HSV - Hertha Sieg bei Jara-Debüt
Hamburg - Als Jaras österreichischer Landsmann Ernst Happel vor 20 Jahren beim HSV das Zepter übernahm, schickte der Norddeutsche Rundfunk in heller Vorfreude eine aufgenommene Kinderstimme über den Äther: "Schnippeldieschnappel, der Trainer heißt Happel." Es klang wie ein Zauberspruch. Tatsächlich bescherte der kettenrauchende Grantler den Hamburgern magische Momente. Happel machte den Verein zum Meister und 1983 zu Europas Champion.
Den gelernten Kfz-Elektriker Jara ("Das war der Happel, ich bin der Jara") empfing die "Bild-Zeitung" mit der aus einem Nonsens-Song eines Blödelbarden entnommenen Schlagzeile "Hier kommt Kurt". Den Zusatz "ohne Helm und ohne Gurt" ließ das für gewöhnlich mit dem HSV in Symbiose lebende Boulevardorgan weg. Vielleicht, um nicht den Verdacht aufkommen zu lassen, der vermeintliche Retter, der mit dem FC Tirol zweimal die österreichische Meisterschaft gewonnen hat, trete bei den auf Tabellenplatz 15 abgestürzten Hamburgern ein Himmelfahrtskommando an.
Röbers malträtiertes Sakko
Diese Befürchtung mussten die 43.000 Zuschauer in der AOL-Arena bei Jaras Bundesliga-Debüt am Samstag gegen Hertha BSC zunächst allerdings haben. 35 Minuten lang schlichen die Hamburger ängstlich ihren Gegenspielern hinterher, hatten nicht eine einzige Torchance und hätten mindestens mit einem Treffer in Rückstand liegen müssen.
Doch Berlins Kapitän Michael Preetz gelang es in der 16. Minute, freistehend aus fünf Metern den Ball am Hamburger Gehäuse vorbeizuschießen. Wutentbrannt riss sich sein Trainer Jürgen Röber das Jackett vom Leib und schleuderte es auf die Hertha-Bank, während wenige Meter entfernt Jara verharrte - in einer Art Feldherrenhaltung, mit verschränkten Armen, das linke Bein auf einer Werbebande.
"Wie im Märchen"
Dass der schwergewichtige Innsbrucker auf der Pressekonferenz nach dem Spiel glücklich berichtete, er fühle sich "wie im Märchen", hatte seinen Hauptgrund darin, dass die Heimelf zwischen der 37. und 58. Minute viermal das Berliner Tor anvisierte und durch Marcel Ketelaer gleich doppelt, Sergej Barbarez und Collin Benyamin ebenso häufig traf.
"Wir haben gewonnen, weil alle positiven Sachen zusammen kamen", wollte Sportdirektor Holger Hieronymus den klaren 4:0-Heimsieg gegen Hertha BSC nicht detailliert begründen. Vielleicht konnte "Hiero", wie ihn die hanseatische Boulevardpresse ruft, spontan auch gar keine präzisere Erklärung liefern. Denn als Trainer hatte Hieronymus schließlich nicht zum Held getaugt.
Geheimnisvoller Erfolg
Der Interimsnachfolger des nach vier sieglosen Spielen gefeuerten Frank Pagelsdorf hatte bloß die Misserfolgserie des HSV ausgebaut: mit dem 0:4 gegen Werder Bremen und dem 0:0 in Nürnberg. Erst dann nahm die Hamburger Führungsetage nach komplizierten Verhandlungen Jara als neuen Trainer unter Vertrag.
Der frühere Mittelfeldspieler von Schalke, Duisburg und Österreichs Nationalteam veränderte die Mannschaft gegenüber der 0:4-Pleite gegen Bremen nur auf zwei Positionen. Marcel Maltritz und Bernd Hollerbach standen für die verletzten Jörg Albertz und Martin Groth in der Startformation. Die neu installierte Linksachse Hollerbach- Ketelaer erwies sich gegen Hertha BSC als erfolgreiche Maßnahme. Ansonsten fiel Jara zu seinem - vor allem am Ergebnis gemessen - großartigen Einstand ehrlicherweise "nötiges Spielglück" ein.
"Ball schön zirkuliert"
Denn während die anfangs dominierenden Berliner nach dem völlig überraschenden 1:0 durch Barbarez eine kämpferisch wie spielerisch blamable Vorstellung gaben, sah der neue HSV-Coach urplötzlich "eine Last" von seinen Akteuren fallen. "Danach ist der Ball schön zirkuliert", erlebte Jara einen Tag vor seinem 51. Geburtstag doch noch einen gemütlichen Nachmittag.
Eine raffiniertere Erklärung für den Erfolg konnte Jara nicht liefern: "Wir haben hart und mit Spaß im Training gearbeitet. Ich habe versucht, die Mannschaft stark zu reden. Es war nichts Außergewöhnliches, was ich gemacht habe. Mal geht es gut, mal nicht." Gegen letztlich widerstandslose Berliner ging es ganz gut. Doch von magischen Momenten ist der Hamburger SV auch unter dem neuen Trainer noch weit entfernt.
Hamburger SV - Hertha BSC Berlin 4:0 (2:0)
1:0 Barbarez (37.)
2:0 Ketelaer (41.)
3:0 Ketelaer (47.)
4:0 Benyamin (58.)
HSV: Pieckenhagen - Hertzsch, Hoogma, Ujfalusi - Benyamin,
Maltritz, Töfting, Hollerbach - Barbarez (81. Präger) - Meijer (60.
Antar), Ketelaer (71. Heinz)
Hertha BSC: Kiraly - Rehmer, Sverrisson, van Burik, Hartmann (63.
Maas) - Konstantinidis, Goor - Deisler (67. Dardai), Tretschok -
Marcelinho, Preetz (63. Tchami)
Schiedsrichter: Steinborn (Sinzig)
Zuschauer: 43.129
Gelbe Karten: Meijer (4) / Tretschok (2)