Interview mit Michael Meier "Alles wird grundsätzlich schlechtgeredet"
SPIEGEL ONLINE:
Herr Meier, Ihnen und Ihrem Präsidenten Gerd Niebaum ist der "Pannekopp 2004" verliehen worden, ein karnevalistischer Orden für Ihre "wirtschaftlichen Verdienste" um den BVB. Wie sehr schmerzt dieser Sarkasmus?
Michael Meier: Wenn es sich dabei tatsächlich um eine karnevalistische Angelegenheit handelt, dann hat das für mich weniger mit Sarkasmus zu tun. Ich bin grundsätzlich ein sehr humorvoller Mensch und habe deshalb damit auch keine Schwierigkeiten.
SPIEGEL ONLINE: Immerhin aber war das Maß an Humor nicht so groß, dass Sie diese zweifelhafte Auszeichnung auch angenommen hätten. Haben Sie gekniffen?
Meier: Ich muss gestehen, dass ich bis heute gar nichts von der Existenz dieses Ordens wusste und auch keine Einladung zur Verleihung bekommen habe. Ich kann aber begreifen, dass so der falsche Eindruck entstehen musste, dass wir nicht auch einmal über uns selbst lachen können, wenn andere sich die Münder über uns zerreißen.
SPIEGEL ONLINE: Den Mund zerrissen über den BVB haben sich zuletzt vor allem die "Süddeutsche Zeitung" und der "Kicker", gegen deren Berichterstattung Sie auch gerichtlich vorgegangen sind. Beide Blätter haben Ihnen und Club-Chef Gerd Niebaum vorgeworfen, dass Sie die Borussia an den Rand des Ruins geführt hätten.
Meier: Ich möchte diesbezüglich zunächst auf einen Leserbrief eines Journalisten an den "Kicker" verweisen, der uns vorliegt. Dieser Brief ist überschrieben mit dem Titel "Die Abrechnung". Besagter Journalist führt dezidiert auf, dass man beim "Kicker" offensichtlich tatsächlich mit der BVB-Führung abrechnen wollte.
SPIEGEL ONLINE: Das sind harte Vorwürfe. Wieso sollte man bei "SZ" und "Kicker" ein Interesse daran haben, Sie und Niebaum zu diskreditieren?
Meier: Aus Sorge um Borussia Dortmund, das sagen zumindest die Beteiligten, mit denen wir uns zu einem Gespräch getroffen haben.
SPIEGEL ONLINE: Der Informant für "SZ" und "Kicker" gehört offensichtlich dem innersten Zirkel Ihres Clubs an.
Meier: Es sieht in der Tat so aus, dass es innerhalb des Unternehmens eine Person gibt, die tatsächlich Informationen an die Presse lanciert, ob nun aus Leichtsinn, Unüberlegtheit oder auch ganz gezielt.
SPIEGEL ONLINE: Haben Sie sich nicht selbst auch durch eine mangelhafte Informationspolitik geschadet? Lange haben Sie den drohenden Verlust von 50 Millionen Euro für das laufende Geschäftsjahr verschwiegen.
Meier: Wir haben tatsächlich den Fehler gemacht, nicht unmittelbar zu reagieren, als "Focus" noch vor "SZ" und "Kicker" über die Finanzkrise der Borussia berichtete. Uns aber vorzuwerfen, wir hätten versucht, die Verluste zu verschweigen, ist schlichtweg falsch.
SPIEGEL ONLINE: Warum?
Meier: Weil wir vor etwa zwei Wochen ein Halbjahresergebnis für das laufende Geschäftsjahr veröffentlicht haben.
SPIEGEL ONLINE: War das nicht eher die Flucht nach vorn, weil Ihnen nach den besagten Veröffentlichungen nichts mehr anderes übrig blieb?
Meier: Nein. Nennen Sie mir einen anderen Bundesligisten, der ebenfalls so verfährt wie wir und eine Halbjahresbilanz veröffentlicht. Sie werden keinen finden.
SPIEGEL ONLINE: Dortmund ist als einziger deutscher Club an der Börse notiert. Da gelten andere Veröffentlichungspflichten.
Meier: Wir machen unsere Arbeit grundsätzlich transparent. Mich ärgert kolossal, dass sich offensichtlich einige Medien, die über den BVB schreiben, nicht auch intensiv mit den Aussagen beschäftigt haben, die Borussia Dortmund veröffentlicht hat.
SPIEGEL ONLINE: Welche meinen Sie?
Meier: Schon im Geschäftsbericht für die Saison 2002/2003 stand, dass das Verpassen der Champions League in unser Gewinn- und Verlustrechnung deutliche Spuren hinterlassen wird. Unserem Börsenprospekt war zu entnehmen, dass gezielte Transfers zu unser Geschäftpolitik gehören. Wenn wir aber nun ankündigen, dass am Saisonende Spieler abgegeben werden sollen, dann ist sogleich die Rede von einem Ausverkauf beim BVB. Durch diese Art der Berichterstattung ist dem Verein in den vergangenen Wochen ein immenser Schaden entstanden.
SPIEGEL ONLINE: Wie wollen Sie der Misere begegnen, unabhängig davon, wer auch immer für diese verantwortlich ist?
Meier: Es wird immer vergessen, dass längst reagiert wurde. Wir haben im Management gespart. Dann ist es uns gelungen, einvernehmlich mit unseren Spielern einen 20-prozentigen Gehaltsverzicht durchzusetzen. Weiter haben wir Jens Lehmann und andere Spieler verkauft. Addiert man diese Posten, kommt man auf einen zweistelligen Millionen-Betrag, den wir schon einsparen konnten.
SPIEGEL ONLINE: Das reicht aber bei weitem nicht.
Meier: Ja, aber wir können darauf vertrauen, dass wir eine werthaltige Mannschaft haben, wie das Interesse großer europäischer Vereine an vielen unserer Spieler zeigt.
SPIEGEL ONLINE: Der Markt hat sich jedoch abgekühlt, die großen Ablösesummen werden nicht mehr gezahlt. Selbst wenn Sie Spieler wie Dede oder Tomas Rosicky verkaufen können, bleibt die Frage nach der sportlichen Perspektive. Nimmt der BVB künftig Mittelmaß in Kauf?
Meier: Nein, mich stört, dass alles immer negativ gesehen wird und wir daher stets in der Defensive sind. Nehmen wir den Fall Billy Reina (der Spieler wurde an Hertha BSC abgegeben; die Red.). Statt festzustellen, dass wir tatsächlich genau das in die Tat umsetzen, was wir vorher gesagt haben, heißt es dann: "Die haben kein Geld mehr".
SPIEGEL ONLINE: Ist diese Behauptung so falsch?
Meier: Natürlich gibt es eine finanzielle Schieflage, aber wir werden die Herausforderung meistern.
SPIEGEL ONLINE: Haben Sie angesichts der Erfolge in den neunziger Jahren das Maß verloren, was Spielergehälter angeht?
Meier: Unsere Ambition war immer, eine führende Rolle zu spielen, auch in Europa. Und dieser Spagat zwischen Zielen und Wirtschaftlichkeit ist ist nicht immer leicht.
SPIEGEL ONLINE: Ihre Zahlen und die Medienberichte lassen eher den Schluss zu, dass dies ein überaus schweres Unterfangen ist, vielleicht sogar ein zu schweres.
Meier: Alles, was wir unternehmen, wird grundsätzlich schlechtgeredet. Beispiel: Wenn wir uns mit einer möglichen Anleihe befassen, wird bei uns verteufelt, was bei anderen Vereinen durchaus als normal angesehen wird.
SPIEGEL ONLINE: Wird es die Millionen-Anleihe des Londoner Investmentbankers Stephen Schechter geben?
Meier: Das ist durchaus möglich. Wir sind mit den Investoren im Gespräch.
SPIEGEL ONLINE: Haben Sie angesichts der vergifteten Atmosphäre schon einmal daran gedacht zurückzutreten?
Meier: Nein, für mich ist ganz klar, dass ich den Weg mit Gerd Niebaum weiter und zu Ende gehen werde. Und ich glaube, dass wir dem Verein in unser Zeit eine vernünftige Struktur gegeben haben (Niebaum ist seit achtzehn Jahren im Club, Meier drei Jahre weniger; die Red.).
SPIEGEL ONLINE: Würden Sie Ihre Kritiker mit ins Boot holen?
Meier: Warum nicht? Nur dazu müssen wir diese Leute erst einmal kennen. Es gibt bei Borussia Dortmund niemanden, der diese Ambitionen hat, wie sie nun Wolfgang Overath in Köln zeigt. Gerd Niebaum und ich sind sicher nicht die allein Seligmachenden auf der Welt, aber ich frage noch einmal: Wo sind denn diese Leute?
Die Fragen stellte Andreas Kötter