Interview mit Ewald Lienen: "Ein Vorbild für andere sein" - DER SPIEGEL
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Interview mit Ewald Lienen "Ein Vorbild für andere sein"

Ewald Lienen ist zurück am Bökelberg. Der ehemalige Gladbacher Spieler will als Trainer mit dem Verein an große Zeiten anknüpfen. Mit SPIEGEL ONLINE sprach Ewald Lienen über Heimatgefühle, Weltpolitik und das, was jeder im Kleinen verändern kann.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

SPIEGEL ONLINE:

Herr Lienen, lesen Sie im Moment zuerst den Sportteil oder den Politikteil Ihrer Zeitung?

Ewald Lienen: Ich fange vorne an, wie die meisten Menschen. Weil ich vom Verein immer einen Pressespiegel bekomme, muss ich nicht unbedingt den Sportteil einer Zeitung lesen.

SPIEGEL ONLINE: Sie sind ein politisch interessierter Mensch...

Lienen: Ja, schon immer gewesen!

SPIEGEL ONLINE: Der drohende Krieg im Irak bestimmt momentan die Schlagzeilen.

Lienen: Man könnte meinen, dass uns ein Krieg nicht so betrifft, wenn er weit weg ist. In der ganzen Welt sind ständig Kriege, und wir tun hier so, als ob das völlig normal wäre. Wenn jetzt im Irak ein Krieg beginnt, ist der ja nicht der einzige auf der Welt. Allerdings wird dieser Krieg ins Rampenlicht gerückt, bevor er überhaupt angefangen hat. Dabei sollte man nicht die ganzen Konfliktherde auf der Welt vergessen, über die wir täglich hinweg schauen.

SPIEGEL ONLINE: Sind Sie noch in der Friedensbewegung aktiv?

Lienen: Nein.

SPIEGEL ONLINE: Gibt es dafür Gründe?

Lienen: Ich habe nicht mehr die Zeit, zu irgendwelchen Veranstaltungen zu gehen oder Demonstrationen zu besuchen. Ich glaube, dass ich mich mittlerweile auf eine andere Art und Weise beteiligen kann. Man kann seine Meinung sagen, und wenn ich dazu die Möglichkeit habe, dann tue ich das auch.

SPIEGEL ONLINE: Wie ist denn Ihre Meinung zur aktuellen Lage?

Lienen: Ich bin sehr einverstanden mit der offiziellen Politik, die Deutschland bezüglich des Irak betreibt. Denn ich glaube, dass es niemanden gibt, der irgendeine Rechtfertigung für einen Krieg im Irak anführen könnte. Deshalb bin ich sehr stolz auf das, was unsere Bundesregierung macht und wie sie sich trotz des starken Gegenwindes aus den USA präsentiert. Genau das erwarte ich angesichts unserer Geschichte von einer deutschen Bundesregierung: Dass wir uns gegen jegliche Kriegstreiberei stellen und nicht zur Verfügung stehen, wenn aus sehr vordergründigen Interessen ein solcher Krieg geführt werden soll.

SPIEGEL ONLINE: Besprechen Sie politische Themen auch mit Ihren Spielern?

Lienen: Ich bin jetzt erst ungefähr zwei Wochen in Mönchengladbach. Bisher mussten wir andere Dinge besprechen. Aber es ist in einer Fußballmannschaft genau wie in anderen Berufskreisen. Da wird genauso wenig oder genauso viel über Politik diskutiert.

SPIEGEL ONLINE: Sollten nicht gerade Bundesligaspieler, denen viele, vor allem junge Menschen, zuhören, öfter ihre Meinung zu politischen Themen äußern? Das Publikum, das sie erreichen könnten, hört den Politikern oft nicht mehr zu.

Lienen: Das ist eine uralte Meinung, die jeglicher Grundlage entbehrt. Ein junger Bursche von Anfang zwanzig, der das Glück hat, Profifußball zu spielen, und dadurch plötzlich im Rampenlicht der Öffentlichkeit steht, von dem können sie nicht erwarten, dass er plötzlich zum Sozialkritiker aufsteigt. Diese sehr jungen Menschen bekommen plötzlich eine Verantwortung, derer sie sich gar nicht bewusst sind oder die sie gar nicht ausfüllen können. Dass in den Vereinigten Staaten bekannte Schauspieler endlich mal diesem völlig unkorrekten Regime die Stirn bieten und sagen, was sie davon halten, halte ich für sinnvoller. Das sind Leute, die mitten im Leben stehen.

SPIEGEL ONLINE: Sie aber haben auch schon als sehr junger Mensch und Fußballer Ihre Meinung gesagt.

Lienen: Ganz so jung war ich auch nicht mehr, als ich damit angefangen habe. Da war ich auch schon Mitte bis Ende zwanzig.

SPIEGEL ONLINE: Hatten Sie denn das Gefühl, damit etwas erreichen zu können?

Lienen: Wenn man sich als junger Mensch für etwas einsetzt, dann überlegt man sich keine große Strategie. Es ist ganz einfach so gewesen, dass ich mich - so wie viele andere Menschen auch - in meiner Freizeit für bestimmte Dinge engagiert habe. Und ich glaube, es ist auch richtig und gut, dass man das tut, vor allem, wenn man viel Zeit hat. Als Fußballer hatte ich genügend Zeit, weil ich nicht den ganzen Tag nur Fußball spielen und trainieren musste. Und die Zeit habe ich genutzt, um das zu tun, was ich für richtig halte. Ich habe mich mit vielen Themen beschäftigt, wie meine Altersgenossen auch. Der einzige Unterschied war, dass ich Bundesligaspieler war und andere im Buchladen gearbeitet oder studiert haben.

SPIEGEL ONLINE: Sehen Sie sich jetzt als Bundesligatrainer in einer Vorbildrolle?

Lienen: Ich will kein Papiertiger sein. Es geht nicht darum, irgendwelche Sprüche in den Medien zu machen. Es reicht nicht, immer nur zu reden und nichts zu tun. Das Schwierigste im Leben ist, sich selbst zu verändern. Wenn ich dann auch noch ein Vorbild für andere sein kann, dann ist das etwas ganz Fantastisches. Das versuche ich in meinem beruflichen Umfeld und überall dort, wo ich mit Menschen zusammen komme. Wenn wir es beispielsweise nicht schaffen, Konflikte in der Familie zu lösen, wie soll das dann auf internationaler Ebene funktionieren? Wenn jeder nur ein bisschen in diese Richtung denken würde, dann würden wir die Welt lebenswerter machen.

SPIEGEL ONLINE: Ihre Arbeitswelt ist seit zwei Wochen wieder der Gladbacher Bökelberg. Viele haben das eine Rückkehr in die Heimat genannt. Was bedeutet denn für Sie Heimat?

Lienen: Vielerlei. Wenn ich jetzt in meine Heimat zurückkehre, würde das ja bedeuten, dass ich die letzten fünfzehn Jahre heimatlos war. Meine ursprüngliche Heimat ist in Ostwestfalen. Da bin ich aufgewachsen. Heimat ist für mich das Land, wo ich groß geworden bin und wo meine Familie und meine Freunde sind. Das ist für mich nicht ortsgebunden; denn wenn man so viel durch die Welt gefahren ist und so viele verschiedene Stationen hinter sich gebracht hat, dann bekommt Heimat eine andere Bedeutung. Ich muss mich überall heimisch fühlen und kann nicht irgendeiner Heimat hinterher trauern, die es gar nicht mehr gibt.

SPIEGEL ONLINE: Gibt es in Mönchengladbach etwas, auf das Sie sich gefreut haben. Für das es sich gelohnt hat zurückzukommen?

Lienen: Ich freue mich sehr, wieder hier zu sein, weil ich diesem Club sehr viel verdanke. Ich habe hier acht sehr schöne Fußballjahre erlebt, in denen wir große Erfolge gefeiert haben und eine tolle Mannschaft hatten. Gladbach war für die damalige Zeit ein sehr gut organisierter Verein, und ich habe nur gute Erinnerungen. Mit vielen der Menschen, mit denen ich jetzt zusammenarbeite, habe ich sogar früher Fußball gespielt, und viele Gesichter, die es damals hier gab, die gibt es auch heute noch. Deshalb ist es ein vertrautes Gefühl und ein bisschen wie nach Hause kommen. Außerdem kommt meine Frau hier aus der Gegend, aus Viersen, das schafft zusätzlich noch eine besondere Nähe.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben rund zweieinhalb Jahre in Köln gearbeitet. Haben Sie jemals unter der Erzrivalität zwischen Köln und Mönchengladbach leiden müssen?

Lienen: Das ist gar nicht so dramatisch. Die Feindschaft stammt sicherlich aus Zeit, als die Kölner Spieler noch alle aus Köln und Umgebung und die Spieler, die in Gladbach gespielt haben, noch alle aus dem Gladbacher Umkreis kamen. Aber das gab es nur bis in die siebziger Jahre, das ist vorbei. Heute gibt es nur noch eine Fan-Rivalität, die wir aber unter Kontrolle haben.

SPIEGEL ONLINE: In Köln hatten Sie ebenfalls die Herzen der Fans erobert. Dort wurde Ihnen sogar ein Lied, die Heldensage des heiligen Ewald, geschrieben. Welchen Liedtitel würden Sie sich denn für Ihre Gladbacher Zeit wünschen?

Lienen: Das Lied von den "Wiseguys" aus Köln war sehr witzig. Das sind ja auch nette Jungs. Das war aber alles nicht so ernst gemeint. Ich bin auf jeden Fall nicht so vermessen zu glauben, dass man über mich ein Lied machen müsste. Es ist immer so, wenn man Erfolg hat, dann ist alles Friede, Freude, Eierkuchen. Aber wenn die Ergebnisse dann nicht mehr so gut sind, dann soll man plötzlich ein schlechter Trainer sein. Das Lied vom heiligen Ewald habe ich zum Aufstieg als lustig angesehen, aber mehr auch nicht. Ich möchte hier in Gladbach einfach meine Arbeit machen und meinen Beitrag dazu leisten, dass wir uns in der Bundesliga wieder etablieren können. Borussia ist ein Traditionsverein, der schon bessere Zeiten erlebt hat, die ich zum Teil auch miterleben durfte. An diese Zeiten wollen wir anknüpfen.

Das Gespräch führte Christina Bramsmann