Inter-Coach Mourinho: Startrainer und Showmaster
Inters Startrainer Mourinho Der Maskenmann
Sein Vater hätte sicher reichlich zu erzählen. Aber der will in seiner Bar in Setubal, gut 40 Kilometer von Lissabon gelegen, jeden Morgen nur in Ruhe Kaffee schlürfen. Neulich kam ein italienischer Journalist vorbei, und Felix Mourinho suchte schnell das Weite. "Macht er immer so. Der redet mit keinem Journalisten", behauptet ein Bekannter. "Felix sieht sich ja nicht einmal die Spiele von José an. Kurz vor dem Anpfiff geht er immer 90 Minuten spazieren."
Als Felix Mourinho selbst noch ein Fußballer und Trainer war, verpasste sein Sohn José keine einzige Partie. Zu den Auswärtspartien trampte er manchmal per Lkw. Unter der Woche studierte er den kommenden Gegner und arbeitete akribische Berichte aus, die er dem Papa weiterreichte. Die bescheidene Karriere des Vaters nagte tief an José Mourinho, für den Mittelmaß schon damals keine akzeptable Option war. Bereits in der Jugend verbiss er sich deshalb in Taktiken, Systeme und die Anatomie des Erfolges. Unter Sir Bobby Robson und Louis van Gaal perfektionierte Mourinho diese Obsession, als er ihnen während der Neunziger in Barcelona assistierte. "Ohne diese beiden Trainer wäre ich nicht der, der ich bin", schrieb "Mou" in seiner Autobiografie.
José Mourinhos Hauptdomizil steht heute immer noch in Portugal, auch wenn er jetzt in Mailand arbeitet. In Setubal lebt er mit Frau Matilde und den beiden Kindern in einem schmucken Haus, und der Ferrari vor der Tür demonstriert, dass er es mit den taktischen Tüfteleien zu etwas gebracht hat. Triumphe in der Champions League und im Uefa-Pokal bei Porto, eine Meisterschaft mit Inter Mailand, zwei mit Chelsea. Dafür hat ihm Roman Abramowitsch, Chelseas russischer Eigentümer, den Ferrari geschenkt. Dass Auto und Eingang von zwei Bodyguards bewacht werden, nimmt ihm in Setubal niemand krumm. Zé Maria, wie sie Mourinho hier nennen, habe es sich verdient, sagen sie, und außerdem sei er alles andere als arrogant, er ist eben nur keine "Banane" - kein Trittbrettfahrer.
Quacksalber oder Revolutionär
Viele sind da mittlerweile anderer Meinung. Und so bleibt José Mourinho schwierig zu dechiffrieren. Kritikern gilt er wahlweise als bauernschlauer Blender, paranoider Quacksalber-Psychologe oder hochnäsiger Selbstüberschätzer. Seine Bewunderer halten ihn für nicht weniger als einen titelbringenden Revolutionär.
Neben der unbestrittenen Fachkompetenz ist genau dies Mourinhos Erfolgsmasche, ein Kaleidoskop der Masken, das letztlich gleichermaßen kongenial bedient, was Medien, Anhänger und Clubbosse von einem Entertainer einfordern. "Moutube", das ist moderne Fußball-Reality-Show 2.0, und Mourinho dirigiert als gewitzter Stratege hinter den Kulissen und ist gleichzeitig der Hauptdarsteller. "Mourinho hat den Trainerjob sexy gemacht", sagte Everton-Coach David Moyes einmal.
Mourinho wird bewundert, als Phänomen bestaunt. Lieben werden sie ihn in Norditalien wohl erst dann, wenn er die Trophäe der Champions League nach Mailand holt. Das Unternehmen steht am Dienstag im Achtelfinal-Rückspiel beim FC Chelsea (20.45 Uhr Liveticker SPIEGEL ONLINE) allerdings schon auf der Kippe. 2:1 hat Mourinhos Team das Hinspiel gewonnen, ein knapper Heimerfolg mit einem Auswärtstor des Gegners. Es wird schwer, wer soll das besser wissen als Mourinho, der Chelsea vier Jahre prägte? Er hat gerade ohnehin einen schweren Stand. Inter hat sich am Wochenende in der Liga bei Catania auf Sizilien blamiert und führt nur noch mit einem Punkt die Tabelle an. Mourinho hat getobt.
Der Jongleur der Psychen spielt mit Presse, Gegnern, seinem eigenen Kader und behält somit alle unter Kontrolle. Nach seinem Amtsantritt bei Inter 2008 assimilierte er sich beachtlich schnell an die neue Umgebung und schlug die Italiener mit ihren eigenen Waffen. Ein Land, das den "calcio parlato", das Fußballpalaver, als autonome Königsdisziplin vor dem gespielten Fußball führt, redet er einfach Woche für Woche an die Wand. In der wohl hysterischsten Liga Europas inszeniert er sich ganz einfach selbst als Hysteriker und posaunt seit Monaten von Konspiration oder von oben manipulierten Fehlentscheidungen der Referees - das lässt sich "Mou" Spielsperren und Geldstrafen kosten. Und so spricht niemand über Inters bisweilen blasse Spielweise.
Unerschütterliches Selbstbewusstsein
Ähnliches war ihm bereits mit Chelsea in England gelungen, wo er mit einem für die Insel fremden unerschütterlichen Selbstbewusstsein die Phalanx von Arsenal und Manchester United mit zwei Meisterschaften durchbrach. Mourinho gelang dies mit der Charakterstärke eines Trainers, der sich über Erfolg definiert, und für den Niederlagen inakzeptabel sind. So wurde er mit 14 Titeln aus den vergangenen acht Jahren letztlich zu einer Figur, die er im Laufe der Karriere selbst erschuf. Der private Mourinho, dessen Strategien, Fairness, Loyalität und Charme seine Spieler verehren. Und der öffentliche Mourinho, der von manischer Erfolgssucht getrieben auf einem gefährlich schmalen Grat stets den kompromisslosen Konfrontationskurs sucht.
Auf diese Weise wuchs der Portugiese zum modernen Erben von Sir Alex Ferguson. Beide sind die unumstrittenen Meister der "Mind Games", der Psychospielchen, und fanden in sich ihr Alter Ego. Die zurückliegenden Nadelstiche haben sie längst durch noble Dialektik ersetzt. Mourinho nennt Ferguson den "Boss", "einen engen Freund". Der ManUnited-Coach trauert Mourinho immer noch nach: "José fehlt mir. Als er 2004 in die Premier League kam, war er ein rotzfrecher Niemand. Er stellte sich als Special One vor und alle lachten. Wochen später rannten wir ihm und Chelsea hinterher. Er hat den englischen Fußball nach vorne gebracht, er war ein willkommener, frischer Wind durch die Liga."
Es wäre die logischste aller Konsequenzen, wenn das majestätische Ego des Portugiesen irgendwann die Ferguson-Thronfolge in Manchester antreten würde. Der Schotte sagte zu Karrierebeginn einmal: "Bist du Zweiter, bist du ein Niemand." Es ist die Furcht vor der Anonymität des Mittelmaßes, die Ferguson und Mourinho Tag für Tag aufs Neue vorantreibt.