Jahrhundertteams Die rote Ära
An einem Abend im Mai 1981 treffen der FC Liverpool und Real Madrid im Pariser Prinzenpark aufeinander. Sie wollen den Nachfolger von Nottingham Forrest im Finale des Europapokals der Landesmeister ermitteln. In den Reihen der Engländer stehen Spieler wie Phil Neal, Terry McDermott, Graeme Souness oder Kenny Dalglish, für die Spanier laufen José Camacho, Vicente del Bosque und Uli Stielike auf.
Nach den neunzig Minuten ist die Enttäuschung groß. Liverpool gewinnt zum dritten Mal den Landesmeister-Pokal, durch ein Tor, neun Minuten vor Schluss, von Verteidiger Alan Kennedy, einem Mann, den seine Mitspieler nach der Comicfigur "Barney Geröllheimer" rufen. Das Spiel enttäuscht die Fans beider Lager, auch die Presse lässt kein gutes Haar an den Darbietungen. "Liverpool ist kein glänzender Sieger", schreibt die "Sunday Times" am Tag nach dem Finale und fügt an: "Die Zeit der brillanten Mannschaften ist wohl ohnehin vorbei."
"Liverpool ist die Mannschaft mit Ball"
So geht fast unter, dass Bob Paisley als erster Trainer die Trophäe dreimal gewinnt. Es wird die letzte bleiben, für ihn, der den Verein in den Jahren zuvor geprägt hat und mit den "Reds" über ein halbes Jahrzehnt lang Europa dominiert. "Wenn Sie das Spiel auf einem Schwarz-Weiß-Fernseher sehen: Liverpool ist die Mannschaft mit Ball", lautet ein oft gehörter Reporter-Spruch dieser Zeit.
Dabei versetzte der Amtsantritt von Paisley im Juli 1974 ganz Liverpool in einen Schockzustand. Wobei es weniger um die Installierung von Paisley als vielmehr um dem Rücktritt seines Vorgängers Bill Shankly ging. Shankly hatte den Verein Ende der fünfziger Jahre in der zweiten Liga übernommen, stieg auf, gewann drei Meisterschaften, zweimal den FA-Cup und einmal den Uefa-Pokal. Nun war er müde, wie er selbst sagte, und schlug Paisley als seinen Nachfolger vor.
Dieser stand schon seit zwanzig Jahren im Trainerstab des Vereins, unterschrieb aber in diesem Sommer seinen ersten Vertrag. "Wer ehrliche Arbeit abliefert, wird dafür auch bezahlt", war vorher sein Credo. Nach der Unterschrift machte er sich gleich an die Arbeit. Die englischen Teams trumpften zwar im Messe- oder Uefa-Cup, und auch im Cup der Pokalsieger auf, aber im Pokal der Landesmeister war die Trophäe in zwanzig Jahren nur einmal nach England gegangen. Das sollte sich dank Paisley ändern.
Der Fußball auf der Insel lebte von einer schnellen Spielweise über die Flügel und seiner Zweikampfstärke, aber damit war den großen Teams des Kontinents nicht beizukommen. "Wir mussten lernen, auch geduldig aus der Abwehr heraus zu agieren", sagte Paisley, verzichtete im Training auch mal auf Torschussübungen oder Läufe und führte stattdessen die Partien Fünf gegen Fünf ein. "Das war der Schlüssel zur Veränderung."
Eine Nacht in Rom
Drei Jahre brauchte Paisley, bis seine Änderungen Wirkung zeigten und er den europäischen Thron bestieg. Im Finale der Landesmeister standen die "Reds" Borussia Mönchengladbach gegenüber, und diese Nacht in Rom blieb allen Beteiligten und Zuschauern noch lange im Gedächtnis. Mindestens 25.000 der 57.000 Zuschauer im Stadion standen auf der Seite Liverpools und die Stimmung übertrug sich auf die Spieler: "Ich werde Rom niemals vergessen und mich bis zu meinem Tod daran erinnern, wie ich in das Stadion marschiert bin und die roten und weißen Fahnen sah. So etwas hatte ich noch nie gesehen. Wir waren eine Stunde vor dem Spiel auf dem Feld und dachten uns: 'Wer soll uns hier schlagen?'", sagte Terry McDermott.
Die Stürmer sollten die Gegenspieler auf die Flügel ziehen, damit die Mittelfeldspieler in den freien Raum stoßen konnten, so lautete Paisleys Plan, und nach diesem Muster fiel auch der erste Treffer durch McDermott nach 28 Minuten. "Ich kann mich noch genau an mein Tor erinnern", sagt McDermott, "Wolfgang Kneib kam aus dem Tor gerannt und ich dachte: Aye, aye, schieß, bevor er kommt und dich kriegt. Der Ball hätte überall hingehen können, aber er ging ins Netz."
Dem Ausgleich durch Alan Simonsen kurz nach der Pause folgte in der 65. Minute das 2:1 für Liverpool, diesmal köpfte Tommy Smith nach einer Ecke ein. Die letzten Zweifel in dieser Nacht beseitigte Kevin Keegan, der neun Minuten vor dem Ende auf und davon ging und nur noch durch eine Notbremse eines überforderten Berti Vogts gestoppt werden konnte. Phil Neal verwandelte den Strafstoß zum 3:1. Keegan machte das Spiel seines Lebens, doch sein Abschied aus Liverpool stand schon fest, er wechselte zum Hamburger SV.
Das Ende einer Ära
Paisley fand einen Nachfolger: Kenny Dalglish, Schotte von Celtic Glasgow, stürmte fortan für die "Reds". Im nächsten Europapokal-Endspiel zahlte sich diese Investition aus. Diesmal spielte Liverpool im Finale des Landesmeister-Cups vor 92.000 Zuschauern im Londoner Wembley-Stadion, der Gegner hieß FC Brügge, mit Ernst Happel auf der Trainerbank. Das Team aus Liverpool gab sich keineswegs so locker wie noch ein Jahr zuvor in Rom, obwohl auch wieder zahllose ihrer Fans das Stadion säumten.
Vorstopper Alan Hansen verbrachte die letzte halbe Stunde vor dem Spiel auf der Toilette, trotzdem gab sein Team auf dem Platz den Ton an, scheiterte aber wiederholt an Brügges Keeper Birger Jensen. Erst in der 65. Minute fuhr ein Jubelschrei durch zigtausende Liverpooler Kehlen: Graeme Souness bediente seinen Landsmann Dalglish im Strafraum, der lupfte den Ball über den herausstürzenden Jensen hinweg ins Tor. Es blieb der einzige Treffer des Abends.
Bis zum nächsten und letzten Triumph im Landesmeister-Pokal mit Bob Paisley an der Seitenlinie vergingen drei Jahre, dazwischen schied der FC Liverpool sowohl gegen Nottingham als auch gegen Tiflis jeweils in der ersten Runde aus. Selbst der Erfolg im Jahre 1981 änderte nichts daran, dass die Ära von Bob Paisley bei den "Reds" zu Ende ging. Zwei Jahre später trat er ab.
1984 gewann der Club noch einmal den Europapokal der Landesmeister. Der AS Rom konnte sein Heimrecht - das Finale wurde im Olympiastadion in Rom ausgetragen - nicht in einen Erfolg ummünzen. Nach 90 Minuten hieß es 1:1, am Ende setzten sich die "Reds" mit 4:2 nach Elfmeterschießen durch. Es sollte für lange Zeit der letzte große Titelgewinn bleiben.
Heysel-Tragödie: Europas schwarze Fußballnacht
Denn am 29. Mai 1985 wurde der FC Liverpool für sieben Jahre von allen europäischen Wettbewerben ausgeschlossen. Beim Finale der Landesmeister gegen Juventus Turin im Brüsseler Heysel-Stadion stürmten Anhänger des englischen Traditionsclub noch vor dem Anpfiff die Kurve der Juve-Fans. Bei der daraus resultierenden Massenpanik starben 39 Menschen. Das Spiel endete durch einen verwandelten Elfmeter von Michel Platini mit 1:0 für Turin.
Der FC Liverpool benötigte danach genau 16 Jahre, um einen internationalen Titel zu gewinnen. 2001 tönte nach 120 Minuten der englische Fußballklassiker "You'll never walk alone" aus zehntausenden Kehlen im Dortmunder Westfalen-Stadion. Liverpool hatte den spanischen Club CD Alaves in einem packenden Uefa-Pokal-Finale 5:4 nach Verlängerung besiegt.
Auf den nächsten internationalen Titel mussten die Fans nicht ganz so lange warten. 2005 gewann der FC Liverpool den bedeutendsten europäischen Vereinswettbewerb. Im Champions-League-Finale holte das Team, in dem auch der deutsche Nationalspieler Dietmar Hamann sein Geld verdient, einen 0:3-Halbzeitrückstand gegen Mailand noch auf und gewann am Ende mit 3:2 im Elfmeterschießen.