Interview mit Francisco Copado "Ich bin immer noch der gleiche Vogel"
Frage: Herr Copado, was haben Sie am 5. November 2005 gegen 16.05 Uhr gedacht?
Francisco Copado: Was war da?
Frage: Ziemlich genau in der Minute haben Sie im Spiel gegen Arminia Bielefeld Ihr erstes Bundesligator (Es war das 1:0, Endstand 3:0, Anm. der Red.) geschossen, im Alter von 31 Jahren.
Copado: Endlich. Endlich, habe ich eigentlich nur gedacht.
Frage: Kann man sagen, dass Sie vielleicht der Mann im deutschen Profifußball sind, der über viele Jahre am meisten unter seinen Möglichkeiten geblieben ist?
Copado: Weiß ich nicht. Es gab viele Talente, die hochkamen und es dann doch nicht richtig geschafft haben. Meine Karriere hätte sicher besser verlaufen können, aber ich bin mit meinem Leben zufrieden. Das ist das Wichtigste.
Frage: Glauben Sie, Sie hätten es mit Ihren Fähigkeiten und Ihrer Mentalität in einer anderen Liga als der Bundesliga leichter gehabt?
Copado: Da bin ich nicht sicher. Ich habe ja anderthalb Jahre in Spanien gespielt und gemerkt, dass dort ein anderer Fußball erwartet wird: technisch hochwertiger, vielleicht spektakulärer als in Deutschland. Aber ich bin hier aufgewachsen und habe den deutschen Fußball von klein auf gelernt. Auch weil ich vorher in Hamburg den Felix Magath als Trainer hatte, habe ich vielleicht schon zu Deutsch gedacht.
Frage: Zu Deutsch denken was heißt das?
Copado: Viel arbeiten auf dem Feld, viel laufen, sehr diszipliniert spielen, das Kollektiv steht im Vordergrund. In Spanien spielt man individueller, da wollen die Zuschauer Sachen sehen, die es in Deutschland nicht so oft gibt: Übersteiger, Tunnel, das wird bejubelt, obwohl es vielleicht gar nicht zweckmäßig ist.
Frage: Sie sind just zu dem Zeitpunkt nach Mallorca gewechselt, als Sie als junger Spieler beim HSV mehr Spielanteile bekamen. War das ein Fehler?
Copado: Heribert Bruchhagen (der heutige Vorstandsvorsitzende von Eintracht Frankfurt, Anm. d. Red.) war damals Manager in Hamburg und Felix Magath war Trainer, die wollten mich unbedingt halten. Aber ich bin halt im Herzen ein Spanier und wollte dort unbedingt hin. Ich wollte in Spanien leben, in Spanien Fußball spielen. Das war im Nachhinein vielleicht die falsche Entscheidung, aber ich habs halt gemacht und damit ist es okay.
Frage: Nach Ihrem mallorquinischen Ausflug sind Sie bei Tennis Borussia Berlin gelandet. Wie kommt man aus der ersten spanischen in die dritte deutsche Liga? Oder hing das Engagement damit zusammen, dass Tennis Borussia damals mit dem Geld nur so um sich geworfen hat?
Copado: Das sicher auch, aber vor allem gab es ein Gespräch mit Trainer Hermann Gerland, das mich überzeugt hat. Mallorcas Trainer Hector Cuper hatte mir gesagt, ich sei nicht mehr erste Wahl, und TeBe hatte einen Plan. Wir sind dann ja auch gleich in die 2. Liga aufgestiegen und haben dort ein halbes Jahr sehr gut gespielt. Und dann entlassen die den Hermann, was kein Mensch verstanden hat.
Frage: In Berlin hat sich Ihr Image als exzentrischer Spieler manifestiert. Wie sehr nervt Sie das?
Copado: Es ist nicht einfach. Wenn du erst mal ein solches Image hast, ist es sehr schwer, noch einen vernünftigen Verein zu finden. Wie oft habe ich von meinem Berater Jürgen Milewski gehört: Die Trainer sagen alle das Gleiche. Als Fußballer würden sie dich sofort nehmen, aber sie haben Angst, dass du wieder ausrastest.
Frage: Dabei sind Sie mit Felix Magath und Hermann Gerland zurechtgekommen. Beides ausgewiesene Disziplinfanatiker.
Copado: Aber auch beides Trainer mit einer Vorliebe für Spieler, die mal etwas Außergewöhnliches tun.
Frage: Fehlt es daran in Deutschland?
Copado: Es steht mir nicht zu, das zu beurteilen. Aber es gibt hier sicher nicht so viele Fußballer, die die Massen anziehen.
Frage: Weil die Braven bevorzugt werden.
Copado: Das war immer schon so. Ich kann mich an keinen deutschen Fußballer erinnern, der etwas Spezielles an sich hatte. Außer vielleicht den "Kaiser" mit seinem Außenristpass.
Frage: Netzer vielleicht noch.
Copado: Netzer, ja. Aber ein Maradona oder Pelé wird aus Deutschland nie kommen.
Frage: Hängt das vielleicht auch damit zusammen, dass der soziale Druck, es bis ganz nach oben zu schaffen, hier nicht so groß ist?
Copado: Das ist ein Thema, über das ich schon oft mit meinen Kollegen diskutiert habe. Die richtig guten Fußballer, die kommen meist aus der totalen Armut. Die müssen sich alles erarbeiten und verbringen jede freie Minute auf dem Bolzplatz, auf der Straße, wo auch immer. Hier in Deutschland geht es gemütlicher zu. Die Kinder sitzen daheim vorm Computer, schauen Filme und spielen Playstation.
Frage: 2001 sind Sie in Unterhaching von Trainer Lorenz-Günther Köstner beurlaubt worden. Sie waren zu diesem Zeitpunkt 27 Jahre alt. Kommen da keine Existenzängste auf?
Copado: Es war auf jeden Fall die schlimmste Zeit, an die ich mich erinnern kann. Du weißt nicht, was du machen sollst, darfst nicht mit der Mannschaft trainieren, gehörst nicht mehr dazu. Aber man muss in solch einer Situation die Ruhe bewahren.
Frage: Leicht gesagt.
Copado: Klar ist das leicht gesagt. Aber es war ja damals auch nicht so, dass Unterhaching unter den ersten Fünf stand. Da drohte der Abstieg, und dann kommt oft die Situation, wo ein neuer Trainer da ist. Ich wusste, dass ich als trainierter Spieler gut genug bin, um der Mannschaft zu helfen. Also habe ich mich fit gehalten, dass ich sofort einspringen kann, wenn etwas passiert. Aber es war hart. Da brauchst du einen starken Rückhalt in der Familie.
Frage: Auch von Ihrem Schwager?
Copado: Mein Schwager (Bayern-Profi Hasan Salihamidzic ist mit Copados Schwester liiert, Anm. d. Red.) ist mein bester Freund. Die Person, mit der ich rede, wenn es nicht läuft, wenn ich einen Tipp brauche oder er einen Tipp braucht. Im Grunde ist Brazzo die Person, mit der ich am meisten spreche.
Frage: Nach dem Ärger mit Köstner sind Sie nie mehr in Schwierigkeiten geraten. Haben Sie sich geändert oder sind einfach nicht mehr erwischt worden?
Copado: Natürlich habe ich mich geändert. Wenn man eine zweite Chance erhält, will man die natürlich auch nutzen. Andererseits bin ich noch immer der gleiche Vogel wie früher. Wenn sich die Gelegenheit bietet, gehe ich immer noch gerne auf eine Party.
Frage: Haben Sie eine realistische Einschätzung, was die eigenen Fähigkeiten betrifft?
Copado: Mit Sicherheit. Ich hätte vielleicht 50 oder 100 Bundesligaspiele mehr machen können, aber aus mir wäre nie ein Ronaldo geworden.
Frage: Was kann der Fußballer Copado, was andere nicht können?
Copado: Ich glaube, ich habe keine spezielle Fähigkeit. Ich bin so ne Mischung. Kein Torjäger, aber auch kein reiner Vorbereiter.
Frage: Gibt es einen Spieler, den Sie bewundern?
Copado: Eigentlich nur einen: meinen Schwager. Der hat mit einem Riesenherzen und einem Riesenwillen alles erreicht, was man erreichen kann. Mit Bosnien kann er nie Weltmeister werden, aber auf Vereinsebene hat er alles geholt. Und das ohne außergewöhnliches Talent, nur mit diesem unglaublich großen Kämpferherzen.
Frage: Würden Sie also sagen, er hat mehr aus seinem Talent gemacht?
Copado: Viel mehr. Als ich beim HSV gespielt habe, war er nicht einmal Stammspieler bei den Amateuren. Inzwischen ist er, glaube ich, fünfmal Deutscher Meister geworden, das sagt wohl alles. Ich habe immer versucht, alles mit meinem Talent zu regeln, und er hat das alles durch Arbeit geschafft. Ich war der Talentiertere, er der Untalentiertere, aber ich bin halt keiner, der nur daheim hockt bei Wasser und Brot. Ich bin Südländer, kein Nordeuropäer. Ich versuche, jeden Tag zu genießen.
Das Interview führte Jens Kirschneck