Inter - Juve: Auferstehung von der Ersatzbank - DER SPIEGEL
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Inter - Juve Auferstehung von der Ersatzbank

Während Inter Mailand um den verletzten Ronaldo trauerte, durfte Juventus Turin erneut seinen Edeljoker feiern. Mit zwei Toren war Darko Kovacevic zum wiederholten Mal der Matchwinner und brachte die "Alte Dame" dem Meistertitel einen entscheidenden Schritt näher.
Von Vincenzo Delle Donne
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Mailand - Die Spieler von Inter Mailand machten kurz vor Anpfiff klar, worum es beim Ligaspiel gegen Tabellenführer Juventus Turin gehen würde. Ivan Zamorano, Clarence Seedorf und Co. streiften demonstrativ über ihr Trikot ein weißes T-Shirt mit dem Konterfei ihres vom Pech verfolgten Kollegen Ronaldo. In großen Lettern stand dort "non mollare", was übersetzt "gib nicht auf" heißt. Entsprechend geriet die gesamte Partie im ausverkauften Mailänder Meazza-Stadion zu einer Benefizgala besonderer Art vor einer prächtigen Kulisse von 80.000 Zuschauern.

Das Endresultat von 1:2, das in Sachen Meisterschaft eine Vorentscheidung zugunsten des italienischen Rekordmeisters aus Turin darstellt, geriet dabei beinahe zur Nebensache. Derjenige, dem diese moralische Unterstützung zuteil wurde, konnte das Spiel im Pariser Krankenhaus indes gar nicht sehen. Dass dessen Moral auf dem Nullpunkt ist, bedarf kaum eines Kommentars. Denn die Folgen des maledeiten Abrisses der Patellasehne an Ronaldos rechtem Knie können ein jähes Karriereende für den Brasilianer bedeuten, wie Professor Gerard Saillant vorsichtig, aber unmissverständlich präzisierte. Dennoch ließ der 23-Jährige über den Pressesprecher von Inter Mailand, Sandro Sabatini, verlauten: "Ich gebe niemandem die Schuld. Ich habe nur verfluchtes Pech."

Dabei war in Italiens Gazetten kritisiert worden, dass Ronaldo mit verbotenen Substanzen, die auf der Dopingliste stehen, traktiert worden sei, um sein Comeback nach der ersten Knieoperation zu beschleunigen. "Wir haben ihm lediglich das Mittel Voltaren verabreicht", verteidigte sich allerdings Inter-Arzt Piero Volpi, "alle therapeutischen Maßnahmen haben wir mit Professor Saillant abgesprochen."

Zum Spiel: Ein sichtlich nervöser Inter-Trainer Marcello Lippi musste im Sturm auf den Uruguayer Alvaro Recoba setzen, denn auch Christian Vieri und Roberto Baggio ließen sich verletzungsbedingt entschuldigen. Überdies galt es für die Schwarz-Blauen, den letzten Strohhalm auf einen Champions-League-Platz zu ergreifen. Doch die erneute Schlappe berührte den einstigen Meistertrainer, dessen Image auch durch den Totalausfall seiner Stürmer arg ramponiert ist, nicht sonderlich. "Ich habe meiner Mannschaft Komplimente gemacht", kommentierte Lippi trotzig, "sie hat alles unternommen, was in ihren Kräften liegt." Richtig ist, dass sie gegen die derzeit beste Mannschaft der Liga gespielt hat.

Ein Stürmerstar ist wohl Arbeitsinvalide, es lebe der nächste Wunderstürmer. Den hat allerdings Juventus Turin mit dem Serben Darko Kovacevic entdeckt. Das allerdings eher durch Zufall. Denn wäre Zinedine Zidane nicht verletzt gewesen, hätte Kovacevic wie schon so oft in dieser Saison wieder auf der Bank Platz nehmen müssen. Dabei hat er mit seinen wichtigen und spektakulären Treffern in der Meisterschaft wie im Uefa-Pokal immer wieder lautlos einen Stammplatz reklamiert. Sowohl mit seinem Tor in der 56. Minute, als er auf Zuspiel von Stürmerkollege Filippo Inzaghi Torwart Peruzzi mit einem Schlenzer in den rechten oberen Winkel überwand, als auch mit seinem Kopfballtreffer in der 79. Minute hat Kovacevic seine Klasse unterstrichen. Seedorfs Anschlusstreffer für Inter Mailand in der 84. Minute war lediglich Ergebniskosmetik.

Spätestens jetzt ist aus dem Bankdrücker wider Willen ein Stammspieler der Extraklasse geworden. Wenig interessiert die Tifosi jetzt, dass Kovacevic auf dieser Position mit Nationalspieler Inzaghi konkurriert. "Trainer Ancelotti hat mir und meiner Familie sehr geholfen", bedankte sich Kovacevic artig. Auf die Frage, ob er sich mit der Rolle als Edelreservisten zufrieden gibt, antwortete er selbstbewusst und unmissverständlich: "Das ist eine Spitzenmannschaft, und ich will immer spielen."

Trainer Carlo Ancelotti, der in Turin Lippis Nachfolger ist, mag den Auswärtssieg als besondere Genugtuung empfunden haben. Lange ist in den letzten Wochen heftig darüber gestritten worden, dass Juve von den Schiedsrichtern und den Mächtigen im Fußball bevorteilt worden sei. "Das war ein glasklarer Sieg", bemerkte der pausbäckige Ancelotti mit einem süffisanten Lächeln.

Der 26. Meisterschaftstitel für die "Alte Dame" Juventus Turin dürfte vier Spieltage vor Schluss nun zur Formsache werden. Durch das 3:3-Unentenschieden beim AC Florenz hat nun Lazio Rom einen Rückstand von 5 Punkten. "Das ist einfach zu viel", musste auch Lazio-Präsident Sergio Cragnotti eingestehen.