Interview mit Andreas Herzog "Effenberg will es einigen heimzahlen"
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Herr Herzog, Austria Wien ist vergangene Woche mit 21 Punkten Vorsprung österreichischer Meister geworden. Das hat Sie als Spieler vom Stadtrivalen Rapid sicherlich gewurmt.
Andreas Herzog: Wenn eine Mannschaft so überlegen die Meisterschaft holt, aus der gleichen Stadt kommt und auch ein Traditionsverein ist wie wir, nimmt man das nicht so einfach hin. Die Fans sind sauer, weil wir so schlecht spielen und die anderen jedes Spiel gewinnen. Dazu hat Austria mit Christoph Daum einen Supertrainer. Deshalb war die Sache heuer ziemlich schnell gelaufen.
SPIEGEL ONLINE: Christoph Daum ist jetzt als Austrias Meistermacher gefeiert worden. Wie wird die Person Daum in Österreich wahrgenommen?
Herzog: Christoph Daum ist ein außergewöhnlicher Erfolgstrainer, daran gibt es nichts zu rütteln. Das sehen die Leute auch hier so. Er hat bisher in jedem Land, in dem er gearbeitet hat, Erfolg gehabt und die Meisterschaft geholt.
SPIEGEL ONLINE: Sie sind mit Werder Bremen Deutscher Meister und DFB-Pokalsieger geworden, mit Bayern München holten Sie den Uefa-Cup. Dazu schossen Sie 60 Tore in 264 Bundesliga-Spielen. Wie bewerten Sie im Rückblick Ihre Zeit in der Bundesliga?
Herzog: Deutschland war zweifellos die schönste Zeit meiner Karriere. Auch die erfolgreichste. Es ist schon ein Unterschied zwischen der deutschen und der österreichischen Liga. Das war schon ein Riesenschritt, das merke ich gerade wieder. Ich bin froh, dass ich solange in Deutschland habe spielen dürfen.
SPIEGEL ONLINE: War die überstürzte Rückkehr aus Bremen nach Wien im vergangenen Jahr für Sie persönlich die richtige Entscheidung?
Herzog: Wien ist meine Heimat. Natürlich habe ich mir die Rückkehr, was das Sportliche angeht, etwas schöner vorgestellt. Ich hatte natürlich gehofft, dass wir mit der Mannschaft um den Meistertitel mitspielen. Aber wir spielen da irgendwo im Niemandsland. Das ist entspricht natürlich überhaupt nicht meinen Erwartungen.
SPIEGEL ONLINE: Bei Ihrem Abgang in Bremen hat es auf Grund von Meinungsverschiedenheiten mit Trainer Thomas Schaaf zum Schluss ein paar dunkle Wolken gegeben. Hat das Ihr Verhältnis zu Werder getrübt?
Herzog: Nein, nicht wirklich. Es ist immer noch ein Traum von mir, dass ich vielleicht nach ein paar Jahren wieder einmal zu Werder zurückkommen könnte. Aber ich werde nach meiner Spielerkarriere erst einmal in Österreich den Trainerschein machen oder im Management arbeiten. Dann wird man sehen, ob es noch einmal für die höchste Ebene reicht.
SPIEGEL ONLINE: Sie haben im vergangenen November Ihr 100. Länderspiel für Österreich gemacht. Wie lange wollen Sie noch spielen?
Herzog: Wie lange es noch geht, kann ich schwer beurteilen. Es kann sein, dass es schon bald vorbei ist. Da muss ich den Sommer abwarten und sehen, was sich alles entwickelt. Ich hoffe, dass ich noch ein, zwei Jahre spielen kann.
SPIEGEL ONLINE: Wäre Katar, wo Mario Basler, Ihr alter Mannschaftskamerad aus Bremen, demnächst spielen wird, eine Möglichkeit?
Herzog: Das würde mich schon reizen. Mit Mario noch einmal in einer Mannschaft zu spielen, wäre schon eine tolle Sache. Er war damals in Bremen Torschützenkönig, und ich habe ihm viele Vorlagen liefern können. Vielleicht könnten wir ja in Katar oder irgendwo anders unter Beweis stellen, dass wir noch nicht zum alten Eisen gehören.
SPIEGEL ONLINE: Was macht es so schwer für einen älteren, verdienten Spieler, einen würdigen Abgang zu finden? In Deutschland ist der Fall Thomas Häßler seit Wochen ein Thema.
Herzog: Eins ist für uns alle klar: Fußball ist das Leben. Es kommt darauf an, dass ich zu mir sagen kann: Okay, mir macht es noch Spaß. Das Schlimmste wäre, wenn man zu früh aufgehört hat und sich später mit 40 Jahren sagen muss, verdammt ich hätte zwei Jahre länger spielen können. Deshalb ist mir wurscht, was die Leute über einen schreiben oder schimpfen und vorschlagen, was ich machen soll. Solange es mir noch Spaß macht, lasse ich mir von niemanden etwas einreden.
SPIEGEL ONLINE: Auch Stefan Effenberg wechselt nach Katar. Er hat in dieser Woche seine Autobiografie "Ich hab's allen gezeigt" veröffentlicht. Was halten Sie von seiner Abrechnung mit ehemaligen Weggefährten?
Herzog: Die Leute, die er jetzt in die Pfanne haut, haben jahrelang blöd über ihn gesprochen. Noch hat er Erfolg, deshalb will er es manchem heimzahlen. Aber wenn man sich zu weit aus dem Fenster lehnt, kriegt man auch irgendwann die Rechnung. Im Endeffekt muss man sich aber immer noch in die Augen schauen können. Ich weiß nicht genau, was er da für Geschichten veröffentlicht hat, aber er wird sich schon überlegt haben, was er da macht.
SPIEGEL ONLINE: Fürchten Sie, dass er auch etwas über Sie geschrieben haben könnte?
Herzog: (lacht) Das weiß ich nicht. Aber ich glaube, es gibt schon größere Nummern, über die man in Deutschland sprechen kann, als über den Andi Herzog aus Wien.
SPIEGEL ONLINE: Sie haben letzte Woche mit Österreich in Schottland gespielt und gewonnen. Die deutsche Nationalmannschaft muss dort am 7. Juni in der EM-Qualifikation antreten. Was erwartet das Team von Rudi Völler in Glasgow?
Herzog: Wenn die Schotten wieder so einen schlechten Tag erwischen wie gegen uns, hat Deutschland überhaupt keine Probleme, das Spiel zu gewinnen. Ich glaube aber nicht, dass die Schotten so schwach sind, wie sie sich jetzt gegen uns präsentiert haben. Gegen uns waren im riesigen Hampden Park nur 12.000 Zuschauer. Gegen Deutschland wird das Stadion sicher ausverkauft und dann eine Riesenstimmung sein. Da werden die Schotten dank ihres Kampfgeistes wieder über sich hinauswachsen. Aber ich denke, dass Deutschland in seiner Gruppe überlegen Erster werden wird.
SPIEGEL ONLINE: Ein paar Tage später reisen die deutschen Fußballer auf die Faröer, um dort erstmals ein Länderspiel zu absolvieren. Österreich war die erste Nationalmannschaft, die ein Länderspiel gegen die Faröer verloren hatte. Das war damals eine Riesenblamage. Welchen Tipp können Sie Rudi Völler mitgeben, dass dies den Deutschen nicht passiert?
Herzog: Wie man sich auf den Faröern zu verhalten hat, kann ich nicht sagen. Wir haben ja damals in Landskrona gespielt, also auf dem schwedischen Festland, weil es zu diesem Zeitpunkt auf den Faröer noch keinen Rasenplatz gab. Man darf diese Jungs nicht mehr unterschätzen. Die Deutschen haben sich im Hinspiel, beim knappen 2:1 in Hannover, auch schon unheimlich schwer getan. Die Faröer spielen bis zur Selbstverstümmelung, die haben eine sympathische Einstellung. Wir Österreicher waren leider die Ersten, die feststellen haben müssen, dass die da oben im Norden auch ganz gut Fußball spielen können. Dabei ist das noch nicht einmal ihr Beruf, die sind ja alle Amateure. Die haben uns damals beim 1:0 richtig lächerlich gemacht.
Das Gespräch führte Andreas Lampert