Interview mit Bernd Schuster: "Ich will schneller auftauen" - DER SPIEGEL
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Interview mit Bernd Schuster "Ich will schneller auftauen"

Als Trainer des Madrider Vorortclubs Getafe sorgt Bernd Schuster derzeit für Furore. Im Interview spricht der 45-Jährige über die sportlichen Ziele mit dem Aufsteiger, seinen Traumclub Real Madrid und eigene allzu große Zurückhaltung.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Frage:

Herr Schuster, Sie sind derzeit der gefeierte Mann in der Primera División. Vor dem Saisonstart als Abstiegskandidat gehandelt, schaffte es Ihr Team in die Spitzengruppe. Häufig treten Trainer in einer solchen Situation auf die Euphoriebremse, Sie auch?

Schuster: Warum sollte ich? Wir wollen diese Stimmung ausnutzen und möglichst viele Punkte sammeln. Irgendwann werden wir wieder im grauen Liga-Alltag ankommen. Unser Ziel heißt nach wie vor: Klassenerhalt. Daran ändern auch die Anfangserfolge nichts.

Frage: Sie sind ein gebranntes Kind. Vergangene Saison waren Sie mit UD Levante ebenfalls bestens gestartet und wurden im Frühjahr dann nach unten durchgereicht.

Schuster: Angesichts des Spielermaterials war mir klar, dass wir uns nicht über die gesamte Spielzeit oben halten würden. Dort gehörten wir nicht hin. Der Präsident sah das anders.

Frage: Vier Spieltage vor Saisonende wurden Sie entlassen. Zuvor wütete ein wahrer Kleinkrieg zwischen Ihnen und Clubchef Villarroel. Waren Sie am Ende sogar ein wenig froh darüber, dass das Kapitel Levante früher als geplant zu Ende ging?

Schuster: Das nimmt einem natürlich schon ein bisschen die Motivation, wenn es ständig Querschüsse vom Präsidenten gibt. Ich habe schon nach kurzer Zeit gemerkt, dass das hier nicht passt. Richtig schwierig wurde es, als es in der Liga nicht mehr so gut lief. In den Augen von Villarroel war ich an allem schuld - sogar wenn es geregnet hat. Der Gipfel war, als Villarroel statt des dringend benötigten zentralen Abwehrspielers und Stürmers einen Torwart verpflichtet hat ...

Frage: ... den Sie prompt auf die Ersatzbank setzten, womit Sie in den Augen mancher Kritiker dem Image des starrköpfigen Menschen gerecht wurden.

Schuster: Das hat nichts mit Sturheit zu tun, es ging um den korrekten Umgang miteinander und den sportlichen Erfolg. Das Tischtuch war vorher schon zerschnitten. Hier bei Getafe herrscht ein ganz anderes Klima. Ich treffe Herrn Torres, den Präsidenten, beinahe täglich, und wir packen die Dinge gemeinsam an. Er hört sich meine Wünsche an. Wir suchen immer im Konsens nach Lösungen.

Frage: Aber teure Spieler kann er angesichts knapper finanzieller Mittel auch nicht herbeizaubern.

Schuster: Der FC Getafe ist ein kleiner Verein, mit dem kleinsten Stadion in der Primera División. Die meisten unserer Spieler sind von den großen Vereinen ausgeliehen, wie das bei vielen Clubs in Spanien so üblich ist. Im diesjährigen Kader sind zwölf neue Leute. Das Groteske an der Sache ist, dass man mit den Jungs für die kommende Saison eigentlich nicht mehr planen kann, wenn sie richtig gut spielen. Dann sind sie wieder weg.

Frage: Möglicherweise ist der FC Getafe ja auch für Sie nur eine Zwischenstation. Nach dem durchwachsenen Start von Real Madrid hat mancher Beobachter Sie, den ehemals umjubelten Real-Regisseur, schon als möglichen Nachfolger von Wanderley Luxemburgo auf der Trainerbank bei den Königlichen gesehen. Machen Sie sich Hoffnungen?

Schuster: Ich habe auch gehört, dass ich mit Real in Verbindung gebracht werde. Ich nehme das allerdings nicht richtig ernst, zumal sich das Team inzwischen wieder gefangen hat und sich die Frage nach einem Trainerwechsel fürs erste nicht mehr stellt. Aber klar, wenn sich so eine Chance bieten würde, stünde ich am nächsten Tag auf dem Trainingsplatz von Real. Da darf man nicht zögern. Dieser Verein mit all seinen Möglichkeiten ist einfach das Nonplusultra im Fußball.

Frage: Wenn es mit Real oder einem anderen spanischen Spitzenclub nichts werden sollte, können Sie sich auch einen Wechsel in die Bundesliga vorstellen?

Schuster: Auf jeden Fall. Aber zunächst einmal möchte ich mit Getafe etwas aufbauen. Die Arbeit hier macht richtig Spaß. Die Bundesliga reizt mich durchaus. Ich stand ja vor dieser Saison kurz vor der Vertragsunterzeichnung beim VfL Wolfsburg. Ich hatte unglaubliche Lust auf diesen Verein und die Aufgabe dort. Aber dann hat es doch nicht geklappt. Warum, weiß ich nicht. An mir lag es nicht.

Frage: Vielleicht hatte der Rückzieher der VfL-Verantwortlichen auch damit zu tun, dass Ihnen das Image des "schwierigen Typen" anhaftet. Leute, die Sie besser kennen, charakterisieren Sie dagegen als feinen und umgänglichen Menschen. Wie würden Sie sich selber beschreiben?

Schuster: Ich bin ein sehr reservierter Mensch. Wenn ich jemanden nicht kenne, begegne ich ihm zunächst mit einer gewissen Distanz. Es dauert einige Zeit, bis ich auftaue. Ich arbeite daran, dass das schneller geht. Und ich habe mich auch schon verändert. Als Trainer habe ich mit so vielen verschiedenen Menschen zu tun, da bleibt mir gar nichts anderes übrig.

Frage: Sie haben viele Jahre Ihres Lebens in Spanien verbracht. Sind Sie ein deutscher Spanier?

Schuster: Ein bisschen schon. Ich fühle mich in Spanien sehr wohl und bin vielleicht vier, fünf Mal im Jahr in meinem Haus in Köln. Das hat aber nichts mit einer Abneigung gegen Deutschland zu tun. Es bleibt einfach nicht mehr Zeit für Abstecher in die alte Heimat. Was den Fußball angeht, denke ich, dass die Spanier von uns und wir natürlich von ihnen etwas lernen können.

Frage: Was genau?

Schuster: Der spanische Fußball ist taktisch viel variabler. Dafür wird in Deutschland schneller, mit mehr Athletik gespielt.

Frage: Die deutsche Nationalmannschaft hat unter Jürgen Klinsmann an Ansehen gewonnen - auch international. Zuletzt gab es aber wieder Rückschläge. Wie schätzen Sie aus der Ferne die Entwicklung ein?

Schuster: Ich schaue mir wieder gerne Spiele der deutschen Nationalmannschaft an. Da ist Euphorie und Leben zu spüren. Rückschläge wie gegen die Slowakei sind normal. Es ist einfach schwierig, die Jungs zu motivieren, wenn es gegen solch einen Gegner geht. Die haben mit Freundschafts-, Bundesliga- und Champions-League-Spielen bis zu 80 Partien pro Saison in den Knochen. Die sind einfach satt. Ich bin mir sicher, dass die deutsche Mannschaft nächstes Jahr bei der WM eine gute Rolle spielen wird.

Frage: Auch die Real-Stars wirken manchmal übersättigt. Geld allein schießt keine Tore, hat Otto Rehhagel einmal gesagt. Hat nicht Real Madrid zu Beginn der Saison den Beweis dafür angetreten?

Schuster: Ich habe mich kürzlich am Flughafen mit Raúl unterhalten. Er erzählte mir von Reals dreiwöchiger Promotiontour nach Südostasien vor dem Saisonstart. Das hat mir als Trainer richtig wehgetan. Die Jungs saßen entweder im Flieger oder standen bei irgendwelchen Freundschaftsspielen auf dem Platz. Eine Saisonvorbereitung ohne Training - das kann nicht gut gehen. Alle anderen Teams standen voll im Saft, als es losging. Da hat es selbst eine Mannschaft mit Spielern wie Zidane, Ronaldo, Beckham und Robinho sehr schwer.

Die Fragen stellte Roland Wiedemann