Jérôme Boateng: Vielseitiger Verteidiger
Jérôme Boateng "Auf Remis zu spielen, ist nicht unser Ding"
SPIEGEL ONLINE: Herr Boateng, Sie mussten bei diesem Turnier bisher am meisten leiden. Zwei Spiele, zweimal verletzt.
Boateng: Ach, das mit dem Daumen aus dem ersten Spiel gegen Portugal war schon blöd. Der tut auch immer noch weh. Aber alles halb so schlimm. Ich gehe fest davon aus, dass ich gegen die USA spielen werde.
SPIEGEL ONLINE: Ein Spiel, über das jetzt schon viel geredet wird und der Verdacht der möglichen Absprache im Raum steht.
Boateng: Das ist doch Unsinn. Ehrlich gesagt weiß ich überhaupt nicht, wie wir spielen müssen, damit wer wie weiterkommt. Auf Remis zu spielen, ist sowieso nicht unser Ding. Wir wollen das Spiel natürlich gewinnen. So wie jedes Spiel.
SPIEGEL ONLINE: Und damit eventuell Ghana und Ihrem Bruder helfen, auch weiterzukommen?
Boateng: Jeder hat hier genug mit sich zu tun. Wir hatten auch nach dem Spiel noch keinen Kontakt, das bringt eine WM so mit sich.
SPIEGEL ONLINE: Die Partie gegen das Team Ihres Bruders war extrem intensiv und hat auch Schwächen der Elf aufgezeigt. Was ist da falsch gelaufen?
Boateng: Nach meinem Gefühl waren wir oft zu langsam, fast ängstlich. Wir sind einfach nicht in den Rhythmus gekommen, keiner war so richtig in Tritt. Aber immerhin gut, dass wir nach dem Rückstand noch einmal zurückgekommen sind.
SPIEGEL ONLINE: Das Modell mit den vier Innenverteidigern, gegen Portugal noch so gelobt, hat gegen Ghana nicht funktioniert.
Boateng: Das würde ich so nicht sagen. Man muss einfach sehen, dass wir in dieser Konstellation bisher nicht so oft zusammen auf dem Platz waren. Das muss sich auch noch einspielen.
SPIEGEL ONLINE: Das heißt, Sie plädieren dafür, dass diese Formation so bleibt - also auch Philipp Lahm trotz der Kritik an ihm im Mittelfeld bleibt und nicht in die Abwehr rückt?
Boateng: Das ist allein die Entscheidung des Trainers. Ich halte den Philipp gemeinsam mit Dani Alves für den besten Rechtsverteidiger der Welt, er hat aber auch beim FC Bayern im Mittelfeld schon ganz stark gespielt. Die Aufstellung ist einzig und allein die Entscheidung des Trainers.
SPIEGEL ONLINE: Und Sie bleiben damit auf der rechten Seite, obwohl Sie viel lieber innen spielen würden?
Boateng: Klar fühle ich mich innen am wohlsten, ich spiele gern direkt gegen einen Stürmer, und auch von meiner Körpergröße passe ich da besser hin. Aber ich habe immer gesagt, dass ich da spiele, wo der Trainer es will.
SPIEGEL ONLINE: Zur Not auch auf der linken Abwehrseite?
Boateng: Zur Not. Das wäre eine noch größere Umstellung. Auch wenn ich das vor Jahren schon gespielt habe.
SPIEGEL ONLINE: Es ist Ihr mittlerweile drittes großes Turnier, wie haben Sie sich in dieser Zeit verändert?
Boateng: Man ist schon routinierter. Ich kann jetzt Jüngeren wie Erik Durm auch schon mal Tipps geben, wie ich sie vor vier Jahren in Südafrika selbst bekommen habe. Aber es kribbelt vor den Partien immer noch, wie beim ersten Mal.
SPIEGEL ONLINE: Am Weltmeistertipp Deutschland hat sich durch den Dämpfer gegen Ghana nichts geändert?
Boateng: Nein. Es wäre falsch zu leugnen, dass wir den Titel holen wollen. Aber jetzt sage ich was ganz Abgedroschenes: Wir müssen hier ohnehin von Spiel zu Spiel denken. Ich habe tatsächlich überhaupt noch nicht nachgedacht, auf wen wir nach dem USA-Spiel treffen können. Das kann ich danach immer noch tun.