Juventus-Star Del Piero Der Ehemann der Alten Dame
In der 57. Minute strahlte Alessandro Del Piero wie ein kleiner Junge. Soeben war dem 1,73 Meter großen italienischen Nationalspieler ein Kopfballtor gelungen. Welch Rarität. Zuvor hatte er schon des Öfteren die deutschen Verteidiger genarrt. Anwesende Journalisten sprachen von einer Weltklasseleistung. Dabei war der 4:1-Erfolg Italiens gegen Deutschland in Florenz eigentlich ein Auswärtsspiel für den Angreifer. Denn wer an Del Piero denkt, der denkt im nächsten Augenblick an Juventus Turin.
Doch in Turin, 410 Kilometer entfernt von Florenz, darf Del Piero sein Können derzeit nur selten zeigen. Für Trainer Fabio Capello ist er nur eine Teilzeitkraft. Capello bevorzugt in seinem System große Stürmer wie Zlatan Ibrahimovic und David Trezeguet. In den wichtigen Partien sitzt Del Piero deshalb auf der Bank. So musste er vor zwei Wochen beim Champions-League-Hinspiel gegen Werder Bremen eine Stunde lang auf seine Einwechslung warten.
In der Serie A hat er in dieser Saison 23 Spiele absolviert, aber nur vier davon über 90 Minuten. Einzig wenn Capello sein Topstürmer schonen will oder einer der beiden verletzt ausfällt, wie Ibrahimovic heute im Rückspiel gegen Werder (20.45 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE), dann darf der 31-Jährige von Beginn an auf den Platz.
Vom Zweitligisten Padua nach Turin
Welch Demontage eines einstigen Weltstars, ist man geneigt aufzuschreien. Capello lässt das kalt. Der Erfolg gibt dem Coach recht. Zehn Punkte Vorsprung hat der Club in der Serie A auf den Tabellenzweiten AC Milan. Sogar Del Piero selbst beschwert sich nicht über seine Rolle. "Ich habe diese Mannschaft noch nie so gut gesehen", sagt er und lobt seine Mitspieler. Sich in den Medien zu preisen, ist nicht sein Naturell.
Das war auch schon vor rund zehn Jahren so, als er seinen größten Erfolg mit Juventus feierte. Als 21-Jähriger gewann er mit dem Verein gegen Ajax Amsterdam im Elfmeterschießen die Champions League. Del Piero war Stammspieler, für die Presse war er "Juves neues Gesicht". An seiner Seiten agierten gestandene Profis wie Didier Deschamps, Gianluca Vialli oder Fabrizio Ravanelli. Alle damaligen Juve-Spieler, bis auf Verteidiger Gianluca Pessotto und Del Piero, haben den Club verlassen. Auch Trainer Marcello Lippi. Er ist inzwischen Nationalcoach Italiens - und setzt dort im Gegensatz zu Capello voll auf den Angreifer.
Stammspieler in der Nationalelf, Reservist in Verein: Um letzteres zu ändern, müsste er den Club verlassen. Del Piero lehnt diesen Vorschlag stets ab. Er ist mit Juventus verheiratet, sagen sie in Italien. Bis mindestens 2008 wird er in Turin bleiben. Im Oktober 2003 verlängerte er seinen Vertrag. 7,9 Millionen Euro garantiert ihm diese Unterschrift pro Jahr, mehr noch als der derzeit verletzte Superstar Francesco Totti vom AS Rom (7,3 Millionen).
Seit knapp 13 Jahren trägt Del Piero nun das schwarz-weiße Dress. Damals holte ihn Giovanni Trapattoni vom Zweitligisten AC Padua zur "Alten Dame". "Als ich Alessandro das erste Mal sah, wußte ich sofort, daß er ein ganz großer Fußballer wird", schwärmt der 66-Jährige noch heute. "Er hat einfach alles: geniale Dribblings, ein sensationelles Auge für die Mitspieler, eine tolle Schusstechnik." Besonders gerne schlenzt Del Piero den Ball vom linken Strafraumeck, der "Zona Del Piero", wie die Italiener sagen, in die rechte Torecke.
Torgefährlich und mannschaftsdienlich
Er verhalf dem Club zu sechs Meister- und einem Pokaltitel, spielte mit Größen wie Roberto Baggio, Zinedine Zidane und Filippo Inzaghi. 191 Pflichtspieltore hat er bis heute für Juve geschossen, so viel wie kein anderer. "Dabei gibt es wenige Spieler, die mannschaftsdienlicher spielen als er", betont Trapattoni, der Del Piero in Turin (1993/1994) und in der italienischen Nationalelf (2002-2004) trainierte.
Wie wichtig er für das Team ist, zeigte Del Piero in der Liga-Partie gegen Inter Mailand vor drei Wochen. In der 69. Minute eingewechselt erzielte er eine Viertelstunde später den 2:1-Siegtreffer per Freistoß. Seitdem, so sagen die Fußballexperten in Italien, ist Juve der 29. Meistertitel nicht mehr zu nehmen.
Damit ein weiterer Pokal in dieser Saison hinzu kommt, nämlich die Champions-League-Trophäe, muss Juventus heute zunächst einmal im Achtelfinal-Rückspiel ein 2:3 gegen Bremen drehen. "Gegen Deutschland haben wir mit der Nationalmannschaft gut gespielt, aber in der Champions League, das ist eine ganz andere Situation", warnt Del Piero. Dann kommt dem eigentlich so zurückhaltenden und ruhigen Profi doch noch ein schelmisches Lächeln auf die Lippen und er fügt hinzu: "Dennoch hoffe ich aber auf das gleiche Ergebnis, 4:1."