit dem HSV nicht jene Ziele zu erreichen sind, die er sich vorgenommen hat. Und er sucht sich einen Verein, der besser zu seinen Ideen passt.

all/sid

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