Interview mit Jürgen Klinsmann: "Die Skepsis ist gewichen" - DER SPIEGEL
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Interview mit Jürgen Klinsmann "Die Skepsis ist gewichen"

Er brachte dem deutschen Fußball den größten Umbruch seit langem: Bundestrainer Jürgen Klinsmann räumte vor fünf Monaten erst im DFB auf - und setzte später in sieben Spielen acht Neulinge ein. Nach der Asienreise zieht Klinsmann eine erste Bilanz seiner Amtszeit und sagt, was er künftig von seinen Spielern erwartet.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Frage:

Herr Klinsmann, wie fällt Ihr Fazit zum Jahresabschluss aus?

Klinsmann: Ich bin grundsätzlich sehr zufrieden. Wir haben es innerhalb von fünf Monaten geschafft, eine Grundphilosophie hinsichtlich unseres großen Ziels WM-Titel 2006 zu vermitteln, die sich innerhalb kürzester Zeit in den Köpfen der Spieler festgesetzt hat. Dieses Bewusstsein gepaart mit einer Mannschaftsidentität soll am Ende der Schlüssel zum Erfolg sein. Für mich persönlich ist der Job des Bundestrainers eine tolle Lebenserfahrung, ein Prozess, der mich weiterbringt.

Frage: Ihnen ist am Anfang von vielen Seiten große Skepsis entgegengebracht worden.

Klinsmann: Dafür habe ich völliges Verständnis, schließlich konnte ich als Trainer keine Erfahrung vorweisen. Mittlerweile glaube ich, dass diese Skepsis gewichen ist, weil ja auch die Ergebnisse und vor allem die Leistung der Mannschaft für uns sprechen. Für mich war es enorm wichtig, dass ich in Joachim Löw einen erfahrenen Trainer an meiner Seite habe, der unsere Ideen auch in der der täglichen Arbeit mit den Spielern perfekt umsetzt. Wir haben alle, damit meine ich auch Andreas Köpke und Oliver Bierhoff, dieselben Vorstellungen von unserem Spiel, und ich glaube, dass man diese Handschrift auch schon sehr gut erkennen kann.

Frage: Durch Ihre vielen personellen Veränderungen im engsten Umfeld des Nationalteams haben sie sich nicht nur Freunde gemacht.

Klinsmann: Es geht in erster Linie um die Sache, also um die Mannschaft. Und um unser Ziel zu verwirklichen, müssen wir auch ein Umfeld schaffen, das dazu beiträgt, unsere Vorstellungen in die Tat umzusetzen und am Ende Erfolg zu haben. Von daher war es ganz wichtig, dass weder Löw, Bierhoff oder ich irgendwelchen alten Strukturen verpflichtet waren. Ich habe den Verantwortlichen beim DFB von Anfang an gesagt: Wenn ich den Posten des Bundestrainers übernehme, dann nur, wenn wir bereit sind, alles zu hinterfragen. Und es ist nun mal wichtig, dass man bei einem solch ehrgeizigen Projekt mit Leuten zusammenarbeitet, denen man hundertprozentig vertraut. Das ist jetzt der Fall. Deshalb kann es auch vorkommen, dass eine Idee von mir verworfen wird, bevor sie in die Öffentlichkeit gelangt. Denn dann haben mich Bierhoff, Löw oder Köpke davon überzeugt, dass sie nichts taugt.

Frage: Auf der Asien-Reise gehörte auch erstmals ein Sportpsychologe zum Team, dazu ein Fitnesscoach aus den USA. Was erwarten Sie vom Einsatz solcher Experten?

Klinsmann: Auf der Asien-Reise ging es zunächst mal darum, dass Hans-Dieter Hermann (Sportpsychologe; d.Red.) den Spielern, aber auch uns Trainern in Ruhe seine Angebotspalette darlegen konnte, zum Beispiel in Fragen der Stressbewältigung oder in Form von Konzentrationsübungen. Inwieweit die Spieler das Angebot annehmen, bleibt ihnen überlassen. Ich bin aber davon überzeugt, dass uns solche Experten weiterhelfen, zumal wir als Trainer von solchen Dingen viel zu wenig Ahnung habe. Der mentale Bereich ist ebenso wichtig wie der Fitnessbereich, wo wir uns ebenfalls verbessern wollen. Die Spieler sollen sehen, was sie weiterbringt und dann natürlich auch möglichst im Verein diese Übungen regelmäßig machen.

Frage: In Ihrer Amtszeit haben Sie bereits acht Debütanten eingesetzt. Wie zufrieden sind Sie mit den jungen Spielen?

Klinsmann: Es ist schon erstaunlich, dass Leute wie Per Mertesacker oder Robert Huth kaum noch aus der Nationalmannschaft wegzudenken sind. Das zeigt, dass wir in Deutschland über ein großes Potenzial von guten Spielern verfügen. Auch die anderen haben ihre Sache durchweg gut gemacht. Wir werden aber im nächsten Jahr noch eine ganze Menge probieren, um am Ende 2006 die beste Mannschaft auf dem Feld zu haben. Von den Jungen, die jetzt Nationalspieler sind, erwarten wir aber nun auch, dass sie in ihren Vereinen noch mehr Verantwortung übernehmen und ihrer Rolle gerecht werden.

Frage: Haben denn erfahrene Spieler wie zum Beispiel Dietmar Hamann oder Oliver Neuville noch eine Chance, auf den WM-Zug aufzuspringen?

Klinsmann: Natürlich, das Alter spielt keine Rolle. Bei einigen Spielern wissen wir ohnehin, was wir an ihnen haben. Wir lassen zudem alle unsere Kandidaten regelmäßig beobachten und sind über deren Leistungsstand bestens informiert. Bis zur WM wird zudem noch eine Menge passieren. Tatsache ist aber auch, dass die Spieler, die zuletzt regelmäßig dabei waren, schon einen kleinen Vorteil besitzen. Die Etablierten wissen, dass sie Gas geben müssen.

Frage: Wie kommt es, dass alle Spieler so gut mitziehen und es auch bei der strapaziösen Asien-Reise keine Misstöne gab?

Klinsmann: Es ist wichtig, dass man als Trainer immer erklärt, warum man was macht. Und wenn die Spieler dann merken, dass die Maßnahmen zum Erfolg führen, ist das sehr wichtig. Bei allen geht es um eine Qualitätsverbesserung und eine Leistungsoptimierung. Zudem achten wir darauf, dass die Spieler genug Freiräume haben.

Frage: Befürchten Sie, dass das Torwart-Thema bis zur WM für Diskussionen und dicke Schlagzeilen sorgt?

Klinsmann: Mit der Torwart-Konstellation hat die Mannschaft keine Probleme. Was mit Jens Lehmann derzeit bei Arsenal los ist, muss ich nach Weihnachten klären. Aber selbst, wenn Lehmann erst wieder in der kommenden Saison bei einem Verein Stammspieler sein sollte, wäre das kein Problem. Generell gilt, dass alle Nationalspieler in der nächsten Spielzeit Stammspieler sein müssen, damit sie den Rhythmus haben, der das Fundament für die WM-Teilnahme ist.

Frage: Was erwarten Sie vom kommenden Jahr?

Klinsmann: Ich hoffe, dass wir uns sportlich weiter in die richtige Richtung entwickeln. Dadurch, dass wir keine WM-Qualifikationsspiele bestreiten müssen, haben wir die Möglichkeit, weiter zu testen. Zudem haben wir in Argentinien, den Niederlanden und Frankreich starke Gegner. Das sind Kaliber, an denen man sich messen lassen kann. Und beim Konföderationen-Cup wollen wir ebenfalls eine gute Rolle spielen.

Die Fragen stellten Jürgen Zelustek und Marc Schmidt, sid