Juventus Turin: Warten auf del Piero - DER SPIEGEL
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Juventus Turin Warten auf del Piero

Bis vor zwei Jahren war Alessandro del Piero der unumstrittene Star im Trikot von Juventus Turin, dem Gegner des Hamburger SV in der Champions League (heute ab 20.45 Uhr Live-Ticker bei SPIEGEL ONLINE). Dann kam der Karriereknick.
Von Vincenzo Delle Donne
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Turin - Alessandro del Piero wähnte sich am Abgrund. Im EM-Finale gegen Frankreich hatte der Stürmerstar beim Stande von 1:0 für Italien zwei große Chancen und hätte sich in ganz Italien unsterblich machen können. Stattdessen verfehlte der 25-Jährige das Tor und packte sich anschließend öffentlich in Sack und Asche: "Wir haben den EM-Titel meinetwegen verloren." Keine zwei Monate später dann, im ersten WM-Qualifikationsspiel unter der Ägide des neuen Nationaltrainers Giovanni Trapattoni, versagte del Piero beim 2:2 gegen Ungarn vor dem Tor erneut kläglich.

Seither ist der Stürmer nicht nur bei der Fußballnation unten durch. Auch die Geduld, die die Anhänger und Verantwortlichen beim italienischen Rekordmeister Juventus Turin sowie unabhängige Experten gegenüber del Piero aufbrachten, scheint schon vor Beginn der neuen Saison abgelaufen.

So räsonierte der Chefredakteur der Mailänder "Gazzetta dello Sport", Candido Cannavò, nach del Pieros erneutem Versagen im Spiel gegen Ungarn mitleidsvoll, der Stürmer sei zum tragischen Spielball der Fußballgötter geworden. Schicksal oder Ironie des Schicksals: Mittlerweile zählt er mit geschätzten 18 Millionen Mark Nettojahresgage zu den bestbezahlten Kickern der Welt. Als Werbeträger rangiert sein Konterfei marktmäßig in der gleichen Gewichtsklasse wie die der Ronaldos, Figos, Beckhams und Co. Auch deshalb steht er unter enormen Erfolgszwang.

Rückblende. Der Jungprofi begann fulminant in Turin. 1993 gab er unter Trapattoni sein Debüt in der Serie A und verdrängte innerhalb von zwei Jahren Altstar Roberto Baggio aus der Mannschaft. Die Zäsur in der unaufhaltsam scheinenden Erfolgsgeschichte des Supertalents, das aus bescheidenen Familienverhältnissen stammt, begann strenggenommen mit den Dopingvorwürfen, die der ehemalige Roma-Trainer Zdenek Zeman nach der verkorksten WM 1998 gegen Spieler von Juventus, namentlich del Piero und Gianluca Vialli erhob. Im November 1998 zog sich del Piero dann im Liga-Spiel gegen Udinese kurz vor Schluss einen Kreuzbandriss im linken Knie zu, der seine Karriere jäh zu beenden drohte. Zwar flickten Spezialisten in den USA sein Knie wieder zusammen, danach jedoch war nichts wie es vorher war.

Lange zehn Monate dauerte die Rekonvaleszenz nach dem schweren Eingriff, und auch die Juve-Chefetage war davon überzeugt, dass del Piero sein altes Niveau spielend wieder werde erreichen können: Obwohl der Stürmer längst noch nicht im Vollbesitz seiner Kräfte war, wurde sein Jahressalär auf über 10 Millionen netto erhöht.

Doch als del Piero dann wieder spielte, stellte sich schnell heraus, dass die Gage im krassen Missverhältnis zu den Leistungen auf dem Platz stand. Zudem wirkte er innerhalb der Mannschaft isoliert, und die Aufstockung seiner Bezüge löste einen verheerenden Schneeballeffekt aus: Leistungsträger wie Filippo Inzaghi, Zinedine Zidane oder Edgar Davids verlangten eine Angleichung ihrer Gehälter an das del Pieros.

In der letzten Saison genoss del Piero überdies ein besonderes Privileg. Trainer Carlo Ancelotti konzidierte ihm gewissermaßen eine Stammplatzgarantie. Der Spieler dankte es ihm mit einem Dutzend Treffer - wenngleich jeweils nur per Straf- oder Freistoß. Das änderte jedoch nichts an der Tatsache, dass aus "Il fenomeno", dem Phänomen, wie die Fans del Piero nannten, ein "Godot" wurde - in Anlehnung an den Titel des Theaterstücks von Samuel Beckett. Man wartet sehnlichst darauf, dass der Star zur alten Stärke zurückfindet. Aber vieles scheint darauf hinzudeuten, dass es den Fans und Verantwortlichen von Juve so geht wie Estragon und Vladimir bei Beckett: Sie warten vergeblich.

Einer hat bereits eine unmissverständliche Warnung ausgestoßen: Umberto Agnelli, der mittlerweile das Sagen bei "der alten Dame" hat, nannte del Piero öffentlich einen "cocco di mamma", ein Muttersöhnchen. Unterdessen sinniert der Geschmähte weiter über die Pechsträhne, die ihn nicht loszulassen scheint. "Das Leben", bilanzierte Alessandro del Piero zuletzt ernüchtert, "besteht aus Höhen und Tiefen. Die Täler, die ich durchwandern muss, werden immer größer. Aber sie zu ignorieren, würde einen auch nicht weiterbringen." Auch del Pieros Warten auf die Wende geht weiter.