Interview mit Eugen Strigel "In Deutschland wird mehr gemeckert"
SPIEGEL ONLINE:
Herr Strigel, können Sie noch ruhig schlafen? Schließlich werden die Schiris immer schlechter, wenn man den Kritikern Ihres Berufsstandes glauben darf.
Eugen Strigel: Diese Meinung habe ich mal in der "Sportbild" gelesen, aber sonst nirgendwo gehört. Insgesamt waren wir mit dieser Vorrunde wirklich zufrieden. Ich denke, wir haben unsere Sache gut gemacht. Natürlich gab es auch ein paar Spiele, bei denen wir nicht so glücklich waren.
SPIEGEL ONLINE: Welches Beispiel fällt Ihnen spontan ein?
Eugen Strigel: Das Spiel Nürnberg gegen Schalke. Da war ein "Club"-Spieler wegen eines angeblich absichtlichen Handspiels vom Platz gestellt worden, und der FCN hatte auch noch einen Elfmeter kassiert. Das war ein großer Diskussionspunkt.
SPIEGEL ONLINE: Ist das nicht etwas untertrieben? Nürnbergs Trainer Klaus Augenthaler tobte und verglich die Unparteiischen nach dem Abpfiff mit "kleinen grünen Männchen".
Strigel: Ich habe es ja bereits gesagt, dass es einzelne Entscheidungen gegeben hat, in denen der eine oder andere Fehler gemacht wurde. Das wird bei der Vielzahl der Entscheidungen auch immer wieder passieren.
SPIEGEL ONLINE: Können Sie den Ärger der Spieler und Trainer nachvollziehen?
Strigel: Es gehört zum Fußball dazu, dass man sich aufregt. Wenn sich jemand ungerecht behandelt fühlt, dann meckert er eben. Das ist doch nichts Neues.
SPIEGEL ONLINE: Welche Reaktion tolerieren Sie nicht?
Strigel: Wenn es in Beleidigungen ausartet, unter die Gürtellinie geht oder vollkommen unsachlich wird.
SPIEGEL ONLINE: Nach der Roten Karte für Nationalspieler Jens Nowotny in der Partie bei Werder Bremen schimpften Leverkusener Verantwortliche über die vermeintliche Fehlentscheidung. Ging diese Kritik zu weit?
Strigel: Sagen wir es mal so: Wenn bei einigen Leuten die Regelkenntnisse nicht ausreichend vorhanden sind, muss man denen das noch einmal erklären. Es blieb ein Foul, auch nachdem man sich die Zeitlupe zehnmal angeguckt hatte. In den Regeln steht nirgends, dass man ein Foul absichtlich begehen muss, es genügt Fahrlässigkeit. Und Nowotny hat Ailton zu Fall gebracht. Er hat ja selbst gesagt, dass es vertretbar und in Ordnung war.
SPIEGEL ONLINE: Sind alle Spieler so einsichtig?
Strigel: Sie haben dazugelernt. Insgesamt sind wir auf einem guten Weg. Ich habe in den Spielen der Vorrunde deutlich weniger brutale Fouls gesehen. Übertrieben viele Schwalben gab es ebenfalls nicht.
SPIEGEL ONLINE: Und wie stehen die deutschen Profis im internationalen Vergleich da?
Strigel: In Deutschland wird schon mehr gemeckert als etwa in Italien. Das ist eine Mentalitätsfrage. Die italienischen Schiedsrichter verteilen aber auch schneller Gelbe Karten, vielleicht halten sich die Spieler auch deshalb zurück.
SPIEGEL ONLINE: Müssen sich die deutschen Spieler in Hinblick auf die WM umstellen?
Strigel: Nein, nicht was die Regelauslegung durch die Schiedsrichter angeht. Volker Roth ist unser Schiedsrichterobmann. Er ist auch für die Unparteiischen bei der WM verantwortlich. Die Aktiven werden aber insgesamt anders spielen, sie werden sich zurückhalten.
SPIEGEL ONLINE: Was fürchten die Spieler?
Strigel: In der Bundesliga kommt es auf einen Gelbe Karte nicht an. Bei fünf Stück ist man für eine Partie gesperrt, aber das ist kein Problem, wenn man 34 Saisonspiele hat. Bei der WM wird sich das ein Spieler allerdings sehr genau überlegen, ob er meckert oder eine Gelbe Karte riskiert. Nach der zweiten Verwarnung sitzt er auf der Tribüne. Das schmerzt bei vielleicht nur drei oder vier Spielen.
Das Interview führte Clemens Gerlach