Interview mit Rudi Assauer: "Willi, du bist ein Verräter" - DER SPIEGEL
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Interview mit Rudi Assauer "Willi, du bist ein Verräter"

Rudi Assauer ist einer der profiliertesten Vertreter der Fußball-Bundesliga. Im Interview mit SPIEGEL ONLINE spricht der Manager von FC Schalke 04 über Scheinheiligkeit in der Kirch-Debatte, Gelsenkirchener Meisterträume und den Abschied von seinem Trainerfreund Huub Stevens.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

SPIEGEL ONLINE:

Seit der Insolvenz der KirchGruppe wird heftig über die Zukunft des Profifußballs in Deutschland debattiert. Warum haben Sie sich als Vertreter eines Bundesliga-Spitzenclubs in der Diskussion bislang so zurückgehalten?

Rudi Assauer: Was ist denn diese so genannte Kirch-Krise überhaupt? Nichts anderes als ein ganz normaler, wenn auch bedauerlicher Vorgang in der deutschen Wirtschaft. Ich zermartere mir doch nicht schon jetzt den Kopf, wenn ich noch nicht weiß, wie das Ende aussehen wird. Jeder glaubte, seinen Senf zur Diskussion beitragen zu müssen, was dem Fußball nur geschadet hat. "Schotten runter, Klappe halten!" hätte stattdessen die Devise lauten müssen.

SPIEGEL ONLINE: Aufregung erzeugte in der Öffentlichkeit insbesondere die Diskussion um mögliche staatliche Bürgschaften für die deutschen Proficlubs.

Assauer: Auch da meinten einige, sich ungefragt einmischen zu müssen. Ich habe Willi Lemke (Ex-Manager von Werder Bremen und heute Bildungssenator in der Hansestadt; die Red.) am letzten Samstag beim Bundesligaspiel in Bremen gesagt: Willi, du bist ein absoluter Verräter; du hast in deiner Werder-Zeit bei allen Dingen an der Schraube gedreht hat, bis es nicht mehr ging; jetzt stellst du dich hin und jammerst, dass durch die Bundesliga Kindertagesstätten verloren gingen.

SPIEGEL ONLINE: Musste Lemke in seiner Funktion nicht so handeln?

Assauer: Nein, musste er nicht. Das war ein Eigentor, dafür hat er jetzt auch zu Recht von allen Seiten einstecken müssen. Bei den angeblichen Bürgschaften ist doch alles falsch rübergekommen. Es ging doch nur um die Sicherstellung von Beträgen, die später verrechnet worden wären. Da ist viel Porzellan kaputt geschmissen worden. Im Übrigen ist Kirch nicht am Fußball gescheitert. Das zu behaupten wäre doch fahrlässig.

SPIEGEL ONLINE: Aber es hat auch niemand vor der Insolvenz gefragt, wie Kirch die vielleicht überteuert von ihm eingekauften Fußballrechte refinanzieren wollte?

Assauer: Wenn überhaupt, hätte sich diese Frage die Geschäftsführung der DFL (Die Deutsche Fußball-Liga vertritt die 36 Proficlubs hier zu Lande; die Red.) stellen müssen. Denn die ist in ständigem Kontakt mit Kirch gewesen. Wir Clubs sind darauf angewiesen, dass man Informationen, es könne vielleicht brennen, ans uns weiter gibt.

SPIEGEL ONLINE: Die DFL geht davon aus, dass zumindest die im Mai fällige Kirch-Rate in Höhe von 120 Millionen Euro nicht gefährdet sei. Aber was ist kommende Saison, wenn insgesamt 360 Millionen Euro anstehen?

Assauer: Das kann ich nicht sagen. Die DFL ist in Gesprächen mit Kirch, mit anderen Anbietern und mit Banken. Ich weiß nur eines. Es stimmt doch irgendetwas nicht, wenn sich jetzt ein Schlaumeier hinstellt und sagt: Die Rechte sind höchstens die Hälfte wert.

SPIEGEL ONLINE: Einhellige Meinung ist jedoch, dass im Profifußball die Kosten gesenkt werden müssen. Was halten Sie vom Vorschlag, die Spieler sollten auf einen Teil des Gehalts verzichten?

Assauer: Ich bin überzeugt, dass zumindest unsere Spieler vernünftig reagieren, wenn es der Markt tatsächlich nicht mehr hergeben sollte. Kommt es wirklich zu einschneidenden Maßnahmen, dann kann ein Spitzenmann auch nicht mehr mit Italien oder Spanien drohen. Die gehen doch längst alle am Stock. In Italien bricht alles zusammen. Kürzlich rief mich der Vizepräsident des AC Mailand an und jammerte, dass er seinen Etat um 30 Prozent kürzen müsse. Beim AS Rom haben die Spieler seit vier Monaten keine Kohle bekommen. Bei uns ist das Geld immer am Ersten auf dem Konto, das halte ich für einen Riesenvorteil.

SPIEGEL ONLINE: Wäre eine von DFB-Präsident Gerhard Mayer-Vorfelder angeregte Gehaltsobergrenze hilfreich?

Assauer: Das kann man doch in die Tonne hauen. Das hat schon in den sechziger Jahren nicht funktioniert. Da durfte nur ein bestimmter Betrag ausgegeben werden, also hat man unterm Tisch schwarzes Geld gezahlt. Dann hätten wir wieder Oberliga-West-Zeiten. Das aber kann wohl kaum einer wollen.

SPIEGEL ONLINE: Was ist Ihr Vorschlag, damit die Fußball-Bundesliga nicht kollabiert und stattdessen konkurrenzfähig bleibt?

Assauer: Wir haben das strengste Lizenzierungsverfahren in Europa. Hier wird jeder Club auf Herz und Nieren geprüft. In Italien zum Beispiel geht der Verband vor der Saison Pi mal Daumen über die Unterlagen. Ich hoffe, dass die Uefa unser Verfahren endlich auch für alle anderen Länder übernimmt. Dann hätten wir Chancengleichheit. Ich bin mir sicher: Genau da werden wir auch irgendwann hinkommen.

SPIEGEL ONLINE: Und wo wollen Sie mit Ihrem Club, dem FC Schalke 04, hin?

Assauer: Natürlich ganz nach oben. Aber mal im Ernst: Wir können noch nicht den Anspruch des FC Bayern haben, der vor jeder Saison sagt: Mindestens ein Champion-League-Platz ist Pflicht! So weit sind wir noch nicht, und doch rücken wir jedes Jahr näher an Clubs wie München oder Dortmund heran.

SPIEGEL ONLINE: Zur Winterpause hätten Sie sich wohl gefreut, hätte man Schalke einen Platz im Uefa-Cup garantiert. Inzwischen müssen Sie das aber anders sehen.

Assauer: Unsere Zielsetzung war immer ein Platz unter den ersten Fünf. Wenn es mehr wird, dann ist das um so besser. Natürlich wäre es trotzdem eine kleine Enttäuschung, wenn am Ende nur der Uefa-Cup-Platz rausspringt, weil zwischenzeitlich aus eigener Kraft mehr drin war.

SPIEGEL ONLINE: Was fehlt Ihrer Mannschaft, dass sie in entscheidenden Spielen ihre Chance nicht nutzt? Voriges Jahr verspielte Schalke sogar die Meisterschaft.

Assauer: Ich kann dieses Jahr der Mannschaft keinen Vorwurf machen. Sie hat eine zweite Halbserie gespielt, die wohl kaum mehr einer für möglich gehalten hätte. Vielleicht aber fehlen ihr in manchen Situationen noch die fünf bis zehn Prozent an Klasse. Wir sind zwar jederzeit in der Lage, jede Mannschaft in der Liga zu schlagen. Wir sind aber auch so anfällig, dass wir durchaus jedes Jahr in Cottbus verlieren können.

SPIEGEL ONLINE: Die "Bild"-Zeitung hat Sie nach dem 0:3 in Bremen am vergangenen Spieltag demonstrativ aufgefordert, "den Profis knallhart ihre Pflichten vorzuhalten". Hätten Sie schon nach dem mageren 1:1 in Köln auf den Tisch hauen müssen?

Assauer: So etwas kann man höchstens zweimal im Jahr machen, sonst wird man unglaubwürdig. Es wäre also töricht gewesen, jetzt wieder so auf die Mannschaft einzuschlagen, wie ich es in der Hinrunde vor dem Champions-League-Spiel auf Mallorca getan habe. Die Jungs wissen schon, worum es geht, aber manchmal gerät man in Situationen, für die man einfach keine Erklärung findet. Die erste Halbzeit in Bremen war so ein Fall.

SPIEGEL ONLINE: Die Ära mit Trainer Huub Stevens geht nun zu Ende. Werden Sie nach fünfeinhalb gemeinsamen Jahren wehmütig?

Assauer: Was heißt Wehmut? Es ist schade, dass er geht. Wir hatten schöne, aber auch nicht so schöne Zeiten und haben all das gemeinsam durchgestanden, weil ich immer von ihm überzeugt war.

SPIEGEL ONLINE: Trotz der letzten großen Erfolge aber konnten Sie Stevens nicht halten.

Assauer: Er wollte unbedingt nach Berlin. Ich habe ihm gesagt, dass er einen Fehler macht, aber er war nicht mehr umzustimmen. Das muss man akzeptieren und nach vorne schauen. Das haben wir mit der frühzeitigen Verpflichtung von Frank Neubarth getan.

SPIEGEL ONLINE: Hatten Sie nie Bedenken, dass Stevens wegen der frühen Bekanntgabe seines Weggangs die Mannschaft nicht mehr im Griff haben könnte?

Assauer: Nicht einen Moment. Im Gegensatz etwa zu Hertha, wo das schief gegangen ist, haben wir auf Schalke eine andere Situation. Huub ist ein Mensch, den der Ehrgeiz fast zerfrisst und der es nicht ertragen kann, zu verlieren. Es war klar, dass er bis zuletzt alles für den Club geben würde. Zum anderen hört auch bei den Spielern ein Teil der alten Garde auf, die Schalke in den letzten sieben, acht Jahren mitgeprägt hat. Die wollen sich natürlich mit einer guten Saison bei den Fans in Erinnerung halten.

SPIEGEL ONLINE: Wie damals bei der Verpflichtung von Stevens setzen Sie auch bei Neubarth auf einen gänzlich Bundesliga unerfahrenen Coach.

Assauer: Kennen Sie einen Trainer, bei dem Sie jegliches Restrisiko ausschließen können?

SPIEGEL ONLINE: Wie wäre es mit Ottmar Hitzfeld?

Assauer: Der passt nicht zu Schalke. Wer war denn sonst letzten Winter in Deutschland auf dem Markt? Der dicke Meyer (Hans Meyer, Trainer von Borussia Mönchengladbach; die Red.) würde zu uns passen, aber der war nicht frei. Und die ausländischen Trainer, die der deutschen Sprache mächtig sind? Einen Arsène Wenger kannst du nicht bezahlen, ein Trapattoni ist Nationaltrainer und kehrt auch nicht zurück. Also kommt man automatisch auf einen Jungen, dem man eine Chance gibt, sich zu beweisen.

SPIEGEL ONLINE: Der "Tagesspiegel" mutmaßte, dass Sie keinen Startrainer neben sich ertragen könnten.

Assauer: Blödsinn, wer ist denn hier überhaupt ein Startrainer, außer Hitzfeld? Sammer? Der muss erst noch wachsen. Toppmöller? Für den gilt dasselbe. Ich bin davon überzeugt, dass Neubarth der Richtige ist. Er hat Grips und war ein hervorragender Fußballer. Wenn Frank diese Spielintelligenz auf die Truppe übertragen kann, wird er auch Erfolg haben. Nur das zählt für mich. Es ist wichtig für die Truppe, dass jeder spürt: Verdammte Hacke, dem kann ich nichts vormachen! Ich habe ein sehr gutes Gefühl.

Die Fragen stellte Andreas Kötter

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