Interview mit Fredi Bobic: "Ich provoziere gerne" - DER SPIEGEL
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Interview mit Fredi Bobic "Ich provoziere gerne"

Mit über 100 Treffern ist Fredi Bobic einer der erfolgreichsten Bundesligastürmer. Doch diese Saison läuft es nicht besonders gut für den 32-Jährigen, Hertha BSC kämpft gegen den Abstieg. Im Interview mit SPIEGEL ONLINE spricht der Nationalspieler über Enttäuschungen, Psychiater und die Euro 2004.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

SPIEGEL ONLINE:

Herr Bobic, die EM in Portugal könnte das letzte große Ereignis Ihrer sportlichen Karriere sein. Verspüren Sie schon ein wenig Wehmut?

Fredi Bobic: Eigentlich überwiegt der Spaß, da ich vieles gelassener als früher sehen kann. Aber auch ich erlebe noch Überraschungen.

SPIEGEL ONLINE: Was meinen Sie?

Bobic: Zum Beispiel war gerade etwas Unglaubliches in der Presse zu lesen. Im Verlaufe meiner Profi-Karriere hat mir noch keiner gesagt, dass ich psychologische Hilfe benötige. Und nun hat mich einer dieser Experten in einem Boulevardblatt analysiert, weil ich in den beiden vergangenen Spielen ein paar Chancen vergeben habe. So etwas überrascht mich selbst nach 13 Profijahren: Jetzt kann auch ein Psychiater über dich reden, den du gar nicht kennst. Das ist lustig.

SPIEGEL ONLINE: Dabei ging es Ihnen schon viel schlechter. In Dortmund saßen Sie ein halbes Jahr auf der Bank. Wie schlimm war diese Zeit für Sie?

Bobic: Der absolute Tiefpunkt war der Moment, als ich merkte, ich würde keine Chance mehr bekommen. Das war mir in der Saison 2001/02 nach fünf, sechs Spielen klar. Aber als ich es begriffen hatte, war es kein Problem mehr. Ich habe konzentriert weiter trainiert, um fit für die nächste Aufgabe zu sein.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie eine Erklärung dafür, warum Sie in Dortmund plötzlich nicht mehr gefragt waren?

Bobic: Nein. Ich habe gut trainiert, mich korrekt verhalten, ich habe eigentlich alles richtig gemacht. Mit Jan Koller gab es einen Spieler, der gut in Form war. Das muss man akzeptieren können. Ich hatte nur nicht die Chance zu zeigen, dass man auch auf mich setzen kann. Obwohl ich das halbe Jahr davor genau dies mit zehn Treffern bewiesen hatte.

SPIEGEL ONLINE: In England, bei den Bolton Wanderers, hat man Ihnen das Vertrauen entgegen gebracht. Warum waren Sie nur ein paar Monate dort?

Bobic: Ich wäre gerne länger geblieben. Aber die Leihfrist war abgelaufen. Es wurde ein wenig um die Ablösesumme gefeilscht, doch man konnte sich nicht einigen. Ich musste zurück nach Dortmund.

SPIEGEL ONLINE: Warum hatten Sie bei der Borussia keinen guten Ruf?

Bobic: Das war das Bittere an der letzten Zeit in Dortmund. Ich wurde als "Ladenhüter" bezeichnet, mein Gehaltszettel erschien in der "Bild"-Zeitung. Es wurde öffentlich Politik gegen mich gemacht.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie sich als Konsequenz der Presse gegenüber anders verhalten?

Bobic: Die Zeit war schon hart. Aber ich habe mich nicht sonderlich verstellt. Ich war immer kooperativ. Ich wusste genau, dass es schnell wieder anders laufen kann. In der Vorbereitungszeit zur Saison 2002/03 hat man mich verteufelt. Als ich genau zweieinhalb Monate später in Hannover erfolgreich war und mein Comeback in der Nationalmannschaft hatte, wurde plötzlich nur Gutes über mich geschrieben. Doch mir war auch damals klar, das kann sich wieder in die andere Richtung drehen.

SPIEGEL ONLINE: In Berlin haben Sie den Negativlauf ja vorausgeahnt. Bereits am fünften Spieltag prophezeiten Sie zur Verärgerung der Vereinsführung: Wenn Hertha so weiterspielt, geht es gegen den Abstieg. Bereuen Sie das im Nachhinein?

Bobic: Nein, es hieß, ich soll keine Panik verbreiten. Aber ich habe nur offen meine Meinung vertreten. So bin ich eben. Damals war ich wirklich über unsere Spielweise erschrocken. Ich habe das aber ganz bewusst gesagt. Es war keine Affekthandlung.

SPIEGEL ONLINE: Eine Woche später haben Sie die zu große Selbstzufriedenheit in der Mannschaft beklagt. Wollten Sie sich partout unbeliebt machen?

Bobic: Nein, mir war die Jubelstimmung nach einem Unentschieden zu groß. Wir waren spielbestimmend und hätten wütend sein müssen, weil wir nicht gewonnen hatten. Es war eine komische Situation für mich, weil ich die Spieler noch nicht so gut kannte. Ich hatte auf eine Reaktion gehofft, dass jemand sagt, was erzählst du für einen Mist. Aber es kam nichts. Ich provoziere gerne.

SPIEGEL ONLINE: Ist es in der Hertha-Mannschaft zu still?

Bobic: Es ist ein bisschen besser geworden. Der neue Trainer Hans Meyer provoziert auch gerne. Das sieht man im Training. Da wird es gelegentlich lauter, und das ist wichtig. Es ist besser, man schlägt sich zwischendurch einmal die Köpfe ein. Man muss sich ja nicht gleich die Nase brechen. Das ist oft das Problem, dass alle zu lieb sind. In Dortmund war es damals auch so, als wir gegen den Abstieg gespielt haben.

SPIEGEL ONLINE: Meyer strich sie vor dem Beginn der Rückrunde aus dem Kader. Fühlten Sie sich an Ihre Dortmunder Zeit erinnert?

Bobic: Eines muss einmal gesagt werden. Ich denke überhaupt nicht mehr über Dortmund nach. Meyers Entscheidung kam überraschend für mich. Ich habe mir erst einmal zwei, drei Tage meine Gedanken gemacht und mich umgehört, was alles erzählt wird. Daraufhin habe ich das Gespräch mit dem Trainer gesucht. In der Beziehung bin ich konsequent. Ich wollte wissen: Braucht ihr mich noch oder nicht?

SPIEGEL ONLINE: Und was hat Meyer gesagt? Angeblich soll er Ihnen vorgeworfen haben, Sie hätten sich im Training hängen lassen.

Bobic: Was in dem Gespräch gesagt worden ist, werde ich nicht in die Öffentlichkeit tragen. Mich hat der in der Presse verbreitete Vorwurf am meisten getroffen, dass es in der Mannschaft große Widerstände gegen mich gäbe. Ich habe die Spieler dazu befragt, und diese haben das verneint. Von Verein und Trainer kam dieselbe Antwort. Da habe ich mir gedacht: Na ja, da hat vielleicht jemand einen guten Versuch gestartet. Ich weiß nicht, wo das Gerücht seinen Anfang nahm.

SPIEGEL ONLINE: Frei erfunden wurde es wahrscheinlich nicht.

Bobic: Das ist gut möglich. Aber bei 30 Spielern muss ich mich nicht mit allen gut verstehen. Mir reichen 10 bis 15. Ich habe nicht jeden, aber einige wichtige gefragt.

SPIEGEL ONLINE: Mit ihren Toren haben Sie entscheidend dazu beigetragen, dass Deutschland bei der Europameisterschaft in Portugal dabei sein kann. Sehen Sie sich dort gesetzt?

Bobic: Zuerst einmal muss man gesund bleiben. Ich fühle mich gerade gut. Das einzige was nicht stimmt, ist die Trefferquote. Daran muss ich arbeiten, auch weil ich nicht als Absteiger zur EM fahren möchte. Unter Berti Vogts war ich 1998 vier Wochen vor der Weltmeisterschaft gesetzt. Und als die Saison zu Ende war, bekam ich einen Anruf, ich sei nicht im Kader. Man sollte sich nicht zu sicher sein.


Die Fragen stellte Johannes Kopp