Interview mit Ralf Rangnick "Stars ticken anders"
Frage:
Herr Rangnick, am vergangenen Samstag hat Ihre Mannschaft erstmals nach sechs Bundesligasiegen in Folge verloren. Wie haben Sie und die Mannschaft das Ende der Erfolgsserie verdaut?
Rangnick: Für mich wäre es schlimmer gewesen, wenn wir alle Tugenden, die wir vorher hatten, nicht gezeigt hätten. Das war aber nicht so. Die Mannschaft hat so viel Selbstbewusstsein, so viel Potenzial, dass das Ende der Serie für uns kein Problem ist.
Frage: Wie erklären Sie den plötzlichen Erfolg nach dem Trainerwechsel?
Rangnick: Es ist eine gute Mannschaft. Wenn gute Mannschaften mit einem guten Trainerstab zusammenarbeiten, warum sollen da keine guten Ergebnisse rauskommen? Das ist ganz normal.
Frage: Befürchten Sie, dass der positive Effekt des Trainerwechsel verpufft?
Rangnick: Wenn wir künftig sechs von sieben Spielen gewinnen, werden wir mit großem Abstand deutscher Meister. Davon ist aber nicht auszugehen. Ich bin jedoch fest davon überzeugt, dass wir uns da oben festsetzen können - auch wenn wir weiter auf allen drei Hochzeiten tanzen.
Frage: Was macht die Mannschaft so stark?
Rangnick: Die Stärken liegen sicher im großen Offensiv- und Kreativpotenzial, das wir haben. Die Hauptaufgabe ist, die Balance zu finden zwischen dem, was wir nach vorne können, und dem, was wir nach hinten brauchen.
Frage: Was ist mit dieser Mannschaft möglich?
Rangnick: Wir wollen in beiden Cup-Wettbewerben überwintern und uns in der Bundesliga Weihnachten unter den ersten fünf etablieren. Wenn wir es schaffen, mit 30, vielleicht sogar 33 Punkten in die Winterpause zu gehen, hätten wir alle Optionen für die Rückrunde.
Frage: Einige reden schon vom Meistertitel.
Rangnick: Dass Spieler sagen, sie wollen deutscher Meister werden, ist legitim. Das will ich auch. Deswegen heißt es aber nicht, dass alles, was weniger als der Titel ist, am Ende inakzeptabel oder eine Enttäuschung wäre.
Frage: Hat die Mannschaft denn auch das Potenzial dazu?
Rangnick: Das ist auch eine Frage der Konstanz und auch, wie man mit der Dreifachbelastung auf lange Sicht umgeht. Bisher sind wir sehr gut damit zurechtgekommen. Ich gehe davon aus, dass wir im Uefa-Cup weiterkommen. Dann wird sich im Frühjahr zeigen, wie wir damit umgehen. Davon wird abhängen, wie weit vorne wir in der Bundesliga mitspielen.
Frage: Trainieren Sie zurzeit die beste Mannschaft Ihrer Karriere?
Rangnick: In Stuttgart waren sich die Führungsspieler nicht grün, da gab es keine Einigkeit. Wenn man diese Dinge mit hinzuzieht, dann glaube ich schon, dass ich jetzt hier sehr gute Voraussetzungen habe - vielleicht die besten, die ich bisher als Trainer hatte. Die Köpfe der Mannschaft sind Spieler, die mitdenken, die auch mal sagen: Trainer, können wir da noch mal drüber sprechen. So sollte es auch sein.
Frage: Sie haben sich vor kurzem bei Krassimir Balakow bedankt. Hat Ihr Konflikt damals Sie als Trainer verändert?
Rangnick: Es war ja nicht nur Balakow, es waren viele eigenwillige Typen in dieser Mannschaft. Es war für mich ein Schnellkurs, was in der Bundesliga passieren kann. Die Stuttgarter Mannschaft hatte damals alle Symptome einer verhätschelten und verwöhnten Bundesliga-Truppe. Es war nicht einfach, als Trainer mit diesen Egoismen umzugehen. Es gab Momente, da habe ich gedacht: Bist du eigentlich völlig bescheuert, was tust du dir da eigentlich an? Aber im Rückblick waren diese Erfahrungen für meine Entwicklung als Trainer gut.
Frage: Helfen diese Erfahrungen im Umgang mit Spielern wie Ailton?
Rangnick: Na klar. Wenn man Stars hat und dann speziell noch aus Südamerika, muss man sich im Klaren sein, dass die anders ticken. Beim Toni muss man jeden Tag darauf vorbereitet sein, dass etwas passiert. Dem kann man nicht nur mit Strenge oder Sanktionen begegnen. Man muss sich auch damit beschäftigen, warum das jetzt so ist. Das habe ich schon gelernt.
Frage: Ist Ailton denn schon richtig integriert?
Rangnick: Das kann er noch nicht sein, dafür ist er ja noch viel zu kurz hier. Mit einem Spieler wie Toni reibt man sich auch mal, das ist auch okay. Wenn man ihn holt, muss man versuchen, das Optimum aus ihm herauszuholen. Aber auch ihm muss klar sein, dass es sich hier nicht nur um den FC Ailton 04 handelt. Es kann sich nicht alles um Toni drehen. Er muss selber auch seinen Beitrag für die Mannschaft leisten. Darum geht es in der täglichen Auseinandersetzung. Und das hat er verstanden.
Frage: Wie planen Sie über die laufende Saison hinaus?
Rangnick: Wir gehen davon aus, dass wir auf drei, maximal vier Positionen noch etwas machen werden - vom Niveau her ähnlich wie vor dieser Saison. Wir wollen darauf achten, dass die Spieler möglichst keine Ablöse kosten, den Gehaltsrahmen nicht komplett sprengen und der ein oder andere Deutscher ist.
Frage: Fabian Ernst, der seinen Vertrag bei Werder Bremen nicht verlängern wird, passt genau in dieses Anforderungsprofil.
Rangnick: Da kann ich nicht widersprechen, aber in das Profil passt nicht nur einer.
Frage: Welche Ziele haben Sie sich auf Schalke gesteckt?
Rangnick: Wenn wir es schaffen, nächste Saison direkt international dabei zu sein, sind wir zufrieden. Wenn dabei noch ein Titel herausspringt, dann wehren wir uns natürlich auch nicht. Aber es ist schon klar, dass Schalke durch die Transfers zu Beginn dieser Saison zum ersten Mal den Finger gehoben hat. Wenn noch mal zwei, drei gute Spieler hinzukommen, dann wäre das das nächste Mosaiksteinchen auf dem Weg zu einer Mannschaft, die konstant oben mitspielt. Und das ist letztlich das Ziel, dass wir uns da oben auf Sicht festsetzen können."
Die Fragen stellte Thomas Lipinski, sid