HSV-Triumph in Bremen: "Wir waren scharf" - DER SPIEGEL
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HSV-Triumph in Bremen "Wir waren scharf"

Für den HSV war das Uefa-Cup-Hinspiel in Bremen ein Festtag: Die Hamburger Fans träumen von der Vorherrschaft im Norden, der Torschütze hält sich für einen Riesen - und der Trainer macht alles richtig. Doch der Gegner will die Hoffnung noch nicht aufgeben.
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Entstanden ist der Singsang eigentlich aus purer Not. Am 22. April dieses Jahres im Hamburger Volkspark, als die HSV-Fußballer gerade das erste von vier Duellen gegen Werder Bremen im DFB-Pokal verloren hatte, grölten Hamburger Anhänger in der Nacht zum ersten Mal: "Istanbul ist schöner als Berlin." Aus Trotz wegen des Ausscheidens.

Torschütze Trochowski (r.): Völlig ungedeckt

Torschütze Trochowski (r.): Völlig ungedeckt

Foto: Getty Images

Und nun? Genau acht Tage später ist der Song zum Lieblingschor der HSV-Fans geworden - und das ausgerechnet im Stadion des Rivalen aus Bremen. Denn das 1:0 (1:0) durch ein feines Kopfballtor von Piotr Trochowski (28.) war im Bremer Weserstadion noch gar nicht besiegelt, da schallte der Song tausendfach durch das im Umbau befindliche Oval. Die Reaktion der grün-weißen Sympathisanten in dieser aufgeladenen Atmosphäre? Betretenes Schweigen.

Es hat ganz den Anschein, als würde das dauerbefeuerte Nordderby nun diesen Ausgang nehmen: Werder Bremen spielt am 30. Mai in Berlin das DFB-Pokalendspiel; der Hamburger SV kämpft zehn Tage zuvor in Istanbul um den Uefa-Cup. "Die Fans dürfen das ja singen, aber wir können diese Euphorie einordnen", entgegnete Torwart Frank Rost, "noch sind wir nicht dort. Aber wir wollen ja Bremen im Norden den Rang ablaufen, und dann müssen wir mal in solch ein Finale einziehen."

Dem 35-jährigen Ex-Bremer, der in einer packenden Partie ähnlich stark hielt wie Gegenüber Tim Wiese, ist es ein ganz persönliches Anliegen, dass der Hamburger Weg in dieser Saison ans Ziel führt - also Titel herausspringen. "Die Mentalität dieser Mannschaft ist intakt. Für uns war es nie ein Thema, dass wir zusammenbrechen würden." Rost weiter: "Und wenn die Knochen weh tun und die Beine schwer sind: Wir werden auch am Sonntag gegen Berlin eine gute Leistung bringen." Anders als die Bremer haben die Hamburger ja auch im Bundesliga-Alltag noch prächtige Perspektiven.

Unverzichtbar dabei ist der trickreiche Trochowski. Auf den DFB-Nationalspieler mit polnischen Wurzeln hatte Jol im Pokalspiel noch verzichtet, was sich als schwerwiegender taktischer Fehler erwies. Doch der niederländische Fußballlehrer hat seine persönliche Lektion schnell gelernt: Der 53-Jährige stellte David Jarolim und Alex Silva als doppelten Abschirmdienst gegen den diesmal entzauberten Werder-Genius Diego in die defensive Zentrale, über außen kümmerten sich Jonathan Pitroipa und Piotr Trochwoski um das Konterspiel. "Wir haben ein anderes System gespielt und waren scharf; wir haben mit einer ganz anderen Einstellung gespielt", erklärte Abwehrchef Joris Mathijsen.

Das aggressivere Vorgehen des HSV zeigte Wirkung, weil Werder eine Halbzeit lang sein blasses Bundesliga-Gesicht zeigte: ohne die letzte Konsequenz vorn, ohne die letzte Konzentration hinten. Es kam, was kommen musste. Eine Kombination, die in einer präzisen Flanke von Guy Demel und dem Trochowski-Kopfball endete, entschied das Spiel. "Ich bin ja eigentlich nur 1,69 Meter groß, aber in dieser Szene war ich 2,15 Meter", witzelte der Torschütze. Torwart Rost wollte von hinten "einen Kopfball mit schöner Bogenspannung, der in jedes Lehrbuch passt", beobachtet haben.

Die Bremer, die in der zweiten Halbzeit beim Anrennen eine unheilvolle Konstellation aus Pech und Unvermögen im Abschluss beklagten (vor allem die Stürmer Claudio Pizarro, Hugo Almeida und Markus Rosenberg), haderten später vor allem mit dem Umstand, dass der kleine Trochowski ungehindert köpfen konnte. "Das war ein dummes Gegentor", grantelte Torsten Frings, während sein Trainer Thomas Schaaf eher Grundsätzliches anprangerte: "Wir haben uns viel zu viele Ballverluste erlaubt und sind zu oft nebenher gelaufen." Werders Chefcoach war an seinem 48. Geburtstag ziemlich bedient ("Man muss begreifen, dass man in beiden Hälften Leistung bringen muss"), Vorstandschef Klaus Allofs auch: "In der ersten Halbzeit haben wir ja mitgeholfen, den HSV stark zu machen."

Allofs aber erfreut die Aussicht auf eine Korrekturmöglichkeit am nächsten Donnerstag, "wenn wir da wieder alles richtig machen, haben wir gute Chancen, noch weiter zu kommen." Womit er wohl Recht hat. "Ein Uefa-Pokal-Halbfinale dauert 180 Minuten", sagte nämlich auch eher sorgen- statt hoffnungsvoll der HSV-Vorstandschef Bernd Hoffmann und appellierte an die realistische Betrachtungsweise des Prestigeerfolgs: "Wir besitzen nicht mehr als eine gute Ausgangsposition."

Die zudem dadurch unnötig geschwächt ist, weil sich Paolo Guerro fürs Rückspiel nächsten Donnerstag eine Gelb-Sperre einhandelte. Und da auch Mladen Petric mit seiner Risswunde am Schienbein kaum zur Verfügung stehen dürfte, herrscht im Hamburger Sturm akuter Notstand. Alles scheint also möglich fürs dritte Duell Hamburg versus Bremen; selbst ein 0:1 und ein anschließendes, von Jol gehasstes Elfmeterschießen auch. "Doch selbst davor", beruhigte Rost, "habe ich jetzt keine Angst mehr."

Tor: 0:1 Trochowski (28.)
Werder Bremen: Wiese - C. Fritz (85. Prödl), Mertesacker, Naldo, Boenisch - Frings, Tziolis, Özil, Diego - Pizarro, Hugo Almeida (61. Rosenberg)
Hamburger SV: Rost - Gravgaard, Mathijsen, Alex Silva (75. J. Boateng) - Demel, Aogo (79. Benjamin), Jarolim, Pitroipa, Trochowski - Guerrero, Olic (90+1. Torun)
Schiedsrichter: Howard Webb (England)
Zuschauer: 37.000 (ausverkauft)