Iván Kaviedes Maskenmann mit Männerproblemen
Wenn man in Buenos Aires einen Taxifahrer nach Iván Kaviedes fragt, hört man lange zu. Über den Fußballer erzählen viele Leute viele Geschichten. Man hat irgendwen zwischen Beckham und Maradona vor Augen, aber nicht diesen "Nine". So nennen sie Kaviedes seit seiner Kindheit, als ihm eine US-amerikanische Mannschaft bei einem Spiel in Ecuador das Trikot mit der Nummer 9, auf dem "Nine" geschrieben stand, gab. "Das war keine leichte Zeit", erinnert sich Kaviedes.
Mit sechs Jahren verlor er Vater und Mutter bei einem Autounfall. Seine Großeltern zogen ihn auf und "füllten die emotionale Leere", wie er heute sagt. "Was dich nicht umbringt, macht dich härter", besagt eine Redensart. Kaviedes lebt danach. "Kämpferisch und beständig, das sind meine Eigenschaften," sagt er, ohne die Stimme zu erheben, gerade so, dass man ihn noch verstehen kann.
Mit 14 Jahren begann sein Dasein als Berühmtheit. Die U17-Auswahl Ecuadors trat gegen seinen Club Sport Colombia an. Da er für die Auswahl als zu jung und zu schwach galt, spielte er für Colombia und schoss beim 3:3 alle drei Tore seines Teams. Von nun an durchlief Nine alle Auswahlteams. Als er noch keine 15 war, sagte er in einem Interview, es werde der Tag kommen, an dem er ein Tor für sein Land schießt und Ecuador sich dadurch das erste Mal für eine Weltmeisterschaft qualifizieren wird.
In die erste Profiliga bahnten ihm Tore, Tore und noch mehr Tore den Weg. In seiner dritten Profisaison, 1998, erzielte er für Emelec Guayaquil in 39 Spielen 43 Treffer. Ein Rekord, den bis heute niemand brechen konnte. Plötzlich war der Junge mit den großen Augen der Welttorjäger des Jahres. Zum ersten Mal interessierten sich internationale Topclubs für einen Spieler aus Ecuador. Vielleicht war das der Höhepunkt seiner Karriere. Nach dem Wechsel zum AC Perugia in die Serie A schoss er weniger Tore. Die skandalösen Geschichten, die die Taxifahrer über ihn erzählten, häuften sich.
Transfer- und Leihodyssee
"Hören Sie, ich rede nicht gerne mit der Presse", sagt Kaviedes unerwartet. "Besonders ungern mit der einheimischen. Die veröffentlichen unbestätigte Informationen." Als El Inseminador, der Befruchter, wurde er in den Medien in der Vergangenheit bezeichnet. Grund waren drei junge Mütter, die 1999 zeitgleich erklärten, dass Kaviedes der Vater ihrer Kinder sei.
Auf dem Fußballplatz suchte er zu dieser Zeit vergebens seine Stärke. Eine Transfer- und Leihodyssee begann: AC Perugia (Italien), Celta Vigo (Spanien), FC Puebla (Mexiko), Real Valladolid (Spanien), FC Porto (Portugal). Barcelona SC (Ecuador), Deportivo Quito (Ecuador) und Crystal Palace (England) sieben Jahre irrte er in der Fußballwelt umher und kam nirgends richtig an. Wenn es keine Streitigkeiten mit den Vereinsführungen oder Schlägereien mit Journalisten gab, fehlte doch bei allen Auftritten des einstigen Welttorjägers immer eines, das Wichtigste: die Tore.
Damals dachte Kaviedes sogar ans Aufhören. Heute sagt er leise: Ich blicke nicht zurück", und zeigt mit seinem rechten Zeigefinger auf seinen linken Unterarm. "Wenn du mich nicht kennst, verurteile mich nicht", steht dort in englischer Sprache geschrieben. Der 29-Jährige erklärt, dass dieser Satz seinen Prinzipien entspreche.
Es scheint, als verstehen sie hier, bei den Argentinos Juniors, diese Prinzipien. "Ich spüre wieder eine besondere Freude. Dieses Gefühl erinnert mich an die Zeit bei Emelec", erzählt er. Schon seit über einem Jahr fühlt Kaviedes sich hier wohl. Manchmal schießt er Tore. Und durch seine Leistungen im Verein schaffte er, wenn auch überraschend, den Sprung zurück in den WM-Kader für Deutschland.
Seine späte Nominierung durch Trainer Luis Suárez wurde vom ganzen Land diskutiert. Die fußballbegeisterten Ecuadorianer meinten, "Nine" sei außer Form. Viele seiner Anhänger erinnerten sich aber noch gut an den 7. November 2001: Ecuador spielte gegen Uruguay. Zur Pause lagen die Gelben mit 1:0 zurück. Dann kam die 72. Minute: Flanke von links, Kopfball, Tor. Kaviedes traf und sicherte mit seinem Tor Ecuadors erste Teilnahme bei einer Weltmeisterschaft. Er hatte ein Versprechen eingelöst.