Traditionsclub in der Krise: Hamburgs dritte Katastrophe
HSV in der Krise Trauriger Dinosaurier
Der Hamburger SV ist ganz unten angekommen. Nach der 3:4-Niederlage im Kellerduell gegen den 1. FC Köln ist der HSV Tabellenletzter, mit nur einem Punkt aus vier Spielen. Doch trotz akuter Abstiegsgefahr will der Hamburger Traditionsverein weiter an Trainer Michael Oenning festhalten - vorerst.
"Wir haben in zehn Jahren neun Trainer verpflichtet, das hat uns nicht weiter gebracht. Diesen Weg wollen wir nicht weitergehen", sagte der Vorstandsvorsitzende Carl-Edgar Jarchow nach dem Sturz ans Tabellenende. "Wir wollen dem Trainer bis zur Winterpause eine Chance geben."
Oenning erhält damit noch einmal einen Vorschuss an Vertrauen, dem er bald gerecht werden muss. Denn der 46-Jährige hat die schlechteste Bilanz aller HSV-Trainer vorzuweisen, seit er am 13. März 2011 Armin Veh ablöste: Aus zwölf Spielen holte er nur neun Punkte und nur einen Sieg, im März beim 6:2, ausgerechnet gegen den 1. FC Köln. In dieser Verfassung steigt der HSV ab, der als einziger Club in der Geschichte der Bundesliga noch nie zweitklassig gespielt hat.
Sportlich befindet sich der Liga-Dino noch in einer Phase, die ein Profiteam gemeinhin in der Saisonvorbereitung durchläuft - und abschließt. Der Trainer experimentiert noch, er hat noch kein funktionierendes Spielsystem gefunden, seine Stammformation verändert der 45-Jährige permanent. Zuletzt schwankte er zwischen einem 4-3-3-, 4-4-2- und 4-1-4-1-System. Gegen Köln entschied sich Oenning für ein 4-2-3-1, das spricht für taktische Flexibilität. Erfolg hatte er damit jedoch nicht.
Der HSV ist eine Fassade ohne festes Fundament
Und auch wenn es merkwürdig klingen mag: Die Leistung gegen Köln war die bislang beste in dieser Saison. Für Zuversicht muss diese Analyse allerdings nicht sorgen, schließlich ist auch Köln miserabel in die Saison gestartet. Mit Slobodan Rajkovic verpflichteten die Hamburger unter der Woche schon den dritten neuen Innenverteidiger, aber auch der Serbe konnte nicht verhindern, dass der HSV einbrach.
Derzeit ist die Mannschaft eine Fassade ohne festes Fundament, die nach wenigen gezielten Attacken einstürzt, wie auch gegen Köln. Selbst nach einer 3:2-Führung gab der HSV das Spiel noch aus der Hand. "Wir müssen unsere Situation von Platz und Tabelle lösen", forderte Oenning. Es klang nach psychologischem Zwangsoptimismus.
Der Trainer, der zuvor als kompetenter Fußball-Lehrer galt, soll den radikalen Umbruch im Club vollziehen. Aber seine Position war schon beschädigt, bevor die Saison überhaupt angepfiffen wurde. Von seinem Vorgänger Armin Veh wurde er wenig respektvoll "Klavierspieler" genannt. Oenning ist ein Schöngeist, der Bücher liest, sich nicht nur über Fußball Gedanken macht und ein Instrument beherrscht, was ihn in dieser brachialen Branche verdächtig macht. Dass der 45-Jährige vor dem Bayern-Spiel (0:5) vor dem nach Italien gewechselten Ex-Münchner Miroslav Klose warnte, wird seitdem bei jeder Gelegenheit gegen ihn verwendet. Ein Reflex, den man nicht nur im Fußball kennt, aber hier häufig sieht: Wer am Boden liegt, wird noch härter getreten.
Die Luft für Oenning wird dünner
Nicht nur die Zweifel an Oenning haben zugenommen. Auch Sportdirektor Frank Arnesen muss sich kritische Fragen stellen lassen. Gleich fünf Akteure seines früheren Arbeitgebers FC Chelsea hat der Däne verpflichtet, darunter drei Innenverteidiger. Gegen Köln stand nur einer der Londoner Zugänge auf dem Platz. Eine merkwürdige Personalpolitik, wird in Hamburg gelästert: Spieler, die man auf die Bank setzt, finde man nicht nur bei Chelsea. Noch klammern sich Arnesen und Oenning siamesisch aneinander, aber hält der Niedergang des HSV an, dürfte auch Arnesen die eigene Haut wertvoller sein als das gemeinsame Projekt, das Team zu verjüngen und umzustrukturieren. "Michael Oenning genießt meine volle Unterstützung", beteuerte der Sportdirektor auch nach dem neuerlichen Debakel. Und noch hüllt sich der einflussreiche Aufsichtsrat in Schweigen. Dass er sich in die schwelende Trainerdebatte einmischt, wird seit Tagen erwartet.
Enttäuschte HSV-Fans forderten bereits nach der Niederlage gegen Köln die Entlassung des Trainers. Die "Oenning raus"-Rufe nahmen auch die nach dem Ende der Ära Bernd Hoffmann neuen starken Männer im Verein zur Kenntnis. Noch stehen sie öffentlich zu ihrem Coach, der Zeit bekommen soll. Die Diskussion um Oenning interessiere ihn nicht, sagt Jarchow. "Ich führe sie nicht. Ich mache mir keinen Gedanken über einen Trainerwechsel."
Zum Saisonbeginn gab der Vorstandsvorsitzende den sechsten Tabellenplatz als Wunschziel aus. Mittelfristig, so Jarchow, gehöre der HSV unter die Top Vier der Bundesliga. Am Saisonende dürfte man froh sein, wenn man drei Mannschaften hinter sich gelassen hat.
Nach der Länderspielpause muss der HSV zum Nordderby bei Werder Bremen antreten, danach ist Borussia Mönchengladbach zu Gast im Volkspark, das Überraschungsteam der Saison. "Michael Oenning weiß selbst, dass er Punkte holen muss", sagt Jarchow. Sonst, und das weiß auch der Trainer, dürfte sich der Treueschwur ganz schnell als wertlose Durchhalterhetorik erweisen.