Integration und Fußball Taufkirchen vs. Afrika
München - Im Fußball, das hat der Trainer Otto Rehhagel einmal gesagt, gibt es nur eine Wahrheit: Der Ball muss ins Tor. Fußball ist ein Spiel, das jeder versteht, auf der ganzen Welt, und deshalb ist Fußball, eigentlich, ein sehr gutes Mittel, um unterschiedliche Kulturen miteinander zu verbinden. Es könnte alles ganz einfach sein.
Aber es ist nicht immer einfach.
Denn man kann auch Fußball auf sehr unterschiedliche Weise verstehen. Man kann, wie Bernd Klemm, der Abteilungsleiter Fußball beim SV-DJK Taufkirchen in der Münchner Kreisklasse 5, Fußball als ein Spiel verstehen, das von Regeln bestimmt wird, und man kann, wie Paul Mayonga von Academy Africa, der einzigen afrikanischen Mannschaft dieser Liga, Fußball als Ausdruck eines Lebensgefühls verstehen. Seit Monaten kommen die beiden Männer nicht von der Stelle, manchmal erinnern sie an Delegierte bei Integrationsgipfeln, die sich verständigen sollen, es aber nicht schaffen.
Horst Klemm erzählt von Urteilen des Kreissportgerichts München II, von einer Liste an Vergehen, Belegen darüber, wie Academy Africa die deutschen Regeln gebrochen hat: "Die bescheißen dauernd." Paul Mayonga, der Vorsitzende von Academy Africa, sagt: "Diese Deutschen haben uns unseren Aufstieg kaputt gemacht." Denn wäre es in der Kreisklasse 5 nur um Punkte gegangen, um Ergebnisse, wäre Mayongas Team sicher aufgestiegen. Jetzt steht es irgendwo im Mittelfeld.
Horst Klemm muss sich jetzt immer rechtfertigen. Denn die erste Herrenmannschaft des DJK Taufkirchen ist von der Kreisklasse in die Kreisliga aufgestiegen. Horst Klemm hat hart gearbeitet an diesem Aufstieg. "Es zählte jeder Punkt", sagt er.
Was es heißt, ein Ausländer zu sein
13 Punkte hat der Fußballverband Academy Africa am Ende abgezogen. Es geht darin um die Urteile, von denen Horst Klemm spricht, um unsportliches Verhalten eines Spielers gegenüber dem Schiedsrichter, weil der meckerte und beleidigte, um unsportliches Verhalten des Trainers gegenüber dem Schiedsrichter, weil der auch meckerte und beleidigte, und es geht darin um zwei Spieler, Abdulahi Adams Godfrey und Iwuaka Kaká, starke Spieler.
In den Fällen 611 bis 613, so steht es in den Urteilen geschrieben, wurde Academy Africa "wegen des unzulässigen Einsatzes von Spielern" zu einer Geldstrafe von insgesamt 250 Euro und einem Abzug von vier Punkten verurteilt. Als Nebenfolge wurden die Begegnungen gegen Fortuna Unterhaching gegen den DJK Taufkirchen sowie gegen FC Unterbiberg II als verloren und für den Gegner als gewonnen gewertet. Die Spieler Kaká und Godfrey hatten falsche Pässe, sie hatten sich um ein Jahr älter gemacht, weil sie sonst nicht hätten spielen dürfen. Sie haben nicht wie Angehörige eines deutschen Vereins gedacht, sondern so, wie sie zu denken gewohnt waren.
Paul Mayonga ist 57 Jahre alt und vor 30 Jahren aus Brazzaville, der Hauptstadt der Republik Kongo, nach München gekommen; er studierte Wirtschaftswissenschaften, er ging kurz zurück in seine Heimat, kam zurück, arbeitete erst bei der Deutschen Bank, dann in der Autoindustrie, wo er noch heute beschäftigt ist. Während der Woche trägt er elegante Anzüge, Hemden mit Initialen und Manschettenknöpfen. Er weiß, dass gute Kleidung so wichtig ist wie die Sprache. Mayonga spricht gut Deutsch.
Er hat viel gelernt über Deutschland und darüber, was es heißt, ein Ausländer zu sein, Afrikaner. Er arbeitete im Ausländer-Beirat der Stadt München, baute das Afrika-Zentrum mit auf, war selbst Fußballer im Sturm vom FC Falke Markt Schwaben, und irgendwann, im Jahr 2002, kam ihm die Idee, eine afrikanische Fußballmannschaft zu gründen. Sie begannen in einem Garten, ohne Toiletten, "nur mit Toren", sagt er, sie spielten erst in der Freizeitliga, aber Mayonga verstärkte die Mannschaft, suchte immer neue Spieler, klebte Plakate in Asylbewerberheimen und Kulturzentren und meldete sein Team - Nigerianer, Angolaner, Kenianer, Ghanaer - beim bayerischen Fußballverband an, wo die Regeln streng sind, der Satzungen hat, wie im richtigen Leben. Sie waren von diesem Augenblick an nicht mehr nur ein afrikanisches Projekt. Sie waren jetzt auch ein deutscher Verein.
Zauberfußball mit Fehlern
Das war im Jahr 2003. Seitdem ist Mayongas Team durchmarschiert, von der wirklich untersten Liga, der C-Klasse, über die B-, A-Klasse bis in die Kreisklasse. Mayonga hat gute Spieler, er nennt das, was sie machen, "Zauberfußball". Manchmal wurden sie zu Sportfesten eingeladen, als Showeinlage, damit sie zeigten, was sie können am Ball. Sie bekamen viel Beifall.
Warum sie jetzt nicht mehr zu Sportfesten eingeladen werden, warum Deutsche unfreundlich über sie reden, warum Klemm sagt, dass sie bescheißen, liegt an den Urteilen. Mayongas Fehler war, dass er die Pässe der Spieler nicht überprüft hat.
Mayonga sieht den Fehler. Er sagt, das mit den Punktabzügen gehe in Ordnung. Sie hätten Asylbewerber in der Mannschaft, die nur eines wollen, Fußballspielen. "Aber natürlich", sagt Mayonga, hätte er zum Kreisverwaltungsreferat in die Meldebehörde gehen müssen, natürlich hätte er diese Daten prüfen lassen müssen.
Küsse auf der Tribüne - Gelbe Karte
Mayonga sagt, er habe keine Zeit dafür gehabt. Es gibt bei Academy Africa keine Abteilungsleiter, keinen Mann für Schriftkram, es gibt noch einen Trainer, einen zweiten Vorstand, der die letzte Nacht durchgearbeitet hat und jetzt am Spielfeldrand steht und Kette raucht, und es gibt einen Ordner, der eigentlich Spieler ist, aber gesperrt ist wegen Meckerns, der ein Militärkäppi trägt, ein orangefarbenes Ordner-Leibchen, der sein Team anfeuert, schreit, und dem Paul Mayonga erklärt, dass er das nicht dürfe, als Ordner.
"Sie müssen viel lernen", sagt Mayonga. Er erzählt, wie einer seiner Spieler nach einem Tor gegen Taufkirchen auf die Tribüne gerannt ist. Der Spieler hat getanzt, küsste seine Freundin, und er sah Gelb dafür.
Paul Mayonga, das kann man sagen, hilft dort, wo die Welt zwischen Afrika und Deutschland besonders weit auseinander liegt; er sagt, er helfe zunächst mal im Groben, und das fange im Kleinen an. Viele Spieler seien erst seit kurzem in Deutschland, sie müssten lernen, bei Kälte zu spielen, bei Schnee. Sie lernen, Ordnung zu halten, sie lernen Pünktlichkeit, sie lernen, dass Spiele nicht erst anfangen, wenn alle da sind, dass Rote Karten nichts mit Rassismus zu tun haben. Und dass das nicht geht, Pässe fälschen. Weil so etwas auffliegt in Deutschland und es bestraft wird.
"Jeder muss sich an die Regeln halten"
"Zum Kreisverwaltungsamt sind dann aber die anderen gegangen", sagt Mayonga, "Taufkirchen". Er sagt, er verstehe die Haltung nicht, die dahinter steckt. Er versteht nicht, dass sich Fußballer gegenseitig verfolgen, ausforschen, anschmieren. Taufkirchen habe nach Regelverstößen gesucht, sagt Mayonga, akribisch wie bezahlte Detektive, sie hätten die beiden Spieler zunächst durch Taufkirchner Polizisten überprüfen lassen und seien dann in die Behörde gelaufen. Sie hätten seine Leute fotografieren lassen, zur Sicherheit, um sie in den Pässen besser zuordnen zu können. Das, sagt Mayonga dann, habe für ihn nichts mehr mit Sport zu tun und nichts mit Regeln. Er weiß nicht, wie er seinen Spielern jetzt erklären soll, dass Deutschland ein Land ist, in dem sie willkommen sind.
Bernd Klemm sitzt auf der Terrasse vor dem Vereinsheim und hat Ärger mit dem Hausmeister. Der Hausmeister will die Bälle nicht rausgeben am Feiertag. Überall gibt es Ärger. Dann kommt er auf die Afrikaner zurück und sagt, dass die Geschichte mit den Polizisten gar nicht stimme, die mit den Fotos allerdings schon.
"Bei den Afrikanern gibt es eben nur dunkel oder heller", sagt Klemm, "die lassen sich nur ganz schwer unterscheiden." Klemm macht nicht den Eindruck, als habe Taufkirchen etwas getan, was es besser gelassen hätte. Er sagt, in Deutschland dürfe jeder von jedem Fotos machen. Es gebe kein Gesetz, das so etwas verbietet.
"Jeder muss sich an die Regeln halten", sagt Klemm. Das, was Academy Africa gemacht habe, sei an Dreistigkeit nicht zu überbieten. Wenn das mit den Spielerpässen nur ein einziges Mal passiert wäre, sagt er, wäre das noch etwas anderes. Aber drei Mal? "Wir wollten seit sechs Jahren aufsteigen. Jeder hat das Recht aufzusteigen", sagt er, "aber korrekt muss das sein." Klemm ist jetzt richtig in Rage. Er war sowieso schon schlecht gelaunt, wegen des Hausmeisters.
Der Traum vom gemeinsamen Aufstieg
Es ist ja nicht so, als hätte der DJK Taufkirchen keine Erfahrung mit Ausländern. Der Ausländeranteil liegt bei 70 Prozent, allein in der Fußballabteilung spielen 500 Mitglieder aus 32 Nationen. Klemm sagt, er glaube, dass sich Mayonga diese Sätze über Integration, diesen ganzen Überbau, nur so hinschraube, dass er die Sätze nur sage, weil sie gut klingen, und weil es gefährlich sei, etwas gegen sie zu sagen. Er mache sich zu einem Opfer. "Für mich ist das Plastiktütenwirtschaft", sagt Bernd Klemm.
Er horcht seinem Satz einen Moment lang hinterher, dann schiebt er schnell noch ein paar andere Sätze nach, er bewegt sich auf rutschigem Untergrund, er sagt, er sei selbst in Taufkirchen im Türkenghetto am Lindenring groß geworden.
Sein Freundeskreis bestehe aus 13 Nationen, seine Frau sei aus Tschechien, seine Tochter habe einen Freund, der irakischer Flüchtling sei, und auch sonst setze er sich, sagt Bernd Klemm, als Mitglied im Gemeinderat für Ausländer ein; seit 1988 ist er Trainer im Sportverein, wurde Abteilungsleiter, alles ehrenamtlich, und er glaubt heute, dass es auf der Anlage sogar besser mit den Ausländern funktioniere als sonst im Ort. Es gebe noch weniger Ärger.
"Es gibt strikte Regeln", sagt er, "Gepflogenheiten, denen sich jeder unterwerfen soll." Das fängt damit an, dass beim DJK jeder Deutsch sprechen muss, sobald er das Vereinsheim betritt, denn nur wer Deutsch spreche, sagt er, könne seinen Schulabschluss machen, eine Ausbildung, und werde dem Staat später nicht auf der Tasche liegen, was aber nicht bedeute, dass man in Taufkirchen Leute mit rechten Gedanken gebrauchen könne. Man wolle nur Leute, die sozial denken, die verstehen, dass man mit Ausländern zusammenleben müsse.
"Die Mehrheit muss sich auf die Minderheit zubewegen"
Er macht eine kleine Pause, überlegt und sagt: "Zusammenleben wollen." Der Verein stelle sich, auf der anderen Seite, darauf ein, was für Ausländer wichtig sei. "Bei Festen verkaufen wir Putenfleisch, das Training der Herrenmannschaft haben wir von 18 Uhr auf 19.30 Uhr verlegt, weil uns während des Ramadans die türkischen Spieler der Reihe nach umgekippt sind." Außerdem beschäftigt man seit Jahren Co-Trainer aus jenen Ländern, woher die meisten Spieler stammen, um sie heranzuführen an die deutschen Sitten, an das Recht und an die Ordnung.
"Der Erfolg gibt uns Recht", sagt Klemm. Sie hätten jetzt einen Ausländer im Verein, der mache gerade seine Fachhochschulreife. Er sagt: "Wenn der Mayonga das ernst meint mit der Integration, warum verteilt er die Spieler nicht auf deutsche Vereine?" - "Weil sie da kaputt gehen würden", sagt Mayonga. Weil sie nicht mehr Afrikaner bleiben dürften, sondern deutsch werden müssten. "Verstehen Sie, was ich meine?" Paul Mayonga springt jetzt im Gras an der Seitenauslinie hin und her. Er führt etwas vor, versetzt sich in den Körper zweier Spieler, bekannter Spieler. Rummenigge und Hrubesch, der Afrikaner und der Deutsche, wenn man so will. Rummenigge, sagt Mayonga, sei die Ausnahme gewesen, denn der sei deutsch, aber er habe nicht deutsch gespielt. Rummenigge sei gelernter Stürmer, nehme den Ball rechts an, lege ihn links vor - Mayonga demonstriert es - und stürme los. "Hrubesch", sagt Mayonga dann, "kann den Ball vielleicht stoppen, aber mehr nicht." Er will damit sagen, dass es besser sein kann, eine Bewegung mehr zu machen, um ans Ziel zu kommen.
Er glüht jetzt, er ist weit weg von Spielerpässen, von Regeln, von deutschen Sportgerichten; er ist in Afrika, sagt Worte voller Leidenschaft, "Beweglichkeit", "Freude", "Begeisterung", sagt: "Wir müssen ihnen diese Begeisterung lassen, damit sie über sich hinaus wachsen können." Bernd Klemm, der Deutsche, und Paul Mayonga, der Afrikaner, streiten im Kleinen einen großen deutschen Streit, Klemm verlangt die Anpassung einer Minderheit an eine Mehrheit, und Mayonga sagt: "Auch die Mehrheit muss sich auf die Minderheit zubewegen." Sie kommen nicht voran.
Bernd Klemm sagt, man nenne ihn in Taufkirchen auch den "Weißen Häuptling". Er sagt das stolz. Er hat sich Gedanken darüber gemacht, wie man alles zu einem guten Ende führen könne; der Weiße Häuptling denkt an eine Fusion: Mayonga und seine Spieler könnten nach Taufkirchen kommen. Mayonga würde Co-Trainer werden, sagt Klemm. Alle Pässe würden überprüft. Sie würden in der nächsten Saison vielleicht noch mal aufsteigen, alle.
"Niemals", sagt Paul Mayonga.