Inter-Trainer Mourinho: Der Kaputtmacher - DER SPIEGEL
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Inter-Coach Mourinho: Startrainer und Showmaster

Foto: Valerio Pennicino/ Getty Images

Inter-Trainer Mourinho Der Kaputtmacher

Seine Spieler verehren ihn als Genie, Gegner fürchten seine gnadenlose Fehleranalyse: José Mourinho ist das Enfant terrible unter Europas Trainern. Im Champions-League-Finale trifft er mit Inter Mailand auf seinen alten Lehrmeister Louis van Gaal - seine Taktik gegen die Bayern wird radikal sein.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

José Mourinho

Inter Mailand

Er wird es lieben, wenn am Samstagabend ganz Europa gegen ihn ist. Denn wer drückt im Finale der Champions League (20.45 Uhr, Liveticker auf SPIEGEL ONLINE) schon den Defensivkünstlern von Inter Mailand die Daumen, wo der FC Bayern sich doch durch mitreißenden Fußball überraschenderweise die Zuneigung fast aller Fans zwischen dem Nordkap und Sizilien erspielt hat? Also wird , 47, mit wieder einmal kunstvoll verrutschter Krawatte am Spielfeldrand Platz nehmen und mit verächtlicher Geste so tun, als ob ihn die ganze Aufregung um das größte Spiel des Jahres nicht tangiere. Der Coach von wird sich auf seinem Platz fläzen, als sei er der Lümmel von der Trainerbank, und die Aversionen gegen sich genüsslich einsaugen. Denn wie hat er mal gesagt: "Jesus wurde auch nicht von allen geliebt."

Louis van Gaal

Dabei ist der Portugiese, wenn man schon in christlichen Begrifflichkeiten bleiben möchte, eher der Antichrist. Selbst wenn er im Estadio Santiago Bernabéu plötzlich ganz freundlich daher kommen und verbindlich lächeln sollte, würde das den Verdacht nur noch größer werden lassen, dass er diesmal einen besonders satanischen Plan in der Tasche hat. Auf jeden Fall ist er der Geist, der stets verneint, wie ganz genau weiß: "Er will das Spiel des Gegners kaputtmachen", hat der Trainer des FC Bayern gesagt. Das ist kein Vorwurf, denn beide kennen und schätzen sich seit ihrer Zusammenarbeit beim FC Barcelona, es ist eine Feststellung.

Zahnräder finden und blockieren

Mourinho ist mehr als ein Mann der sinistren Selbstinszenierung, der exzentrischen Marotten oder "emotional wie ein Vulkan", wie Inters Präsident Massimo Moratti gesagt hat. Vor allem ist er einer der schärfsten Analytiker, die es im Weltfußball gibt. Mourinho taucht so tief wie wenige seiner Kollegen in den Maschinenraum der gegnerischen Mannschaften ab, um zu sehen, wie deren Räderwerk funktioniert.

Sein Plan ist dabei immer ein zerstörerischer, denn es geht ihm darum, die Zahnräder im Spiel der anderen zu identifizieren, deren Blockade am wichtigsten ist. So wird er schon jetzt darüber nachsinnen, wie man das Laufwunder Ivica Olic ins Leere rennen lassen kann, wie Arjen Robben aus dem Spiel zu nehmen und wie die Zufuhr von Bastian Schweinsteigers Pässen zu stoppen ist.

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Finale in Madrid: Bayern und Inter im direkten Vergleich

Foto: DPA; AFPs

Zu Mourinhos größten Meisterstücken kreativer Destruktion gehörten die beiden Spiele von Inter Mailand im Halbfinale der diesjährigen Champions League gegen den FC Barcelona. Niemand hatte zuvor ernsthaft die Kombinationen der Katalanen unterbinden können, doch er stoppte Messi und Co. und überwältigte den Gegner beim 3:1-Sieg im eigenen Stadion auch noch.

Im Rückspiel verteidigte sein Team 70 Minuten lang in Unterzahl gegen die immer noch beste Vereinsmannschaft Europas. Das war grausam anzuschauen, aber zugleich auch faszinierend, denn Inter gelang eine der radikalsten Defensivleistungen, die man auf diesem Niveau wohl jemals gesehen hat. Die Mailänder gaben den Ballbesitz komplett auf und machten das Spiel von Barça nur noch kaputt.

Kontertaktik statt Neo-Catenaccio

Man sollte sich jedoch nicht vertun, denn Mourinhos Fußball ist komplexer als nur ein Neo-Catenaccio. Inter hat in der Serie A zwar die wenigsten Tore kassiert, aber auch die meisten geschossen. Bei Chelsea und zuvor beim FC Porto war das ähnlich, Mourinho ist kein reiner Betonierer, sondern ein Prophet des Konterfußballs. Seine Mannschaften lauern auf die Momente des Umschaltens, wenn der Gegner nach einem Ballverlust noch ungeordnet ist.

Bei Chelsea setzte er dabei vor allem auf den Ivorer Didier Drogba, einen von Mourinhos absoluten Lieblingen, der allein eine Abwehr terrorisieren kann. Selten lässt der Portugiese mit mehr als drei Spielern angreifen, attackiert den Gegner aber oft schon früh. Schon beim FC Porto war Costinha als Spieler hinter den beiden Stürmern nicht etwa hängende Spitze oder ein Spielmacher, sondern der erste Defensivspieler. "Ich wollte nicht, dass die Mittelfeldspieler auf den ersten Ball gehen mussten, sondern erst auf den zweiten", sagt Mourinho.

So wird das Finale in Madrid eines der komplett entgegengesetzten Spielideen. Der FC Bayern unter van Gaal will den Ball unbedingt und möglichst oft, um den Gegner müde zu kombinieren. Inter Mailand unter Mourinho hingegen sagt: Nehmt ihn nur, wir warten auf unseren Moment.

Und wenn es nur der entscheidende Moment der Zerstörung ist.

Egal, wie das Finale ausgeht, Mourinho wird sein Werk mit großer Wahrscheinlichkeit am Endspielort fortsetzen. Er will zu Real Madrid, und auch der Club ist bereit zu diesem faustischen Pakt, der nicht unbedingt ein Fußballvergnügen verspricht - aber Titel.