Italiens Trainer Prandelli Gentleman mit Faible für böse Buben
Trainer Prandelli: "Eine neue Schule, ein neuer Weg"
Foto: Christof Koepsel/ Bongarts/Getty ImagesMüsste man sich einen kultivierten italienischen Signore vor Augen führen, könnte Cesare Prandelli dafür als Musterbeispiel dienen. Italiens Nationaltrainer übertrifft in Sachen modischer Eleganz an guten Tagen sogar Bundestrainer Joachim Löw. Damit allerdings sind die Vorteile, die Prandelli derzeit gegenüber seinem deutschen Kollegen hat, schon erzählt. "Wir treffen auf ein deutsches Team, das wirklich schon eine Mannschaft ist - so weit sind wir noch nicht", sagt der 53-Jährige vor dem Freundschaftsspiel zwischen Deutschland und Italien (Mittwoch 20.45 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE) in Dortmund.
"Reformator" wird Prandelli in seiner Heimat genannt. Vermutlich wäre es angebrachter, ihn Revolutionär zu nennen. Der Trainer tut das, was seine Vorgänger Marcelo Lippi und Roberto Donadoni über die Jahre versäumt haben: Er baut eine neue Mannschaft auf. Dafür hat er den Kader im Vergleich zu den Vorjahren komplett verändert. Von den 22 Spielern, die Prandelli mit nach Dortmund gebracht hat, sind nur zwei dabei, die vor fünf Jahren an selber Stelle das WM-Halbfinale gegen das DFB-Team gewonnen hatten: Juves Torwart Gianluigi Buffon und Mittelfeldspieler Daniele de Rossi vom AS Rom.
Ein radikaler Neuanfang - das beinhaltet für Prandelli vor allem den Verzicht auf die alten Männer, die beim Turnier 2006 ihren großen Triumph feierten: Gennaro Gattuso, Mauro Camoranesi, Fabio Cannavaro, Gianluca Zambrotta - für die in die Jahre gekommenen WM-Helden ist kein Platz mehr in der italienischen Auswahl. Andrea Pirlo vom AC Mailand fehlt derzeit verletzt. Vorgänger Lippi hatte sie 2010 alle noch einmal mitgenommen nach Südafrika und erlebte mit dem Vorrunden-Aus prompt ein Debakel.
Nur noch auf Platz 13 der Weltrangliste
Die stolze Fußballmacht Italien, vierfacher Weltmeister, liegt in der Rangliste der Fifa mittlerweile auf Platz 13, hinter Griechenland, hinter Norwegen, hinter Kroatien - Angst hat vor der Squadra Azzura im Weltfußball niemand mehr. Löw und sein Nationalteam-Manager Oliver Bierhoff haben im Vorfeld des Spiels in Dortmund zwar artig betont, Italien sei "immer noch eine große Fußballnation". Aber Bierhoff hat gleich ergänzt, der dortige Fußball habe in den vergangenen Jahren den Anschluss ein wenig eingebüßt. Und Löw fiel, als er die Stärken der Italiener aufzählen sollte, nicht viel mehr ein außer dem alten Catenaccio-Klischee: Das Team verteidige stark und lasse in der Defensive kaum Chancen zu.
Für Prandelli sind solche Sätze längst keine Komplimente mehr. Der Coach will sein Team offensiv spielen lassen, vielleicht liegt darin seine wahrhaft größte revolutionäre Tat. Er sagt, "wir wollen all das nachholen, was wir in den vergangenen Jahren leider verpasst haben, wir wollen eine Mannschaft aufbauen, die eine Zukunft hat, die schönen Fußball spielt." Er will "eine neue Schule, einen neuen Weg". Und es ist dem ehemaligen Vereinscoach des AC Florenz ernst damit.
Helfen sollen ihm dabei allerdings ausgerechnet zwei Spieler, die sich selbst im skandalerprobten Italien den Ruf als Enfants terribles erarbeitet haben. Der junge Stürmer Mario Balotelli von Manchester City, der in Dortmund allerdings wegen einer Verletzung fehlt. Und der Milan-Angreifer Antonio Cassano, gerade erst bei seinem vorherigen Club Sampdoria Genua gefeuert, weil er den Präsidenten der Genuesen beleidigt haben soll. Prandelli kennt sich aus mit solchen Härtefällen. In Florenz hat er jahrelang den rumänischen Stürmer Adrian Mutu trainiert, noch so ein Borderline-Fußballer der Serie A, einer, der mit Disziplin nicht viel anfangen kann. Unter Prandelli hatte der Stürmer seine beste Zeit.
Der Trainer sagt, er habe immer gern mit Typen zusammengearbeitet, er wolle keine Jasager um sich. Die Zeiten der Trainerpatriarchen, für die Nationalcoaches wie Giovanni Trapattoni oder auch der schweigsame Weltmeistertrainer von 1982, Enzo Bearzot, standen, hat Prandelli vorerst beendet. Jetzt muss er nur noch die entsprechenden Erfolge vorweisen.
Zumindest in der EM-Qualifikation hat Italien bisher mit zwei Siegen und einem Unentschieden die Pflicht erfüllt. Die Gegner hießen allerdings auch Estland, Slowenien und Nordirland, nicht gerade die Beletage des europäischen Fußballs. Der erste Härtetest für die Form der Italiener hätte im Oktober das Top-Spiel in der Qualifikationsgruppe gegen Serbien sein sollen. Daraus wurde nichts: Serbische Randalierer sorgten damals dafür, dass das Spiel schon nach sechs Minuten abgebrochen wurde.
So wird Deutschland jetzt der erste "richtige Gradmesser", wie der Trainer sagt. 16 lange Jahre hat die DFB-Elf gegen Italien nicht mehr gewonnen, in der Länderspielbilanz stehen 14 italienische, aber nur sieben deutsche Erfolge. Die italienischen Journalisten, die mit nach Dortmund gekommen sind, hatten sogar vom "deutschen Angstgegner Italien" gesprochen. Prandelli kann darüber nur sanft lächeln: "Der Favorit ist Deutschland."