Interview mit von Heesen "Wir haben eigentlich gar nichts"
Frage:
Herr von Heesen, Ihr Team überrascht nach schlechtem Start wieder die Bundesliga. Das hatten der Arminia die wenigsten zugetraut. Haben Sie dafür eine Erklärung?
von Heesen: Die Situation nach der Trennung von Uwe Rapolder war nicht einfach. Im Sommer gab es hier riesige Diskussionen, und ich habe auch darüber nachgedacht, ob es für mich eine Alternative gibt. Ich habe gemerkt, dass ich mich in der sportlichen Diskussion innerhalb des Vereins aufreibe. Deswegen bin ich dankbar, dass Manager Reinhard Saftig mich entlastet.
Frage: Wie lange hat die gedankliche Umstellung vom Sportdirektor zum Trainer gedauert?
von Heesen: Ich habe vielleicht einen Tag gebraucht, um mich in meine Rolle als Trainer hineinzudenken. Ich habe gemeinsam mit meinem Co-Trainer Frank Geideck überlegt: Nach welchem Plan wollen wir die Mannschaft spielen lassen? Das umzusetzen, dauert vier, fünf Monate. Deshalb war ich überhaupt nicht unruhig, als es anfangs etwas unrund lief.
Frage: Rapolder, der jüngst in Köln entlassen wurde, hat sich mit Vorträgen über Konzeptfußball weit aus dem Fenster gelehnt.
von Heesen: Ich habe eine bestimmte Auffassung vom Fußball, die sich mit seiner Vorstellung fast deckt. Ich spreche aber lieber von der Organisation innerhalb eines Teams als über ein System. Die Organisation innerhalb der einzelnen Mannschaftsteile muss ebenso stimmen wie die Verzahnung zwischen Abwehr, Mittelfeld und Angriff.
Frage: Erklären Sie uns Ihre Vorstellung von Fußball.
von Heesen: Ich bin davon überzeugt, dass es wichtig ist, aus einer Grundkonzeption heraus flexibel agieren zu können. Wir müssen auch den Schalter umlegen und ein anderes System spielen können, so dass man immer eine Antwort auf das hat, was die andere Mannschaft macht. Umgekehrt müssen wir dem Gegner immer etwas anbieten, worauf er wieder reagieren muss. Vielleicht sind das genau die Minuten, in denen der Gegner ins Nachdenken kommt und wir das Spiel entscheiden können. Das sind strategische Dinge, die ich im Kopf habe, die in der Praxis aber unheimlich schwer umzusetzen sind.
Frage: Sie machen jedes Jahr Ihre besten Spieler zu Geld. Wie leben Sie mit einem Konzept, das Rückschritte einplanen muss?
von Heesen: Das ist das Los von Arminia Bielefeld. Es gibt nun mal Lizenzierungsauflagen. Wir müssen ein Nachwuchsleistungszentrum nachweisen können. Dafür brauchen wir sehr viel Geld, das aus den Einnahmen aus dem Spielbetrieb kommt. Wir sind jedes Jahr gezwungen, junge Spieler wie Matthias Langkamp oder Patrick Owomoyela zu entwickeln und zu verkaufen. Man muss etwas in Spielertypen hineininterpretieren, die bei anderen Vereinen überhaupt nicht gefragt sind.
Frage: Die Verkannten und Gescheiterten erhalten in Bielefeld noch mal eine Chance.
von Heesen: Wir holen Spieler, die sich woanders nicht durchsetzen konnten, wie Delron Buckley. Wir haben ihm gesagt: Du bekommst jegliche Rückendeckung, wenn du bereit bist, dein Potenzial zu 100 Prozent abzurufen. In Dortmund ist die Erwartungshaltung sehr groß, da steht er schnell in der Kritik. Bei uns kann man sich in Ruhe wieder aufbauen.
Frage: Nach welchen Kriterien puzzeln Sie Ihre Mannschaft zusammen?
von Heesen: Wir haben sehr selten Stars eingekauft. Wir brauchen Spieler, die charakterlich ins Konzept passen. Wir können niemanden gebrauchen, der nicht bereit ist, ans Limit zu gehen. Auf der anderen Seite müssen die Spieler die Qualitäten für unser Offensivspiel haben. Da wir in der Liga zu 70 Prozent nicht das Spiel machen werden, brauchen wir Spieler, die schnell, technisch gut und konterstark sind.
Frage: Wie den Südafrikaner Sibusiso Zuma. Wie finden Sie solche Spieler?
von Heesen: Wir haben kein Geld für ein großes Scoutingsystem. Wir haben eigentlich gar nichts. Deshalb sind wir auf unser persönliches Netzwerk angewiesen. Reinhard Saftig und ich, wir schauen uns ziemlich viele Spiele an. Wir sind darauf angewiesen, für wenig Geld gute Qualität zu bekommen. Patrick Owomoyela hat uns nicht so überzeugt, als wir ihn beobachtet haben. Wir haben trotzdem an ihn geglaubt und ihn verpflichtet, für weniger als 100.000 Euro, obwohl es hier hieß: So viel Geld für einen Drittligaspieler, muss das denn sein?
Frage: Sie scheinen das psychologische Geschick zu haben, Ihre Spieler mit einer leisen Ansprache zu motivieren.
von Heesen: Ich bin authentisch. Ich mache keine populistischen Dinge, um öffentlich zu demonstrieren, dass ich den bösen Buben spielen kann. Aber wenn einfache Dinge falsch gemacht werden, werde ich ganz unruhig. Da wird es zu meinem persönlichen Problem, dass ich als Spieler auf einem hohen technischen Niveau gespielt habe. Ich muss mich zwingen, meine Spieler nicht zu überfordern, sie sind in der Entwicklung. Ich war mit 18 auch nicht technisch perfekt.
Frage: Beim HSV hießen Sie anfangs van Heesen, was ein wenig nach van Beethoven klang.
von Heesen: Ich bin da nicht empfindlich. Man schreibt mich teilweise immer noch falsch.
Frage: Ist das "von" ein echter Adelstitel?
von Heesen: Wenn ich das wüsste. Da wurde viel Ahnenforschung betrieben, als ich beim HSV anfing. Meine Eltern fanden das ganz lustig. Ich wurde aber auch oft für einen Belgier oder Holländer gehalten.
Frage: Wie sind die HSV-Trainer Branko Zebec und Ernst Happel mit Ihnen umgegangen?
von Heesen: Viel geredet hat Zebec mit mir nicht. Ich war noch keine 18 und habe mich an Horst Hrubesch, Felix Magath und Manfred Kaltz gehalten. Ich habe mich völlig untergeordnet. Zebec hatte den Anspruch, dass ich jeden Tag Augen und Ohren offen halte, um alles mitzukriegen, was passierte.
Frage: Mussten Sie bei Happel auch ohne direkte Kommunikation lernen?
von Heesen: Nein, er war mein Ziehvater. Ich kam von der Bundeswehr, Happel kannte mich überhaupt nicht und sagte: "Mach mal mit hier." Ich habe dann gleich 20 Einsätze in Folge gehabt. Er hat eine spezielle Beziehung zu mir aufgebaut. Wenn mir einmal der Ball im Training vom Fuß sprang, hat er abgepfiffen und mich laut kritisiert.
Frage: Haben Sie ihn manchmal gehasst?
von Heesen: Nein, nie. Happel hat oft antizyklisch gehandelt und alle überrascht. Er hat mich mit 25 zum Kapitän gemacht, als noch Kaltz und Ditmar Jakobs in der Mannschaft waren. Er meinte, dass sei eine Persönlichkeitsentwicklung, die wichtig ist, um eine Mannschaft zu führen, die international ambitioniert ist.
Frage: Als Franz Beckenbauer DFB-Teamchef wurde, hat er sich Übungen von Happel zeigen lassen, die "alle gut gewesen" seien. Haben Sie auch welche vom Großmeister übernommen?
von Heesen: Happel hat relativ hart trainieren lassen, Zebec sowieso. Im Sommer zweieinhalb Stunden bei 30 Grad mit Regenjacke und im Trainingsanzug. Das war brutal. Happel hatte mit Ristic einen super Co-Trainer, der das Praktische gemacht hat. Er hat oft nur auf dem Ball gesessen und sich alles angeschaut. Er hat nur beobachtet und analysiert, wie er die Mannschaft am besten zusammenstellt. Das Team von 1982/83 hat er dahin gebracht, dass es fast von selbst spielen konnte. Happel konnte sich zurücklehnen und sagen: "Jungs, ihr wisst, was ihr spielen könnt, spielt's."
Frage: Sie schwärmen ja richtig von Ihrem Ziehvater.
von Heesen: Ich mag die holländische Fußballschule, Trainer wie Johan Cruyff, Gus Hiddink und natürlich Happel, der mich fasziniert hat. Er war auch Trainer der holländischen Nationalmannschaft. Er hat schon beim HSV mit Raute im Mittelfeld gespielt und zwei Stürmern, Bastrup und Hrubesch. Mit einem zentralen Stürmer und einem, der sich um den herum bewegt. Wir spielen es ähnlich, mit Isaac Boakye und Zuma. Mich wundert es, dass niemand bemerkt hat, dass Happel schon vor 20 Jahren so spielen ließ. Wenn ich heute Barcelona sehe, ist es genau das, was er geliebt hat. Auf Ballbesitz zu spielen, damit der Gegner keine Chance hat, an den Ball zu kommen, und dann im richtigen Moment in die Spitze zu gehen, um zum Erfolg zu kommen. In Barcelona würde ich gerne hospitieren. Dafür würde ich meinen Urlaub opfern.
Die Fragen stellten Matthias Greulich und Rainer Schäfer