Interview mit Ottmar Hitzfeld "Die Welt schaut auf uns"
SPIEGEL:
Herr Hitzfeld, die deutsche Nationalmannschaft hat sich erfolgreich durch die Qualifikation zur Weltmeisterschaft gequält. Sie balancierte am Abgrund. Kennen Sie Beispiele dafür, dass solche Erlebnisse beflügeln?
Hitzfeld: Ja, natürlich. Als wir im September mit Bayern München 2:0 in Dortmund gewannen, war das auch so ein Schlüsselspiel. Bei einer Niederlage hätten wir riesige Probleme bekommen, die Borussia wäre in der Meisterschaft davongezogen. Manchmal gewinnt man auch nach einer roten Karte noch Spiele mit zehn Mann. Solche Erlebnisse sind wichtiger als jede Traineransprache.
SPIEGEL: Am Ende erreichte die Nationalelf ihr Ziel durch ein überraschend müheloses 4:1 gegen die Ukraine. Besteht die Gefahr, dass das Resultat wieder zur Selbstüberschätzung verleitet?
Hitzfeld: Nein. Nach dem 1:5 gegen England und dem 0:0 gegen Finnland haben Spieler und Trainer Tiefpunkte erlebt. Daran entwickelt man sich. Da ist die reflexive Besinnung sehr wichtig: Man überlegt, was man verbessern kann. Die zwei Relegationsspiele haben dann gezeigt, dass die Mannschaft gestärkt aus dem Tief hervorgegangen ist.
SPIEGEL: Einige Nationalspieler haben sich anschließend über die vermeintlich überzogene Kritik der letzten Wochen beklagt. Müssen Profis ein dickeres Fell haben?
Hitzfeld: Sie müssen daran arbeiten. Unsere Spieler von Bayern München wissen, dass sie durch ein Stahlbad der Gefühle gehen müssen. Dass sie es selbst in der Hand haben, die veröffentlichte Meinung durch ihre Leistung zu beeinflussen. Wenn die Leistung nicht stimmt, müssen sie mit Häme und Spott leben. Das macht sie dann noch härter.
SPIEGEL: Auch Teamchef Rudi Völler wirkte geschafft. Es sei nicht leicht, diesem Leistungsdruck standzuhalten, räumte er ein, und er wolle nicht dauernd Schauspieler sein. Muss er das nicht als Trainer?
Hitzfeld: Er muss vor allem glaubwürdig sein. Manchmal ist es gut für die Mannschaft, wenn er zugibt, dass er angespannt ist. Sie merkt dann, dass der Trainer die Gefahr erkennt. Auch ich bin oft angespannt, etwa wenn wichtige Entscheidungen zu treffen sind. Manchmal, wenn der Druck besonders groß ist, muss man der Mannschaft aber auch was vorspielen. Dann achte ich darauf, dass man in meinen Gesichtszügen die Sorgen nicht erkennt.
SPIEGEL: Beobachter glauben, dass Völler die Last der Verantwortung erschreckt hat. Schon wurde über eine Amtsmüdigkeit des Nationaltrainers spekuliert. Sind Sie der Nachfolger?
Hitzfeld: Rudi Völler muss auch mal kleine Stürme über sich ergehen lassen. Mir ist es fast peinlich, wenn ich immer als Wunschkandidat genannt werde. Ich habe bis 2004 einen Vertrag bei Bayern München, und dort macht mir die Arbeit noch Spaß.
SPIEGEL: Das schließt nicht aus, dass Sie derjenige sind, der die deutsche Auswahl zur WM 2006 im eigenen Land führt.
Hitzfeld: So weit denke ich nicht voraus. Ich denke nur ans nächste Spiel, vielleicht gerade noch ans nächste halbe Jahr. So war ich immer, das ist mein Schutzmechanismus. Denn ich führe einen täglichen Überlebenskampf: Ich weiß doch gar nicht, wie lange ich noch Trainer bin; vielleicht werde ich entlassen. Aber ich darf mich damit nicht beschäftigen, ich will keine Zweifel an meiner Arbeit aufkommen lassen.
SPIEGEL: Bayern-Präsident Franz Beckenbauer kann sich gar nicht vorstellen, dass Ottmar Hitzfeld "diese Nationalelf" als "sein Lebenselixier" betrachte. Die sei schließlich Mittelmaß, und zwar noch auf Jahre hinaus. Hat er Recht?
Hitzfeld: Jede Mannschaft hat ein Potenzial. Die Frage ist, wie man es ausschöpft. Als ich noch Trainer beim FC Aarau in der Schweiz war, hatten wir keine Stars. Man nannte uns aber den "FC Wunder", weil wir immer die großen Teams besiegten. Wir spielten Pressing, also ein System, das auf hoher Laufbereitschaft basiert. Das geht immer: Rennen und Kämpfen kann man jeder Elf beibringen.
SPIEGEL: Früher galt die Nationalelf als das logische Lebensziel eines jeden Bundesligatrainers. In Zeiten, da Deutschlands Fußballauswahl als ein Haufen Flaschen verspottet wird, ist das nicht mehr so?
Hitzfeld: Für Christoph Daum wäre es wohl solch ein Lebensziel gewesen. Ich dagegen habe mich nie mit der Frage beschäftigt, ob es ein Traum wäre, erster Trainer meines Landes zu werden. Ich wollte immer nur erfolgreich sein. Bloß nicht als Verlierer dastehen und das Gesicht verlieren das war immer mein Antrieb.
SPIEGEL: Immerhin könnten Sie als Bundestrainer den Stress reduzieren, den Sie derzeit mit permanent zwei Spielen pro Woche haben.
Hitzfeld: Ich kann das nicht beantworten. Es kann sein, dass ich schon in einem Jahr als Trainer aufhöre. Das hängt von der Gesundheit ab, vom Spaß, vom Erfolg. Daher bin ich vorsichtig mit Prognosen. Es kann sich alles schnell ändern. Etwa, dass man müde wird oder feststellt: Das Ende der Fahnenstange ist erreicht. Man wird nicht jünger, der Druck ist immens. Vielleicht will man einfach mal nur Mensch sein oder eine Auszeit nehmen.
SPIEGEL: Warum nehmen Sie nicht einfach Beckenbauers Angebot an, bis zur Rente beim FC Bayern zu bleiben als eine Art Supervisor, ohne täglich mit der Mannschaft auf dem Trainingsplatz arbeiten zu müssen?
Hitzfeld: Der Franz hat doch früher selbst als Trainer keine Übungseinheit ausfallen lassen. Das geht auch nicht. Man muss den Kontakt zu den Spielern halten, den Puls der Mannschaft spüren.
SPIEGEL: Um Ihren Profis, die kürzlich schon wegen ihrer scheinbar programmierbaren Präzisionsarbeit mit Maschinen verglichen wurden, das so genannte Sieger-Gen zu injizieren, das Manager Uli Hoeneß entdeckt haben will?
Hitzfeld: Die Spieler sind keine Maschinen. Jeder hat seine Identität. Wir sind halt zurzeit eine Einheit, das zeichnet uns aus.
SPIEGEL: In der Meisterschaft trat Ihr Team mit solch einem Überlegenheitsgefühl auf, dass es fast schon wieder umsympathisch wirkte.
Hitzfeld: Es ist immer ein schmaler Grat zwischen Selbstbewusstsein und Arroganz. Aber wenn wir die Besten sein wollen, folgen wir nur dem Anspruch der Öffentlichkeit. Je mehr wir gelobt werden, umso größer wird der Druck, diese Erwartungshaltung zu rechtfertigen.
SPIEGEL: Ein Teufelskreis?
Hitzfeld: Ja, denn wir brauchen dieses Selbstbewusstsein, um zu überleben. Als Schutz. Wenn man zaudert oder mit dem Schicksal hadert, weil man acht, neun verletzte Spieler hat, dann kann man die Erwartungen schon nicht mehr erfüllen. Denn so verschafft man der Mannschaft nur ein Alibi. Es darf aber keine Ausrede geben. Es ist ein Unterschied, ob man gewinnen will oder gewinnen muss. Wir haben die Mentalität des Gewinnenmüssens.
SPIEGEL: In der Champions League, in der Sie an diesem Dienstag auf den Dauerrivalen Manchester United treffen, gewann Ihr Team zuletzt sogar stark ersatzgeschwächt in Prag, obwohl ein Sieg gar nicht nötig gewesen wäre. Musste das auch noch sein?
Hitzfeld: Es ist das Ergebnis eines Erziehungsprozesses, dass man jeden Gegner und jedes Spiel ernst nimmt. Weil wir den Verein repräsentieren. Da steht jeder Spieler, der einen Vertrag bei uns unterschrieben hat, in der Pflicht, 90 Minuten zu kämpfen. Sonst läuft er Gefahr, dass ich ihn für längere Zeit auf die Tribüne setze.
SPIEGEL: Sind Sie dann wirklich der kühl kalkulierende Mathematiker auf der Trainerbank der Kopfmensch, den die Fachwelt in Ihnen sieht?
Hitzfeld: Oft hat man gar nicht die Zeit, groß nachzudenken, da muss ich mich auf meinen Instinkt verlassen. Zum Glück habe ich gute Alarmglocken. In solchen Momenten muss man eiskalt und sachlich sein. Etwa als Bixente Lizarazu im Training den Lothar Matthäus ohrfeigte. Da wollte der Lothar schon hinwerfen und nach Hause gehen. Ich musste ihm klar machen, dass wir uns keine Unruhe erlauben können. Er hätte dem Verein geschadet, wäre er weiter beleidigt gewesen. Lizarazu entschuldigte sich, beide haben weitertrainiert. Man muss da als Trainer total überzeugt von seinen Maßnahmen sein.
SPIEGEL: Diese Selbstgewissheit scheint auf die Bayern-Elf abzufärben. Ihr Team wirkte gerade in jenen Wochen besonders souverän, als außer Thorsten Fink kein deutscher Feldspieler auf dem Platz stand. Ist das bedenklich?
Hitzfeld: Manchmal erschrickt man schon, wenn man sieht, dass außer Fink und Torwart Oliver Kahn kein Deutscher mehr dabei ist. Deswegen haben wir ja auch das Ziel, in Zukunft möglichst viele Deutsche zu verpflichten.
SPIEGEL: Warum ist das so wichtig?
Hitzfeld: Weil Bayern München das Aushängeschild des deutschen Fußballs ist. Wenn der beste Verein Deutschlands nur noch Ausländer unter Vertrag hat, leidet darunter die Nationalmannschaft.
SPIEGEL: Ist das wirklich so? Vielleicht bekämen deutsche Talente in der Weltauswahl des FC Bayern weniger Spielpraxis. Der Jungnationalspieler Sebastian Kehl etwa kann beim SC Freiburg sicher sein, dass er aufgestellt wird. Wechselt er nach München, sitzt er womöglich auf der Bank.
Hitzfeld: Bei uns wird jeder Spieler in jedem Training auf hohem Niveau gefordert. Wer sich hier durchbeißt, der entwickelt sich wirklich weiter. Spieler wie Carsten Jancker oder Alexander Zickler dachten oder denken ja daran, uns zu verlassen, weil sie nicht immer spielen. Aber letztlich kommt doch jeder zum Einsatz. Woanders verlieren sie vielleicht die Winner-Mentalität. Bei Bayern ist das wie ein Bazillus, der in jedem Spieler steckt.
SPIEGEL: Die Manager der Bundesligaclubs solidarisierten sich symbolisch mit dem Nationalteam, indem sie zum ersten Relegationsspiel nach Kiew reisten. DFB-Präsident Gerhard Mayer-Vorfelder fordert nun aber auch "praktizierte Solidarität". Worin könnte die bestehen?
Hitzfeld: Wir brauchen mit Blick auf die WM 2006 einen neuen Solidarpakt der Bundesligavereine. Von der nächsten Saison an sollten im 18-Mann-Aufgebot für jedes Spiel mindestens 9 Deutsche stehen. So würde man deutsche Nachwuchsspieler wirklich fördern. Jetzt soll bloß keiner denken, nach der erfolgreichen WM-Qualifikation brauchte man nichts mehr zu tun. Es geht um die Zukunft des deutschen Fußballs.
SPIEGEL: Haben Sie als Bayern-Trainer nicht in erster Linie darauf zu achten, dass Sie in der Champions League weiter mit Europas Spitze mithalten können?
Hitzfeld: Hätten wir die WM 2006 nicht in Deutschland, wäre es nicht so wichtig. Aber so schaut 2006 die ganze Welt auf uns und die deutsche Nationalmannschaft. Also müssen alle einen Beitrag leisten.
SPIEGEL: Der DFB-Chef klagte vor den Relegationsspielen die Rückkehr zu den "deutschen Tugenden" ein, also zum Kampf. Gab es denn ein Einstellungsproblem in der Nationalelf?
Hitzfeld: Nein, die Probleme lagen vielmehr in der Natur des eingeleiteten Umbruchs. Spieler wie Michael Ballack oder Sebastian Deisler müssen erst in ihre Aufgaben hineinwachsen, sie sind noch nicht so reif wie ein Stefan Effenberg. Und wir sehen das Ergebnis einer fatalen Entwicklung. Wir haben doch zehn Jahre lang im taktischen Bereich vieles verschlafen. Zu lange wurde am Libero und an der Manndeckung festgehalten, und zwar an der Basis, in den Amateurvereinen.
SPIEGEL: Kann man derart fehlgeleitete Nachwuchsspieler ruhigen Gewissens in Bundesliga-Spiele schicken?
Hitzfeld: Wir müssen immer das Ziel haben, jungen Talenten Einsatzchancen zu geben. Aber alles im Rahmen der Möglichkeiten. Wir können nicht bei Bayern vier Jugendliche ins Team einbauen und glauben, die Zukunft werde uns das danken.
SPIEGEL: Was würde passieren?
Hitzfeld: Dann wäre schon zur Halbzeit der Saison der Trainer entlassen.
INTERVIEW: MAIK GROßEKATHÖFER, JÖRG KRAMER