Interview mit Lars Ricken So, wie es wirklich ist
SPIEGEL ONLINE:
Herr Ricken, nach mehr als zwei Jahren Pause werden Sie am Samstag gegen Finnland erstmals wieder in der Nationalmannschaft spielen. Wie wichtig ist Ihnen das?
Lars Ricken: Meinen letzten Länderspiele waren ja nicht so ruhmreich. 1999 war ich in den USA und Mexiko dabei, und das lief alles nicht so doll. Ich habe hinten rechts in der Viererabwehrkette gespielt, am eigenen Strafraum die Bälle weggegrätscht und bin meinen Gegenspielern hinterhergelaufen. Das war nicht mein Anspruch. Für mich war immer klar, dass ich so nicht mein letztes Länderspiel machen möchte.
SPIEGEL ONLINE: Haben Sie denn damals überhaupt daran geglaubt, noch einmal zurückzukommen?
Ricken: Es gab schon eine Zeit, in der mir nicht allzuviele Hoffnungen auf die Nationalmannschaft gemacht habe. Es lief im Verein nicht gut, und ich habe mich noch nie unabhängig von der Mannschaft gesehen. Wenn man um den Abstieg spielt, kann man als einzelner nicht glänzen. Umgekehrt ist es jetzt genauso. Wir haben gut gespielt in dieser Saison, da wird die eigene Leistung natürlich aufgewertet.
SPIEGEL ONLINE: Mit 20 Jahren waren Sie schon deutscher Meister und hatten die Champions League gewonnen. Hatten Sie das Gefühl, das geht immer so weiter?
Ricken: Mit 17 oder 18 nach der ersten Meisterschaft wartete man eigentlich darauf, dass ich abhebe und mich anders verhalte. Als ich mit 19 zum zweiten Mal deutscher Meister wurde, blieb das auch aus. Dann kamen der Gewinn der Champions League und mein erstes Länderspiel. Danach lief es mit dem Verein und mir nicht mehr so. Da hatte ich dann schon das Gefühl: Puh, endlich geht es mal nicht mehr aufwärts.
SPIEGEL ONLINE: Der Bruch war also positiv für Ihre Karriere?
Ricken: Zumindest musste ich mal mit einer Situation fertig werden, in der Schwierigkeiten auftauchten und ich gegen Widerstände anzukämpfen hatte. In dieser Zeit habe ich mich persönlich als auch sportlich sicher mehr entwickelt, als wenn alles so weiter gegangen wäre. Insofern war das eine relativ wichtige Phase.
SPIEGEL ONLINE: Sie haben einmal gesagt, ihr Ziel sei es, ein gewissenhafter, seriöser, professioneller Fußballer zu sein. Was verstehen Sie darunter?
Lars Ricken: Dass ich so lebe, so trainiere, alles dafür tue, dass ich Erfolg haben kann. Ich hatte das Glück, in einer Mannschaft groß geworden zu sein, in der Spieler wie Matthias Sammer, Jürgen Kohler, Stefan Reuter, Paulo Sousa, Julio Cesar und wie sie alle heißen, drin waren. An denen konnte ich mir abgucken, wie ich mich professionell verhalten muss.
SPIEGEL ONLINE: In der letzten Zeit antworten Sie sehr gleichförmig, geradezu schematisch auf die Fragen, die Ihnen von Journalisten gestellt werden. Gehört das auch zu Ihrem Verständnis von professionellem Verhalten?
Ricken: Es sind ja auch immer die gleichen Fragen, aber im Ernst. Es gab eine Zeit, da hieß es immer: Der Ricken, der macht jetzt nur noch Autogrammstunden für Nike, hat seine eigene Band und kümmert sich um alles, nur nicht um Fußball. Das war völliger Schwachsinn, zu diesem Zeitpunkt habe ich noch mehr gemacht, noch mehr trainiert als sonst. Da musste ich mir dann anhören, dass ich eine unseriöse Lebensweise habe. Und dann sagt man sich halt: Gut, dann Fußball - darüberhinaus mache ich nichts.
SPIEGEL ONLINE: Auf Ihrer Homepage www.lars-ricken.com gestatten Sie aber schon Einblicke in Ihr Privatleben. Ist das Ihre Form von Kompensation des Fußballtags?
Ricken: Vielleicht ja. Entstanden ist das aus der Idee, dass es so eine Entwicklung gab, dass jeder Fußballer seine eigene Homepage haben musste. Und ich fand lustig, wie vorgefertigt das war. Bei Texten konnte man sehen: Nein, die hat er nicht selber geschrieben, der hat da nur einmal drüber genickt. Und die privaten Fotos sahen dann so aus, dass man irgendwo frisch gestylt in einem Anzug im Park sitzt, Cappuccino trinkt und das Hemd über dem Sakko hängt. Und da habe ich mir gedacht: Gut, dann machst du das einmal so, wie es wirklich ist. Es ging mir einfach nur darum, auch mal etwas Anderes zu schreiben, aber letztendlich bin ich dabei doch noch relativ oberflächlich. Wenn ich etwa über meine Lieblingsfilme schreibe, will ich damit nicht irgend etwas aufbauen.